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Altenburg Kissenmacherinnen pflegen Brauchtum des Federschleißen in Kriebitzsch
Region Altenburg Kissenmacherinnen pflegen Brauchtum des Federschleißen in Kriebitzsch
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12:00 20.02.2016
Der Kiel muss weg, schließlich würde der im Kissen sonst piksen.  Quelle: Mario Jahn
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Kriebitzsch

 Wo gehobelt wird fallen Späne, heißt es im Volksmund so schön. Im warmen Kämmerlein unterm Dach der Familie Gimpel sind es dagegen Gänsekiele. Gehobelt wird in Kriebitzsch genauso wenig, sondern vielmehr ein altes, fast vergessenes Brauchtum gepflegt – das Federschleißen. Fünf gut aufgelegte Frauen nehmen seit vier Tagen am ausgezognen Ecktisch in der Küche der Gimpels Platz und beweisen dabei viel Sitzfleisch. Federberge über Federberge, die schier kein Ende nehmen wollen, gilt es zu bewältigen. Trotz der eintönigen Tätigkeit ist von schlechter Laune oder gereizter Stimmung keine Spur. Ganz im Gegenteil. Es wird wild drauflos geschnattert und vor allem viel gelacht.

Graue Eminenz der Runde: Margarete Gimpel. Quelle: Mario Jahn

Die Novizin in der Runde, Gabriele Lorenz, hat sich für diese Tätigkeit mit ihrem schwarzen Pullover wohl am denkbar ungünstigsten gekleidet. Schließlich krallen sich die kleinen durch den Raum schwebenden weißen Flusen in den feinen Maschen ihrer Baumwollkleidung deutlich sichtbarer fest als bei ihren Mitstreiterinnen. Im übrigen stört die 56-Jährige sich nach den arbeitsreichen Tagen überhaupt nicht daran. Vielmehr waren es anfangs die Schmerzen in den Fingern. „Nach dem ersten Tag hatte ich gar kein Gefühl mehr“, gibt die Mumsdorferin zu. Wonach die graue Eminenz des Federschleißens, Margarete „Gretel“ Gimpel, kontert. „Ihr seid bloß nichts Gutes gewohnt“, antwortet die 85-Jährige, während sie in Windeseile Feder um Feder entkielt.

Der Kriebitzscherin ist die Tätigkeit schon längst in Fleisch und Blut übergegangen. Bereits 1949 nahm die Familientradition Fahrt auf – mit zwei Gänsen begann die Zucht. Eine davon fand als Küken per Handtasche den Weg ins Gimpel-Heim. „Heute sind da nur noch Handys drin“, winken die Damen am Tisch ab. Im übrigen, immer wenn so ein unerwarteter Einwand in die Runde geworfen wird, müssen alle beim Lachen aufpassen, dass die leichten Federn nicht vom Tisch abheben.

Ende der 80er gaben die Gimpels dann das Gänsehalten auf. Geblieben ist die gewisse Liebe für Auguste dennoch. Seither werden Gans und Gänserich beim Bauern gekauft und am zweiten Advent geschlachtet. Dabei kommt nichts um – aber auch wirklich gar nichts. Zuerst wird das geronnene Blut zu Tiegelwurst verarbeitet. Während die zubereitet wird, geht es den Gefiederten an Selbiges – mit einem Bügeleisen und einem nassen Tuch. Dann werden die Gänse gerupft, danach der klamme Federsack aufgehängt. Während des über Wochen dauernden Trocknens kommen die Weihnachtsgänse auf den Tisch. Selbst die Knochen des Vogels werden nach dem Schmaus weiterverwendet. Gemahlen gehen die an die Hühner. Selbst die Federkiele werden zu guter letzt kompostiert.

Zwei Jahre haben die Frauen die Federn von 14 Gänsen gesammelt. Die mussten nun dran glauben, schließlich schreit die Familie nach neuen Kissen. Für eins zum Schlafen wird knapp ein Kilogramm an Federn für die spätere Füllung gebraucht.

Bedarf einer gewissen Fingerfertigkeit: das Federschleißen. Quelle: Mario Jahn

Beim Federspleißen bleiben die feinen gebogenen Daunen ganz. Dagegen werden bei den geschlossen Federn die Kiele entfernt. Ist ein ordentliches Häufchen zusammengekommen, wird der einmal zusammengedrückt, und erst wenn darin nichts mehr pikst, wandert der Berg in den Federsack. Sind alle Federn geschlissen, geht es in die Reinigung nach Leipzig. „Sonst riechen die wie Maus“, erklärt Gretel Gimpel. In der Messestadt wird die Füllung im Kissen auch gleich vernäht. Dabei scheinen die Leipziger von der Handarbeit der Kriebitzscher „Federschleiß-Mafia“, wie Gabriele Lorenz in den Raum wirft, hellauf begeistert. Mehr als 90 Euro würde ihnen davon ein Kilogramm bringen, wollten sie es verkaufen.

Doch den fünf Frauen geht es bei der Fitzelarbeit um weit mehr als um die Tätigkeit. So wie früher. Da wurde eine Stube angeheizt und die Frauen aus der Nachbarschaft eingeladen. Beim Winter-Schleißen wurde getratscht, was das Zeug hielt. „Schlechte Witze gehörten auch dazu“, sagt die 85-jährige Gretel Gimpel, „und die Kinder durften nicht rein.“ Was an den Likörchen gelegen haben könnte, die zum Kuchen gereicht wurden. „Das ist Brauchtumspflege“, sagt Irmtraud Gimpel. „Eine Art Therapie“ schiebt Julianne Schmidt hinterher, und alle im Raum biegen sich wieder vor Lachen. Und so vergehen die Acht-Stunden-Schichten, die das Quintett seit Tagen schiebt, wie im Fluge.

Von Alexander Bley

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