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Kunst des 20. Jahrhunderts im Altenburger Lindenau-Museum

Leipziger Schule im Fokus Kunst des 20. Jahrhunderts im Altenburger Lindenau-Museum

Parallel zur derzeit laufenden Sonderausstellung „Bella Italia“ können die Besucher im Altenburger Lindenau-Museum derzeit auch einen Streifzug durch die Kunst des 20. Jahrhunderts unternehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei Werke aus der Leipziger Schule – der besondere Blickfang ist jedoch ein ganz anderer.

Da bleibt man gerne stehen und betrachtet: Viel zu entdecken gibt es für große und kleine Besucher in der derzeit laufenden Ausstellung zur Kunst des 20. Jahrhunderts im Altenburger Lindenau-Museum.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Einen Streifzug durch die Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unternehmen können Interessierte seit einigen Tagen in drei der Ausstellungsräume in der oberen Etage des Lindenau-Museums.

Dort, wo bis vor kurzem die Sonderausstellung „Sacri Monti – Fotografien von Bertram Kober“ präsentiert wurde, zeigt das Haus an der Gabelentzstraße nun vornehmlich Kunst aus der Zeit der DDR. Klangvolle Namen finden sich darunter – und zielgerichtet führt der Ausstellungsrundgang auf die jüngste Bereicherung des Hauses: Núria Quevedos Werk „Denn ich bin wie der gestürzte Baum, der von neuem treibt: weil in mir noch neues Leben ist“, das die Künstlerin dem Museum über eine Laufzeit von zehn Jahren als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte (die OVZ berichtete).

Doch ehe der Museumsbesucher sich diesem eindrucksvollen Gemälde gegenüber sieht, führt sein Weg zunächst durch Landschaften und Stadtansichten, die vornehmlich Künstler der sogenannten „Leipziger Schule“ geschaffen haben. Zwei der Altmeister dieser über Jahrzehnte die Kunst der DDR so bestimmenden wie prägenden Strömung sind darunter: Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig, aber auch der Vertreter des „Nachwuchses“, der inzwischen hoch dotierte Neo Rauch, mit einem seiner frühen Gemälde, das seine Markenzeichen, seine Handschrift und seine furiose Bildsprache jedoch schon überdeutlich erkennen lässt. 1987 entstand jenes „Im Glashaus“ übertitelte Gemälde, sein Schöpfer war damals gerade 27 Jahre alt.

Vertreten sind zudem Michael Morgner, Altenburgern keineswegs ein Unbekannter, waren ihm doch hier bereits große Personalausstellungen gewidmet, Jürgen Schäfer oder auch Dietrich Burger und Günter Firit. In ihren Arbeiten finden sich teils wohlbekannte Sujets und Motive, die die Malerei jener Ära vor 1989 oft dominierten: bedrückende Enge in unterschiedlichen Formen als Ausdruck des Eingegrenztseins, Melancholie und Nachdenklichkeit. Zu den jüngeren Vertretern der malenden Zunft gehört der erst 1974 geborene Michael Goller, der eines seiner Werke, das in Stil und Gestaltung an Gerhard Altenbourg erinnert, dem Lindenau-Museum als Schenkung übergab. „Ich halte diesen Mann für einen sehr interessanten Künstler, auch von seinen meditativen Ansätzen her, und bin mir sicher, von ihm wird man noch hören“, so Benjamin Rux, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lindenau-Museums, der die Ausstellung kuratiert hat.

Von den Landschaften führt der weitere Rundgang in einem zweiten Raum zu Porträtkunst der DDR, die Rux unter der Überschrift „Die Brigade Rosa Luxemburg“ zusammengefasst hat. Sehr berührende Arbeiterporträts finden sich hier, fernab von Jubelstimmung und Fröhlichkeit, im Zentrum steht das eindrucksvolle Bild „Meine Mutter“ von Bernhard Heisig aus dem Jahr 1967.

Religiöse Themen und Motive finden sich schließlich im dritten Ausstellungsraum, so unter anderem eine Arbeit des Sohnes eines Baptistenpredigers, Gerhard Altenbourg, eine Plastik von Ernst Barlach oder das letzte Werk von Walter Jacob (1893-1964), das den Titel „Dein Wille geschehe“ trägt. „Walter Jacob gehört zu den wichtigen Künstlern der Generation von Conrad Felixmüller, 1993 gab es zuletzt hier im Museum eine Ausstellung zu seinem Schaffen. Momentan sind wir intensiv in den Vorbereitungen, diesem Künstler eine große Sonderschau zu widmen, die in den nächsten Jahren garantiert kommen wird“, wirft Benjamin Rux schon mal einen Blick voraus.

Dominiert allerdings wird dieser Abschluss eines exemplarischen Abrisses zur Kunst des 20. Jahrhunderts durch jenes großformatige Ölgemälde von Núria Quevedo mit dem so langen wie vielsagenden und poetisch-philosophischen Titel „Denn ich bin wie der gestürzte Baum, der von neuem treibt: weil in mir noch neues Leben ist“.

Die 1938 in Barcelona geborene Künstlerin ist die Tochter republikanischer Emigranten, die während der Zeit der Franco-Diktatur 1952 nach Berlin auswanderten. Seitdem lebte sie in der DDR und gehörte dort zu den wichtigsten weiblichen Stimmen in der Malerei. Das Erleben und die Auswirkungen von Flucht und Vertreibung, ein Leben im Exil und das damit verbundene Gefühl der Entwurzelung gelten als Hauptthemen Quevedos.

Das jetzt dem Lindenau-Museum übergebene Gemälde befand sich über einige Jahre in der Berliner Nationalgalerie, wurde dort allerdings nach 1990 kaum noch gezeigt, so dass die Künstlerin es schließlich abzog und in ihr Atelier zurücknahm. Nicht zuletzt durch Vermittlung des in Göpfersdorf beheimateten Kunstfreundes und Mäzens Günter Lichtenstein fand sich nun in Altenburg für das Gemälde ein neues Zuhause, das Quevedo, auch in ihren inneren Intentionen, entspricht.

Das in Grautönen gehaltene Werk nimmt die abendländische Bildtradition der Pietà auf, bei der die trauernde Gottesmutter ihren toten Sohn auf dem Schoß trägt – eines der berühmtesten Beispiele ist Michelangelos römische Pietà, die im Foyer des Lindenau-Museums als Kopie zu bestaunen ist. Quevedo fügte der Mutter eine männliche Figur mit den Gesichtszügen des spanischen Dichters Miguel Hernández (1910–1942) hinzu. Auf ihn geht auch der Bildtitel zurück, der einem Vers seines Gedichtes „Der Verwundete“ entnommen ist.

„Es bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen, zu dem ausgezehrten nackten Körper des jungen Mannes, dessen Arm leblos vor einem roten Leichentuch herabhängt, der trauernden Mutter und dem sich kämpferisch zeigenden Herrn im weißen Hemd gesellschaftspolitische Bezüge herzustellen – etwa zu den Verbrechen unter General Franco in Spanien oder dem Putsch in Chile im Jahr 1973“, merkt Benjamin Rux an. Die Botschaft erweist sich als unabhängig von Zeit und Ort, teilt sich jenseits von historischen Konkreta mit und bleibt wohl bis in die Gegenwart aktuell: Vor einer nicht näher gekennzeichneten trüben Landschaft steht die von Trauer und Leid zermürbte, aber nicht zerbrochene Dreiergruppe viel mehr für die zeitenthobene Mahnung zur Verantwortung: „Weil in mir noch neues Leben ist“.

Von Frank Engelmann

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