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"Langsam setzt ein Umdenken ein"

"Langsam setzt ein Umdenken ein"

Für viele Unternehmen im Altenburger Land wird es immer schwieriger, ihren Bedarf an Fachkräften zu decken. Trotzdem schreckt der Großteil davor zurück, Eltern - vor allem Alleinerziehende - einzustellen.

Altenburg/Meuselwitz.

Eine Misere, auf die die Agentur für Arbeit und das Jobcenter mit dem heutigen Aktionstag "Einstellungssache - Jobs für Eltern" aufmerksam machen wollen.

 

Von Thomas Haegeler

 

"Auch Alleinerziehende sind Fachkräfte", sagt Silke Wesser, die beim Jobcenter in Altenburg Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt ist. Ihre tägliche Erfahrung lehrt die 48-Jährige aber, dass dies noch längst nicht in den Köpfen aller Chefs angekommen ist. "Familien- oder elternfreundliche Firmen sind im Altenburger Land noch die Ausnahme." Es überwiege das Vorurteil, dass Mütter und Väter ihren Job nicht so gut machen wie kinderlose Arbeitnehmer. "Und die Angst vor Ausfallzeiten. Aber langsam setzt ein Umdenken ein."

 

Zwei Unternehmen, die anders denken und handeln, sind die Bluechip Computer AG in Meuselwitz und das Klinikum Altenburger Land. Ihr Maßnahmenkatalog reicht von flexiblen Arbeitszeiten über Heimarbeit bis hin zur Hilfe beim Finden eines Kindergartenplatzes oder der Möglichkeit, den Nachwuchs zeitweise mit in die Firma zu bringen.

 

"Für uns ist das von Beginn an eine Selbstverständlichkeit", sagt Brit Wolf (45), Bluechip-Vorstand für Personal und Finanzen. "Wir sind froh über jedes Kind, das hier geboren wird." Außerdem stärke Familienfreundlichkeit die Bindung und die Motivation der Mitarbeiter. "Es geht darum, Fachkräfte herzuholen und zu halten."

 

Das ist auch der Antrieb des Klinikums, das mit über 800 Beschäftigen der größte Arbeitgeber im Kreis ist. "Nur zufriedene Mitarbeiter arbeiten gern und bringen gute Leistungen", bestätigt Pressesprecherin Christine Helbig (47). "Da im Krankenhaus rund um die Uhr gearbeitet wird, ist die zeitliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders wichtig." Deswegen schuf man vor drei Jahren die Stabsstelle Mitarbeiter-Management. In dieser kümmern sich Katharina Götze (30) und eine weitere Mitarbeiterin um die Sorgen und Nöte von Müttern und Vätern, planen Elternzeiten und suchen nach Lösungen.

 

"In der Inneren Medizin wurde etwa die Zeit der Morgenbesprechung von 7 auf 7.30 Uhr verlegt, weil es sonst schwierig war, die Kinder vorher in die Kita zu bringen", nennt Götze ein Beispiel. Auch die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, sei rege nachgefragt. "20 Prozent unserer Ärzte nutzen das." Bei Paaren im Schichtdienst erfolgt zudem eine Abstimmung der Dienste. "Auch mit anderen Kliniken", sagt Helbig. "Daneben müssen Pflegekräfte mit Kindern keine Nachtschichten machen."

 

Kern des familienfreundlichen Umfeldes ist der Betriebskindergarten "Bärenstark" mit 60 Plätzen. "Hier haben die Mitarbeiter und die Altenburger Vorrang", erklärt Götze. Regulär habe er von 6 bis 18 Uhr offen. "Auf Nachfrage geht es auch länger, bis 20 Uhr. Aber die wenigsten nutzen die volle Zeit, weil die familiären Netzwerke funktionieren."

 

Eine eigene Kita hat Bluechip nicht. Es gab aber schon mehr als einmal die Überlegung, den etwa 250 Mitarbeitern diesen Service anzubieten. "2009 hatten wir mit 17 Kindern einen Baby-Boom und haben darüber nachgedacht", meint Brit Wolf. "Aber dann wurde die Förderung gestrichen und es müsste eine konstante Kinderzahl geben. Bisher haben wir das immer gut mit der Stadt geregelt bekommen." Ganz vom Tisch sei das Thema aber noch nicht.

 

Neben der Hilfe bei der Suche nach einem Kita-Platz bietet das Hightech-Unternehmen seinen Angestellten weitere Unterstützung. "Muttis und Vatis können verkürzt arbeiten, wo es geht, um das Hinbringen und Abholen zu ermöglichen", sagt Wolf. "Außerdem ist es möglich, in der Woche länger zu arbeiten und dafür freitags eher zu gehen". Eine Mutter, die weggezogen sei, nutze zudem die Möglichkeit der Teilzeitarbeit. "Die eine Woche ist sie drei Tage zu Hause und zwei da, in der Woche darauf geht es dann andersherum", so Wolf.

 

Neben vielen Müttern nutzen derzeit bei Bluechip neun Väter die Elternzeit. Wie auch im Klinikum hält man währenddessen den Kontakt. Die betreffenden Eltern bekommen die Mitarbeiterzeitungen, werden zu Betriebsfeiern eingeladen und auf Wunsch über wichtige Neuerungen informiert. Im Krankenhaus besteht sogar die Möglichkeit, an einer Fortbildung teilzunehmen. Nach der Rückkehr gibt es entsprechende Zeiten, sich wieder einzugewöhnen.

 

Das hört Silke Wesser gern. Für die Jobcenter-Beauftragte sind die Angebote von Bluechip und des Klinikums vorbildlich: "Ich hoffe, dass sich weitere Unternehmen im Kreis daran ein Beispiel nehmen."

 

©Kommentar

Thomas Haegeler

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