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Altenburg Krebs wegen vieler Jahre im Rositzer Teerwerk? – Berufsgenossenschaft sagt nein
Region Altenburg Krebs wegen vieler Jahre im Rositzer Teerwerk? – Berufsgenossenschaft sagt nein
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15:27 26.03.2018
Peter Rehfeld aus Rositz fühlt sich wegen der neuen Erkenntnisse zu Schelditz verschaukelt. Quelle: Mario Jahn
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Rositz

Wenn Peter Rehfeld von seiner Arbeit im Rositzer Teerverarbeitungswerk (TVW) erzählt, denkt man, dass es riecht, nein stinkt. Obwohl die heißen Pechöfen, an denen er stand, längst erkaltet und verschwunden sind. Mit wenigen Worten lässt der 74-Jährige den beißenden Qualm aus den Entlüftungsventilen pfeifen und aus den Koksblasen aufsteigen, die mit Asbest abgedichtet waren. Schon vom Zuhören wird einem übel.

„Doch Rositz hat nicht gestunken“, lässt Rehfeld nun aufhorchen. „Es war ein Luftkurort, das TVW war eine Schokoladenfabrik.“ Der Mann, den viele im Ort kennen, flüchtet sich in beißenden Spott. Denn die meisten seiner ehemaligen Kollegen erreichten das Rentenalter nicht, sie sind gestorben. An Magenkrebs, Hautkrebs, Lungenkrebs. In Rehfeld wuchert der böse, unbarmherzige Feind nun auch. Er weiß es seit anderthalb Jahren, hat drei Operationen überstehen müssen und befindet sich seit Monaten in Nachuntersuchungen.

Doch den Spott hat Rehfeld nicht allein für den Krebs übrig. Richtig auf die Palme bringt ihn ein Schreiben der Berufsgenossenschaft (BG) Rohstoffe und chemische Industrie. Darin wird festgestellt, dass seine Krankheit nichts mit seiner langjährigen Arbeit im TVW zu tun hat. Die BG wurde wegen einer Verdachtsmeldung der Krankenkasse aktiv und ermittelte, ob bei Rehfeld eine Berufskrankheit vorliegt. Die arbeitstechnischen Voraussetzungen dafür „sind bei Ihnen nicht gegeben“, lautet das Ergebnis. Dieser Ansicht habe sich auch der staatliche Gewerbearzt des Landes Thüringen angeschlossen.

Die Berufsgenossenschaft bezog sich bei den Ermittlungen speziell auf die bei Rehfeld diagnostizierte Krebsart und damit auf die Belastung durch aromatische Amine. Diese werden für den Menschen gefährlich, wenn sie als Pestizide in die Nahrung gelangen oder als Zigarettenrauch und Dieselabgase eingeatmet werden. Im Berufsleben entsteht eine höhere Belastung zum Beispiel in der Gummi-, Textil- und Farbenindustrie. Das medizinische Bild dieser Berufskrankheit müsse mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festgestellt sein und mit der gefährdeten Tätigkeit in ursächlichem Zusammenhang stehen, teilt die BG mit. Doch aromatischen Aminen wäre Rehfeld während keiner seiner Tätigkeiten ausgesetzt gewesen, stellt die BG fest. Deshalb liege bei ihm keine Berufskrankheit vor und deshalb stünden ihm auch keine Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung zu.

„Und deshalb war Rositz ja auch ein Kurort“, bewertet Rehfeld den Bescheid auf seine Weise. Seit 1963 arbeitete er im Teerverarbeitungswerk (TVW), zuerst als Heizer, dann als Kokszieher, zuletzt als Meister, ehe nach dem Mauerfall das Werk dicht gemacht wurde. Er hatte unzählige Bereitschaftsdienste, fast 15 000 Überstunden. Viele davon entstanden an der Koksblase. Dort floss 320 Grad heißes Pech über Rohre in einen Metallbottich, in dem das Pech zu 98-prozentigen Kohlenstoff verarbeitet wurde. Aus der Blase, die nach jedem Vorgang von den Arbeitern mit einfachen Werkzeugen gereinigt werden musste, entwichen der stark giftige Schwefelwasserstoff und das nicht minder üble Benzol. Wer die Gase auch an anderen Stellen im Betrieb zu tief oder zu lange einatmete, fiel auch schon mal an Ort und Stelle um. „In der DDR wusste man, dass das TVW ein krebserregender Betrieb war“, meint Rehfeld.

Amtlich dokumentiert wurde dies freilich nicht. Allerdings steht nun fest, dass das TVW das Grundwasser in der Gegend verseucht hat, weshalb das Umweltministerium den Ortsteil nun für zehn Millionen Euro sanieren muss. Das wundert den Rositzer. Laut Berufsgenossenschaft war die Arbeit im TVW nicht gesundheitsgefährdend. Das Grundwasser von dort sei es aber nun. Diese Welt versteht Peter Rehfeld nicht mehr: „Das ist ein Witz.“

Von Jens Rosenkranz

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