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Altenburg Joachim Krause erinnert die Zwangsumbenennung von Engertsdorf
Region Altenburg Joachim Krause erinnert die Zwangsumbenennung von Engertsdorf
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05:03 13.09.2018
„Im Glauben an Gott und Hitler“ heißt Joachims Krauses neues Buch. Quelle: Mario Jahn
Altenburg/Engertsdorf

Vor 90 Jahren brach im Wieratal eine kirchliche Bewegung auf, die nach 1933 deutschlandweit Bedeutung erlangte – die Deutschen Christen. Dieses Kapitel der Geschichte dieser Region war bislang ziemlich unterbelichtet, obwohl es bis in die heutigen Tage nachwirkt. Für eine Aufhellung sorgt ein Buch mit dem Untertitel „Die ,Deutschen Christen’ aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945“. Autor ist der in Ehrenhain geborene Joachim Krause. Die Deutschen Christen waren eine rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus, die diesen von 1932 bis 1945 an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen wollte.

Zwei junge Pfarrer kommen aus Bayern

In den Mittelpunkt seines Werkes stellt Krause Siegfried Leffler und Julius Leutheuser – zwei junge Pfarrer aus Bayern, die 1927 in die Kirchgemeinden Niederwiera und Flemmingen kamen. Beiden gelang es in wenigen Jahren, Lehrer, Jugend und Bauern in ihren Dörfern für den Nationalsozialismus und für die Deutschen Christen zu begeistern. In den Kirchgemeinden ersetzte eine neue „zeitgemäße deutsche Gottesfeier“ den herkömmlichen Gottesdienst. Leffler stieg 1939 zum Leiter des sogenannten Entjudungsinstituts in Eisenach auf, das die Aufgabe hatte, alles Jüdische aus Theologie, Kirchenmusik und Gemeindeleben auszutilgen. Während Leutheuser im Krieg fiel, arbeitete Leffler ab 1951 bis 1970 wieder als Pfarrer bei Regensburg und bekam von der Stadt Hengersberg sogar die Ehrenbürgerschaft verliehen.

Wie belastet waren die Kirchenfunktionäre?

Der Autor widmet sich allerdings nicht allein den christlichen Würdenträgern im Wieratal, sondern auch bekannten Lehrern, die Leffler und Leutheuser und den Nazis nacheiferten und sich sowohl in der NSDAP als auch bei den Deutschen Christen engagierten. Ihr Agieren im Hitler-Reich wird ebenso beleuchtet wie deren Schicksal nach Kriegsende. Dabei fand der Autor heraus, dass einige der Aktivisten glimpflich davonkamen und zum Teil nach 1945 wieder als Lehrer arbeiten durften. Nachgegangen wird ebenso, wie die Kirchgemeinden des Wieratals selbst mit ihrer jüngeren Geschichte umgingen. So wird deutlich, dass auch nach 1945 viele Würdenträger der Kirchgemeinden belastet waren. In Frohnsdorf zum Beispiel waren von 13 Kirchvorstehern 11 Mitglieder der NSDAP und alle 13 Mitglied der Deutschen Christen, wie Krause herausfand.

Mauer des Schweigens

Gern hätte der Autor sich auch intensiver mit dem Schicksal der Bauern aus dem Wieratal nach 1945 befasst, stieß jedoch auf eine Mauer des Schweigens. „Unsicherheit, Scham und Angst vor dem Bloßstellen von Verwandten oder Nachbarn sind wohl auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur noch zu stark“, vermerkt Krause.

Dennoch gelang ihm, eines der spannendsten Kapitel dieser Gegend zu beleuchten. Dieses hängt mit dem Bauern Kurt Trenkmann zusammen, der 1933 als Bürgermeister von Hinteruhlmannsdorf veranlasste, Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde zu verleihen und als aktives Mitglied der Deutschen Christen mit dazu beitrug, dass das „braune Hinteruhlmannsdorf“ 1950 zur Strafe seinen Namen verlor und in Engertsdorf umbenannt wurde. Namenspate war der 1945 ermordete Kommunist und Widerstandskämpfer Otto Engert, der aus Prößdorf im Altenburger Land stammte.

Gedenktafel für Alt-Nazi

Kurt Trenkmann kam im Oktober 1945 im sowjetischen Internierungslager „Nr.2“, dem ehemaligen KZ Buchenwald, um. Sein Besitz wurde enteignet. Ein Thema, was dessen Familie und den Ort Engertsdorf selbst bis heute beschäftigt. Trenkmann und drei anderen Einwohnern ist seit 2006 eine Erinnerungstafel in der Kirche Frohnsdorf gewidmet: „Im Gedenken an die unschuldigen Opfer des stalinistischen Terrors“.

Joachim Krause stellt sein Werk am Sonntag, 19 Uhr, in der Kleinröhrsdorfer Kirche vor.

Von Jens Rosenkranz

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