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Kreis-Fusion: Südraum-Bewohner fühlen sich bis heute vereinnahmt

1994 Kreis-Fusion: Südraum-Bewohner fühlen sich bis heute vereinnahmt

Am 1. Juli 1994 berichtete die OVZ (Osterländer Volkszeitung) über die Kreisfusion zwischen Altenburg und Schmölln. Der „Landkreis Altenburg“ war geboren. Doch auch 25 Jahre nach dem Zusammenschluss der beiden Kreise fühlen sich viele Schmöllner durch ihre Altenburger Nachbarn vereinnahmt.

Skatstadt und Knopfstadt – seit dem 1. Juli 1994 sind sie zusammen in einem Kreis.
 

Quelle: Montage: Mario Jahn

Altenburg/Schmölln.  Was war 1994? Wenn Burghardt Böttcher diese Frage hört, verdüstert sich seine Miene. Für den einstigen CDU-Politiker ist diese Jahreszahl allein mit der Auflösung des Kreises Schmölln verbunden, dessen erster und einziger Landrat er bis vor 23 Jahren war. Eigentlich fusionierten die Kreise Altenburg und Schmölln am 1. Juli 1994 zum Altenburger Land, doch die meisten Einwohner im Südraum empfinden diesen Zusammenschluss bis heute als Auflösung ihres Kreises und als Einvernahme durch den Norden.

Dabei ist der Kreis Schmölln eigentlich nur ein künstliches Gebilde, das nur wenige Jahrzehnte existierte. Gegründet wurde er zur Kreisreform am 25. Juli 1952, wobei die meisten Gemeinden, wie zum Beispiel Altkirchen, Großstöbnitz, Dobitschen und sogar die Stadt Schmölln dem damaligen Kreis Altenburg abgespalten wurden. 15 Gemeinden kamen aus dem Landkreis Gera, drei sogar aus dem Landkreis Zwickau.

Als Burghardt Böttcher zum Landrat gewählt wurde, hatte seine Region etwas mehr als 31 000 Einwohner und damit nicht einmal ein Drittel des Kreises Altenburg. Allerdings brachten die Kleinen 224 Quadratkilometer Fläche zur 94er Fusion ein, der Große hatte 345 Quadratkilometer. Der neue Landkreis zählte damals 121 559 Bürger, heute sind es noch rund 92 000.

Schon kurz nach dem Zusammenschluss gab es, wie etliche Schmöllner befürchtet hatten, die ersten Verlierer. Einer von ihnen war Burghardt Böttcher. Bei der Wahl zum Landrat sorgte er für einen bis heute beispiellosen Eklat. Er trat als CDU-Mitglied gegen seinen eigenen Parteifreund Christian Gumprecht an – und unterlag. Böttcher verließ die Union, zog sich zurück, musste beruflich und privat Krisen überstehen und fasste, bis auf einen zaghaften Versuch bei der SPD, politisch nie wieder Fuß. Heute bereut der 64-Jährige seine damalige Kandidatur gegen Gumprecht. „Vielleicht hätte ich erst mal Dezernent werden sollen und dann weitersehen“, sagte Böttcher jüngst der OVZ. Auch die Fusion hätte besser laufen können, meint er. Vor allem das Anzapfen der vielen prall gefüllten Fördertöpfe und die Investitionen in die Infrastruktur, das die Schmöllner ausgezeichnet beherrschten, sei nach 1994 nicht optimal fortgesetzt worden, schon gar nicht kreisweit. Auch der Versuch, den neuen Kreissitz an die Sprotte zu verlagern, sei gescheitert. Nicht zuletzt macht Böttcher dafür vor allem den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel verantwortlich, für dessen Mentalität es undenkbar gewesen sei, dass eine Residenzstadt wie Altenburg nicht Kreisstadt bleibt.

Ähnlich äußert sich der einstige Schmöllner Bürgermeister Herbert Köhler, der zu jener Zeit davor warnte, dass sich die erfolgreiche Entwicklung seiner Stadt durch die Fusion verlangsamen könnte. Man habe nach 1994 zu wenig auf die Entwicklung von Wirtschaft und Infrastruktur geachtet, sagte er kürzlich der OVZ. In Schmölln seien die Weichen bis dahin gut gestellt worden. Mehr mochte Köhler zu dem von ihm ungeliebten Fusionskapitel nicht sagen.

Dabei hätte sich Altenburg in der Tat am Schmöllner Weg orientieren können, wo bis zur Fusion zwei Eisenbahnunterführungen entstanden und zu einem bestehenden Autobahn-Anschluss ein zweiter hinzukam, noch dazu samt schnellem Zubringer. Allein auf solch ein wichtiges Verkehrsprojekt wartet die Skatstadt bis heute vergeblich.

Die Wirtschaft an der Sprotte profitierte von der Autobahn enorm. Davon zeugt nicht allein die Zahl der Jobsuchenden. Als bis 2012 für beide Ex-Kreise noch eigene Statistiken geführt wurden, kam die Region um die Skatstadt zuletzt auf eine Arbeitslosenquote von 12,5 Prozent. Die Knöpfchenstadt unterbot mit 7,5 Prozent etliche Regionen im Westen.

Etliche Verwaltungsmitarbeiter nutzten die Fusion als Sprungbrett für ihre Karriere, allen voran Hartmut Schubert (SPD), der in Schmölln als Leiter des Umweltamtes begann, in Altenburg Vize-Landrat wurde und heute Sozialtaatssekretär in Erfurt ist. Die meisten Ämter blieben nach 1994 freilich in Altenburg. Auch heute befinden sich nur sechs der 26 Fachbereiche in Schmölln, wobei vier davon erst jüngst dorthin zogen, auch weil in der Kreisstadt Büros für die Flüchtlingsbetreuung gebraucht wurden.

Mit der Gebietsreform stehen der Region nun neue Fusionen ins Haus. Zunächst der Zusammenschluss von Städten mit Nachbargemeinden. Für Schmölln hat dies einen besonderen Reiz. Werden alle Wunschkandidaten eingemeindet, könnte die neue Stadt Schmölln beinahe so aussehen wie der alte Kreis, der einst ihren Namen trug.

Von Jens Rosenkranz

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