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Altenburg Kabarett-Premiere der Nörgelsäcke in Gößnitz: Nichts Neues im Kaff der guten Hoffnung
Region Altenburg Kabarett-Premiere der Nörgelsäcke in Gößnitz: Nichts Neues im Kaff der guten Hoffnung
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11:21 16.06.2016
kabarett Quelle: Stefan Müller
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Gößnitz

Ein lauer Sommersamstagabend in Gößnitz. Es ist gegen 20 Uhr und gut gelaunte Bürger bewegen sich in Richtung Dammstraße, Sitz der „Nörgelsäcke“. Der angereiste Gast begreift, warum er zeitiger ins Objekt schlendern soll. Kabarett-Chef Markus Tanger bedient traditionell die Gäste und schwätzt hier und da über die Welt. Eigentlich passt diese Zeremonie diesmal direkt in die Premiere. Der Titel ist Programm und „Neues aus dem Kaff der guten Hoffnung“ haben die drei Protagonisten Bettina Prokert, Maxim-Alexander Hofmann und Chef Markus Tanger genügend zu verbreiten.

EM-Fußball versus Kabarett ist nicht. Kabarett, dazu richtiges politisch-satirisches, gewinnt in Gößnitz nahezu immer. Also ausverkauft. Der Ort des Geschehens, das Kaff, heißt Güntersdorf und könnte durch jeden x-beliebigen klein- und mittelstädtischen Ortsnamen im Osten ersetzt werden. Wie sich herausstellt, nicht nur im Osten. Gleich vorab; ein glänzendes Programm mit lust- und geräuschvoll agierenden Spielern, denen die überflutende Spielfreude in jeder Sekunde anzumerken war. Die eigenen Texte sowie die von Philipp Schaller und Erik Lehmann, haben sie sich auf den Leib geschneidert und so knallt es und kracht laut und leise unter der Regie Ulf Annels (Erfurt), in wunderschönen Songs, tollen bekannten und neuen Sprüchen, Balladen, im erzgebirgischen Volkslied, selbst ein Rap musste herhalten.

Manches erschien überhaupt nicht einstudiert zum Neujahresempfang bei Bürgermeister Günter in Güntersdorf. „Spricht er schon lange?“ fragt der Zuspätkommende und die raunende Antwort“ ja, aber gesagt hat er noch nichts...“. Nicht neu, oder? Alle nur erdenklichen Probleme des neuen und alten deutschen Zeitgeistes wurden so beackert und seziert, dass dem Zuschauer – und so gewollt – das viele Lachen gelegentlich im Halse steckenblieb. Der brotlose einzige Anwalt vor Ort und wie es ihm ginge; nun ja, schlecht, er könne nicht klagen, weil Güntersdorf flüchtet. Neue Flüchtlinge kommen, um zu leben und die Güntersdorfer gehen ins Ausland um zu sterben. Ein Programm muss her, um vor allem Frauen im gebärfähigem Alter anzusiedeln, deren Quote im Ort niedriger als die im Vatikan ist. Ein bisserl zu schlicht dann doch „Machos aller Länder vereinigt euch“, um mitzuteilen, dass die vermeintlich aufblühende Frauenvorherrschaft, mittels Einführung des Islams, eingedämmt werden könne. Neuankömmlinge, die durch die „Landlust“ zu siedeln sich angeworben fühlen, erleben erschrocken lebendige Flora und Fauna, vor allem jedoch; kein Einheimischer hat ein „Landlust“-Abo aber viele eines vom „Landser“. Wow, das saß.

Die Flüchtlinge, die dem Bürger die Seerosen aus dem Teich klauen und alles niedertrampeln, entpuppen sich fröhlich als Waschbär, Fuchs und Keiler. Die wandern aber auch ab in die Stadt und sehen das Paradies – „da darf uns wenigstens keiner abschießen“. Wunderbar die ständige Benutzung der Floskeln handelnder Politiker „und es erfüllt mich mit großer Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass ...“ und wie sich des deutschen Spießers Wunderhorn (Meyrink) ständig füllen lässt. Das geht über die Cote d’Azur „auch wenn man in der Scheiße schwimmt... Hauptsache die Richtung stimmt...“ bis zu Ingo Insterburgs „Ich kannte mal ein Mädchen aus...“ – gefühlte 30 mitteldeutsche kleinere und größere Kaffs wurden mit Inbrunst besungen.

Neben allen bürgerlichen Spielplätzen beim Metzger, Bäcker oder in im Beerdigungsinstitut, bedienten die drei wunderbar agierenden Spieler auch die große Politik: Die Achse Trump – Gauck – Gabriel wurde herzerfrischend erläutert. Es durfte die große Güntersdorfer Hymne nicht fehlen und die ostdeutschen Traditionen mit eingestreuten DDR-Textphrasen ernteten freundlich-mildes Lächeln.

Dann der große Solo-Auftritt Bettina Prokerts als tschechische Multiunternehmerin Svetlana im Dienstleistungsgewerbe in Deutschland, zugleich als Liebesdienerin, Putze, Tankwart und Verkäuferin im VEB Lidl. Ihr Bestjob allerdings ist es als bezahlter schwarzangemalter Neger, mangels Originale, von Neonazis durch den Ort gejagt zu werden. Am liebsten jedoch macht sie „Knedl“ nach getaner Arbeit. Die Frage, wer vor Jahren dämlicherweise „Ausländer raus“ gebrüllt habe, weil im deutschen Dienstleistungssektor bis hin zum Gewandhausorchester und zum Puff rein gar nix mehr geht, bleibt nicht nur rhetorischer Natur.

Alles in allem, sehr gute treffsichere Satire in bester Tradition des politischen Kabaretts, mit Klamauk, Slapsticks und Comedy untersetzt. Die großartige Spielfreude macht das neue Programm der umtriebigen Gößnitzer Kleinkunstunternehmer zu einem „Must-have“ für alle, denen geistvoller Humor nahesteht. Sie werden lachen. Auch über sich.

Von Stefan Müller

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