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Altenburg Kindesmissbrauch: Prozess offenbart Familientragödie
Region Altenburg Kindesmissbrauch: Prozess offenbart Familientragödie
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11:18 02.09.2018
Vor und nach dem Auftakt im Prozess um schweren sexuellen Missbrauch von Kindern bespricht sich der 23-jährige Angeklagte (vorne links) am Landgericht Gera mit seinem Verteidiger Helge Klein (vorne rechts). Quelle: Thomas Haegeler
Altenburg/Gera

Nur etwa zehn Minuten braucht Staatsanwältin Sylvia Reuter, um die Anklage zu verlesen. Doch die hat es in sich und sorgt zum Prozessauftakt am Montagnachmittag am Landgericht Gera für kalte Schauer auf der Haut. Schließlich soll der Angeklagte laut dieser in Altenburg drei Kinder fast fünf Jahre lang sexuell missbraucht haben. 92 Taten an drei Mädchen legt die Juristin dem Angeklagten vor der 2. Strafkammer unter Leitung von Richter Berndt Neidhardt zur Last.

Jahrelange Übergriffe mindestens einmal im Monat

Zwischen August 2013 und Februar dieses Jahres soll sich der heute 23-Jährige an den seinerzeit 7- bis 13-Jährigen immer wieder vergangen haben – in verschiedenen Zeiträumen mindestens einmal im Monat. Zwar soll es dabei nie zum eigentlichen Geschlechtsakt gekommen sein, aber zumindest bei einem Opfer zu Oralverkehr. Allein an diesem Mädchen soll sich der junge Mann über 40 Mal vergangen haben. Bei den beiden anderen Mädchen zählt die Staatsanwältin 20 beziehungsweise 29 Missbrauchsfälle auf.

Laut Anklage liefen die Übergriffe stets ähnlich ab. Zunächst soll der Altenburger die Mädchen unsittlich berührt, dann mit den Fingern in sie eingedrungen sein und sich dabei selbst befriedigt haben. Auch soll er seine Opfer gezwungen haben, seinen Penis anzufassen und soll diesen am Po eines Mädchens gerieben haben.

Angeklagter sagt nur wenig, will aber aussagen

Als wäre das nicht schon schlimm genug, handelt es sich bei den Opfern auch noch um seine Nichten. Genauer gesagt sind es die Töchter seiner Schwester und seiner Schwägerin, die – vertreten durch ihre Anwälte Wilfried Grafen und Jens-Uwe Hummel – im Prozess als Nebenklägerinnen auftreten. Alle Vorfälle hätten sich in der Wohnung seiner Mutter zugetragen, wenn die Mädchen ihre Oma besucht hätten, gibt Reuter weitere Ermittlungsergebnisse wieder. „Auf dem Bett seines Zimmers, aber auch auf einem Sessel im Wohnzimmer.“

Der Beschuldigte sagt zum Prozessbeginn nur wenig, verbirgt sein Gesicht meist hinter seiner Hand und bespricht sich höchstens mit seinem Verteidiger Helge Klein, der eine Aussage seines Mandanten im Fortgang der Verhandlung ankündigt. Nur einmal widerspricht der in Sachsen geborene Altenburger dem Richter energisch: bei seinem Wohnsitz. Der sei nicht dort, wo Neidhardt ihn verortet habe, sondern nach wie vor bei seiner Mutter, erklärt der 23-Jährige und zeigt auf eine ältere Frau im Zuschauerraum.

Mutter des Beschuldigten hält zu ihm

In ihrer Person spiegelt sich die familiäre Tragödie, die sich hinter der Verhandlung abspielt und sich bereits in der Konstellation im Gerichtssaal andeutet. In dieser Beziehung ist es letztlich egal, ob sich die Vorwürfe bewahrheiten oder nicht, und auch der Ausgang des Prozesses spielt hierfür nur eine untergeordnete Rolle. Denn ihr Sohn sitzt auf der Anklagebank, ihre Tochter und Schwiegertochter sind Mitankläger und ihre Enkelinnen die mutmaßlichen Opfer. Angesichts dessen kann man nur an Krücken gehen, so wie diese Frau.

Doch sie hat sich offenbar dazu entschieden, ihrem Sohn, der derzeit in der Psychiatrie in Stadtroda untergebracht ist und in Handschellen vor- und abgeführt wird, beizustehen. Dafür spricht ihre Anwesenheit zum Prozessbeginn. Und auch, dass sie an der Ausfahrt des Geraer Justizzentrums wartet, bis der Polizeiwagen kommt, der ihren Spross zurück ins Krankenhaus bringt. Sie winkt ihm und lächelt dabei das erste und einzige Mal an diesem Montagnachmittag.

Zwei weitere Verhandlungstage im September

Eine Szene, die sich wiederholen könnte. Denn Richter Neidhardt hat am 17. und 24. September noch zwei Verhandlungstage terminiert – beide wieder an einem Montag. Dann kann der Angeklagte, der nicht vorbestraft ist, mit einer Aussage zur Aufklärung beitragen. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, droht ihm eine lange Haftstrafe.

Von Thomas Haegeler

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