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Keiner kommt aus seinem Gefieder

Keiner kommt aus seinem Gefieder

Tschaikowskis "Schwanensee" gehört zum klassischen Repertoire vieler Bühnen gerade in der Weihnachtszeit. Silvana Schröder bringt mit dem Thüringer Staatsballett eine sehr ungewöhnliche Interpretation ins Landestheater.

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Klassisch und doch anders als erwartet: die neue Ballett-Inszenierung von Silvana Schröder.

Quelle: Stephan Walzl

Peter Tschaikowskis Ballett "Schwanensee" gehört unweigerlich zum großen Erbe abendländischer Kultur. Das allerdings macht die Geschichte um die beiden Schwanenprinzessinnen nicht unbedingt leichter rezipier- und inszenierbar. Erwartungen daran, wie man das zu tanzen hat, lähmen vielerorts die Frische und Kreativität, versetzen Interpreten wie Rezipienten in eine Art Schockstarre. Deshalb überlassen es viele Häuser umherreisenden Balletttruppen mit osteuropäischen Namen, mit Tutu und Schwanenhäubchen, den Grundbedarf nach Kitsch abzudecken und den entsprechenden Markt abzuschöpfen.

 

Das muss nicht sein. Den Ballettklassiker als wirklich eindrucksvolle zeitgemäße Kunst, die trotzdem alle Erwartungen an grandiosen klassischen Tanz erfüllt, bringt Silvana Schröder mit dem Thüringer Staatsballett auf die Bühne. Unter dem Titel "Schwarzer Schwan" erzählt sie die harte Märchengeschichte schlicht aus der Perspektive des anderen Schwanenmädchens.

 

Odile wird zum Sinnbild für die Kürze des Weges vom Opfer zum Täter. Die fantastische Alina Dogodina gestaltet eindringlich die Entwicklung einer Geschlagenen, Getretenen, Missbrauchten und Eingesperrten zur wahnsinnigen Mörderin. Es ist beeindruckend, wie in Schröders Choreografie, die Elemente des klassischen Balletts in moderne Abläufe eingebunden werden und umgekehrt, das Psychodrama so unmittelbar zutage tritt.

 

Anastasiya Kuzina ist der andere, der weiße Schwan - die Sehnsuchtsprojektion der Misshandelten. So zu sein, so unbeschwert - das ist ihr Traum. Und deshalb möchte sie dieses Leben rauben. Nicht allein um der Liebe zum schönen jungen Siegfried (Filip Kvacák) willen. Nicht nur, um dem grausamen Vater Rotbart (Vitalij Petrov) zu entrinnen. Sondern der naiven Unbeschwertheit wegen, die ihr unmöglich ist.

 

All das erzählt Schröder in klaren, bewegenden Bildern und bleibt trotzdem nichts schuldig. Natürlich haben auch hier die vier kleinen Schwäne (Stefania Mancini, Yi Han, Matttia Carchedi und Hudson Oliveira) jenen Witz und Charme, der sie zu Publikumslieblingen macht. Und natürlich der virtuos springende Yaosheng Weng als Freund des Helden. Doch auch die eigene Ästhetizität der großen Schwäne - in relativ einheitlichen Schwanengewändern unabhängig vom Geschlecht - hat ihre ureigene Faszination.

 

Andreas Auerbach schuf eine Ausstattung, die in ihrer bis ins letzte Detail geschlossenen Ästhetik in Bann zieht: eine schwarz-weiße Welt, in die erst durch das Rot der blutigen Tat Bewegung kommt, die der Wahnsinn verändert, oder die den Wahnsinn schafft. Der kleine grüne Hoffnungsschimmer der Party hat kaum eine Chance.

 

Ebenso eindrucksvoll wie dekorativ ist die kaleidoskopartige Brechung im beweglichen und pfiffig mit Projektionen belebten Spiegelplafond. Klar und dennoch niemals plakativ ist das Spiel mit Symbolen. Keiner kommt heraus aus seinem Gefieder. Jeder ist auf seine Weise gefangen in seiner jeweiligen Welt.

 

Doch auch für alle, die sich dem von Silvana Schröder so genial entwickelten menschlichen Spannungs- und Problemgefüge nicht stellen wollen, die einfach nur schöne Bilder und Bewegungen sehen wollen, das perfekte Ineinanderfließen von Klang und Farbe, von Form und Struktur, hat dieser Abend mehr als genug zu bieten - eine überzeugend geschlossene Ästhetik, Tanz auf höchstem Niveau.

 

Und da ist noch etwas, das man längst nicht mehr überall bei Ballett-Produktionen erleben kann. Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter Takahiro Nagasaki spielt live im Orchestergraben und liefert einen so frischen Tschaikowski-Klang, dass das Ganze auch in rein musikalischer Hinsicht ein rundum genüssliches Erlebnis ist.

 

Die Premiere jedenfalls am vierten Adventssonntag im Landestheater wurde im wahrsten Wortsinne bejubelt.

 

iNächste Vorstellungen: 26. Dezember und 14. Februar, 19.30 Uhr, 16. Februar, 14.30 Uhr im Landestheater Altenburg.

Tatjana Böhme-Mehner

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