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Julia M. Nauhaus zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz

OVZ-Interview Julia M. Nauhaus zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz

Am Mittwoch gibt sie ihre letzte Pressekonferenz. Es ist zugleich der letzte Arbeitstag für Julia M. Nauhaus (40) in Altenburg. Denn die Direktorin des Lindenau-Museums scheidet – unfreiwillig – aus dem Amt. Ihr Vier-Jahres-Vertrag wurde nicht verlängert. Die OVZ sprach mit der Museumsleiterin über Erreichtes, Künftiges, über Vorfreude und Abschiedsschmerz.

Julia M. Nauhaus vor Gemälden im Lindenau-Museum.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Am Mittwoch gibt sie ihre letzte Pressekonferenz. Es ist zugleich der letzte Arbeitstag für Julia M. Nauhaus (40) in Altenburg. Denn die Direktorin des Lindenau-Museums scheidet – unfreiwillig – aus dem Amt. Ihr Vier-Jahres-Vertrag wurde von Landrätin Michaele Sojka (Linke) nicht verlängert. Die OVZ sprach vor dem endgültigen Abschied mit der Museumsleiterin über Erreichtes, Künftiges, über Vorfreude und Abschiedsschmerz.

Am 1. April treten Sie ihren neuen Job in Wien als gemeinsame Leiterin der Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts der Akademie der Bildenden Künste an. Die Koffer und Umzugskisten sind bestimmt gepackt, haben Sie schon eine neue Bleibe gefunden?

Ich beziehe eine sehr schöne, große Altbauwohnung im vierten Stadtbezirk von Wien. Aber weder Kisten noch Koffer sind bereits gepackt. Dafür fehlte mir bislang einfach die Zeit. Ich habe sozusagen bis zur letzten Minute im Museum zu tun. Aber bis zum Amtsantritt in Wien verbleiben ja noch zwei Wochen Urlaub, das muss für den Umzug reichen.

Überwiegt die Vorfreude oder der Abschiedsschmerz?

Das hält sich die Waage.

Und was liegt auf diesen beiden Waagschalen?

Auf der einen Seite die Vorfreude auf Wien, auf die Welt-, Kultur- und Hauptstadt und natürlich die beiden hochkarätigen Sammlungen, die ich betreuen werde. Da kann ich den Lehraspekt der Lindenauschen Sammlungen, das Didaktische, fortsetzen. Die interessante Frage ist, wie man das im 21. Jahrhundert umsetzt. Diese Kunstakademie ist ein neuer Kosmos, in den ich eintauchen werde. Auf der anderen Seite fällt mir vor allem der Abschied vom Künstler Gerhard Altenbourg und seinen Werken schwer. Die Reihe „Altenbourg im Dialog“ ist ja quasi mein Baby. Hier hatte ich durchaus noch viele Pläne und Ideen. Das gleiche trifft auf die Lindenausche Sammlung zu. Das geht mir schon nah.

Was, glauben Sie, bleibt von Ihnen? Was haben Sie im und für das Museum erreicht?

Das Museum hat sich definitiv mehr geöffnet, in die Stadt und die gesamte Region hinaus. Ich bin überzeugt, dass es gelungen ist, in der relativ kurzen Zeit das Museum überregional wieder bekannter zu machen. Das haben aus allen Teilen Deutschlands angereiste Besucher ebenso bestätigt wie Kollegen. Das ist alles freilich nichts Messbares. Es bleiben natürlich die Publikationen, die restaurierten Gemälde und nicht zuletzt die Steigerung der Besucherzahlen. Von rund 17 000 im Jahr 2012 auf rund 19 000 im Jahr 2014. Im Vorjahr waren es leider wieder etwas weniger.

Es mutet dennoch wie die berühmte Ironie des Schicksals an, wenn ein Museum mit der größten Sammlung italienischer Tafelbilder jenseits der Alpen sowie seinen imposanten Gipsabgüssen, seiner grafischen Sammlung und zeitgenössischen Kunst es auf gerade mal rund 20 000 Besucher bringt – pro Jahr. Geht man mit denselben Kunstwerken nach Paris, kommen 140 000 Interessierte – in drei Monaten.

Altenburg ist eine Kleinstadt. Wie viel Prozent der derzeit 31 000 Einwohner sind an Kultur interessiert? Paris ist hingegen eine Weltstadt. Das kann man einfach nicht vergleichen. Die geografische Lage von Altenburg und die Landesgrenzen machen die Sache nicht einfacher. Es bräuchte touristischer Marketingkonzepte mit mehr Unterstützung durch den Freistaat.

Wie viele Ausstellungen sind unter Ihrer Regie entstanden, und welche lag Ihnen besonders am Herzen?

Ich wollte unbedingt nachzählen, habe es aber vergessen. Etwas über 20 waren es. Auf den zweiten Teil Ihrer Frage gibt es hingegen eine klare Antwort: die Griechenland-Ausstellung.

