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Altenburg Jungs aus Syrien und Afghanistan leben sich in Meuselwitz langsam ein
Region Altenburg Jungs aus Syrien und Afghanistan leben sich in Meuselwitz langsam ein
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19:00 12.02.2016
Bangin, Mustafa, Mahmout oder Masoud (v.l.) bei der Küchenarbeit. Die Jungs bereiten ihr Abendbrot selbst vor. Quelle: Mario Jahn
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Meuselwitz

Wenn Therapiehündin Pippi Lotta über den Gang im Verwaltungsgebäude des Meuselwitzer Bildungszentrums (MBZ) läuft, dauert es nicht lange und Mustafa, Bangin, Mahmout oder Masoud wollen mit ihr spielen. Die vier Jungs gehören zu der neunköpfigen Gruppe von minderjährigen unbegleiteten Asylsuchenden (Umas), die seit November in Meuselwitz untergebracht sind. „Am Anfang sah das ganz anders aus. Als die Jungs meinen Hund das erste Mal gesehen haben, sind sie auf Tische und Stühle gesprungen“, berichtet Betreuerin Heide Steuer. In ihren Heimatländern Syrien und Afghanistan gebe es kaum Hunde, die in den Familien leben. Deshalb hätte es ein wenig gedauert, bis die 14- bis 17-Jährigen Vertrauen zu dem Cattle Dog gefasst hatten. Heute herzen und streicheln sie den Vierbeiner.

So wie sich die Jungs an das Zusammenleben von Mensch und Hund in Deutschland gewöhnt haben, gelingt es ihnen auch immer mehr, mit dem Tagesablauf hier klarzukommen. „Sie müssen früh aufstehen, Schulbrote schmieren und dann geht es zum Bus nach Altenburg. Dort besuchen sie bis 13 Uhr einen Deutsch-Einstiegskurs, in dem sie auch mit den Lebensgewohnheiten und dem Miteinander in Deutschland vertraut gemacht werden“, berichtet Claudia Rütz, Bereichsleiterin für Jugendhilfe im MBZ.

Sechs Betreuer im Schichtsystem rund um die Uhr vor Ort

Die Kinder und Jugendlichen leben hier in Meuselwitz wie in einem Familienverbund. Alle sind in der Obhut des Jugendamtes. Sechs Betreuer sind im Schichtsystem rund um die Uhr für die Jungs da. Sie stammen aus Syrien und Afghanistan, doch Grüppchenbildung gebe es nicht, hat sie beobachtet. Ihre Freizeit verbringen die Teenager meist gemeinsam im Aufenthaltsraum, wo Computer, Fernseher und Tischtennisplatte zur Verfügung stehen. Sprachbarrieren hätten die Jungs schnell überwunden. „Sie lernen auch sehr schnell und beherrschen das Alltagsdeutsch schon recht gut“, schätzt Rütz ein, die ausgebildete Sozialpädagogin ist. In sensiblen Bereichen wie bei Arztbesuchen oder Behördengängen hat jeder der Umas einen Bezugsbetreuer. Und wenn es erforderlich ist, werde auch ein Dolmetscher organisierte.

Positiv am Standort in Meuselwitz ist das Alleinstellungsmerkmal als Bildungs- und Arbeitsmarktdienstleister sowie Jugendhilfeträger. „Wir bieten den Jungs hier die Möglichkeit, in den Werkstätten erste praktische Erfahrungen zu sammeln“, betont Rütz. Dies sei im Hinblick auf Berufsorientierung, Ausbildung und Integration ein entscheidender Vorteil.

Probleme bei der Suche nach einem Friseur

In ihrer Freizeit spielen einige der Flüchtlingskinder gern Fußball. Beim FSV Meuselwitz können sie richtig trainieren. Wer will, kann sich auch in anderen Sportarten ausprobieren. So freundlich wie hier werden die Jungs in Meuselwitz aber nicht überall aufgenommen. „Wir haben zum Beispiel vor Ort keinen Friseur gefunden, der ihnen gegen Bezahlung die Haare geschnitten hat“, zeigt sich die Sozialarbeiterin enttäuscht. Im benachbarten Altenburg wurden sie dagegen fündig – hier kamen die Jungs sogar kostenlos zu einem neuen Haarschnitt.

„Ganz wichtig ist für die Jungs, dass sie täglich mit ihren Familien zu Hause kommunizieren können. Vor allem für die fünf Syrier, die alle aus Kriegsgebieten kommen, ist es wichtig zu wissen, dass des Daheim allen gut geht. Denn schlimme Erfahrungen mit dem Krieg haben sie in ihren Familien alle schon gemacht“, weiß die Sozialpädagogin aus Gesprächen mit ihren Zöglingen. Sie hat auch beobachtet, dass die meisten Nachts mit Licht schlafen.

Um dem früheren Tagesablauf der jungen Kriegsflüchtlinge entgegen zu kommen, wird abends gekocht. Ein Küchenplan legt fest, wer an welchem Tag das Essen zubereitet. „Es wird viele Geflügel und Gemüse gegessen. Manchmal gibt es aber auch deutsche Gerichte wie Spinat mit Ei und Kartoffeln“, erzählt sie.

Schulbesuch für die Jungs jetzt am wichtigsten

Weil der Deutschkurs im März ausläuft, wäre es wichtig, dass die Jungs bald eine Schule besuchen. „Alle haben bis zu ihrer Flucht in ihren Heimatländern die Schule besucht. Zwei wollen in Deutschland ihr Abitur machen“, so Rütz. Spätestes im nächsten Schuljahr sollten die Kinder und Jugendlich dann in die Schulen integriert werden, so das Ziel.

„Im Landkreis leben derzeit insgesamt 41 Umas. Viele sind älter als 16 Jahre. 17 von ihnen sind mit vermeintlichen Verwandten nach Deutschland geflohen“, berichtet Dirk Nowosatko, Fachbereichsleiter Jugend, Soziales und Gesundheit im Landratsamt Altenburger Land. Die Vormundschaft über alle 41 habe das Jugendamt übernommen, auch für die, die bei Verwandten leben. „Weil auch die minderjährigen Flüchtlinge nach einem Schlüssel verteilt werden, müssten wir im Landkreis schon 79 betreuen. Wir haben derzeit dafür aber keine Kapazitäten. Im Augenblick gibt es zwei Wohngruppen. Neben der Meuselwitz besteht die andere in Altenburg. Eine dritte ist in Schmölln im Aufbau“, so der Fachdienstleiter.

Weil das nicht ausreiche, würden andere Varianten zur Unterbringen der Umas geprüft. „Denkbar wären Wohngemeinschaften mit einem Sozialpädagogen. Im Gespräch sind zudem Pflegefamilien“, sagt Nowosatko, der ein Problem darin sieht, dass es nach dem Auslaufen der dreimonatigen Deutschkurse derzeit keine Anschlusskurse gibt. „Wir haben deshalb eine Arbeitsgruppe, in der viele Träger vertreten sind, gegründet. Trägerübergreifend suchen wir nach Möglichkeiten, wie während der Durststrecke der Deutschunterricht weitergeführt werden kann. Schließlich sind Deutschkenntnisse Voraussetzung für eine Berufsausbildung“, schildert er die gegenwärtige Situation. Das sei um so wichtiger, als für die über 16-Jährigen keine Schulpflicht besteht. Und das betrifft viele der Umas im Landkreis.

Von Marlies Neumann

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