Nun ist bei der Personalie Julia M. Nauhaus natürlich nicht nur ein künstlerisches Fazit angebracht. Die Nichtverlängerung Ihres Vertrags hat in der Republik ziemlich Welle gemacht, um es mal salopp auszudrücken. Dabei hatten Sie ja selbst vor, das Museum zu verlassen und sich für einen neuen Job in Wien beworben.

Das stimmt so nicht. Wenn man wie ich keine Sicherheit hat, dass es nach den vier Jahren auch weitergeht, muss man sich umschauen. Direktorenstellen liegen ja bekanntlich nicht auf der Straße. Deshalb habe ich mich in Wien beworben, es war die einzige Bewerbung. Aber es war mein fester Plan, nicht aus eigenem Antrieb wegzugehen. Für insgesamt zehn bis 15 Jahre wäre ich gern geblieben.

Ihnen ist die Nichtverlängerung Ende November mitgeteilt worden. Als Sie im Januar publik wurde, hätten Sie doch spätestens dann den medialen Aufschrei verhindern können.

Die Stellen in Wien sind zweimal ausgeschrieben worden, einmal im April und einmal im Mai. Dann hat sich alles ziemlich hingezogen. Mein Vorstellungsgespräch in Wien war erst eine Woche nach der Verkündung meiner Nichtverlängerung in Altenburg. Und unterschrieben habe ich den Arbeitsvertrag erst am 20. Januar. Niemand an meiner Stelle, ob in einem Kulturbetrieb, einer Behörde oder in der Wirtschaft, hätte vorher öffentlich über einen möglichen neuen Job gesprochen. Mein Vertrag ist leider von der Landrätin nicht verlängert worden. Insofern war die Berichterstattung in den Medien, die ja vor allem eine Würdigung meiner Arbeit war, schon eine Genugtuung.

Was, glauben Sie, war der Grund für die Nichtverlängerung?

Ich habe mehrfach erklärt, dass ich mich dazu nicht äußern werde. Nur soviel: Es ist immer schwierig, wenn man als junge Kunsthistorikerin in ein Team kommt, das 31 Jahre dieselbe Chefin hatte. Da ist vieles eingespielt, und es gibt zwangsläufig Konflikte, wenn man mit neuen Ideen kommt. Die Frage ist immer, ob und wie man sie löst.

Sie sollen ja schon kurz nach Ihrem Amtsantritt für Unmut gesorgt haben, als Sie das Museum nicht mehr für private Feiern öffnen wollten.

Das ausschlaggebende Erlebnis für mich war die köchelnde Tomatensuppe vor dem 170 Jahre alten Abguss der Ghiberti-Tür. Große Partys gehören nunmal nicht in ein Museum, das ist weltweiter Standard. Es ist zu Schäden an den Kunstwerken gekommen, und durch diese Vermietungen wurden keine zusätzlichen Einnahmen erzielt, denn sie waren nicht kostendeckend. Trotzdem hat es auch in meiner Amtszeit durchaus noch private Nutzungen gegeben, doch ich habe sie auf 50 Leute beschränkt und warme Speisen aus dem Haus verbannt. Ich hatte schlicht keine Lust auf eine Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Altenburg.

Auch den Förderkreis des Museums sollen Sie vor den Kopf gestoßen haben, indem sie die traditionelle Mäzenaten-Veranstaltung nicht weiterführen wollten.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Auf diesen Veranstaltungen wurden Werke für das Museum von Privatpersonen finanziert. Dabei sind zum Teil Werke in unsere Sammlungen gekommen, die aufgrund ihres Zustands vermutlich nie ausgestellt werden oder die ich nicht als museumswürdig erachte. Es geht hier um ein national bedeutsames Museum und keine Privatsammlung. Trotzdem hat es nie einen absoluten Dissens zwischen mir und dem Förderverein gegeben. Wir haben auch sehr viele Dinge gemeinsam gemeistert, der Verein hat mich bei der Finanzierung von Veranstaltungen und Ankäufen, auch Restaurierungen aktiv unterstützt. Das wird eben alles oftmals sehr einseitig dargestellt. Leider.

Was nehmen Sie mit aus der Kleinstadt Altenburg in die Weltstadt Wien?

Altenburg ist eine wunderschöne Stadt, die ich meinen Verwandten und Freunden immer mit größtem Vergnügen gezeigt habe. Allerdings hat sich mein Radius immer sehr auf das Museum beschränkt. Seit Bekanntwerden meines Abschieds aber habe ich von so vielen Menschen in Briefen, E-Mails oder persönlichen Gesprächen Dank und Anerkennung für mein Wirken erhalten, wie ich es nicht für möglich hielt. Das berührt mich sehr. Das nehme ich in erster Linie mit.

Wo sehen Sie das Lindenau-Museum in zehn Jahren?

Ich weiß es ehrlich gesagt wirklich nicht. Das Museum braucht langfristig ein Konzept und Visionen, braucht Geldgeber und Lobbyisten und vor allem Unterstützung durch die Politik. Ich befürchte, dass man sich in Altenburg mit kleinen Lösungen zufrieden geben will.

Von Ellen Paul

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