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Altenburg Leuchtende Stimmungen, aufbrausendeGefühle - gelungene Premiere der Oper "Briefe des van Gogh" im Heizhaus
Region Altenburg Leuchtende Stimmungen, aufbrausendeGefühle - gelungene Premiere der Oper "Briefe des van Gogh" im Heizhaus
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21:21 15.03.2015
Kai Wefer bringt als singender Vincent van Gogh eine der großen Leistungen dieser Spielzeit auf die Bühne im Altenburger Heizhaus. Quelle: Stephan Walzl ratatosh

Vincent van Gogh (1853-1890) war ein solcher. Sein letzter behandelnder Arzt sagte: "Er war ein ehrlicher Mensch und ein großer Künstler. Er verfolgte nur zwei Dinge - Humanität und Kunst." Und van Gogh über sich selbst: "Vielleicht dauert gerade deshalb alles so lange, weil ich nach der Wurzel oder dem Ursprung vieler Dinge zugleich suche. So steht es mir im Herzen, es zu bilden wie ein Licht in der Finsternis."

Leider endeten alle seine Sehnsüchte und Vorhaben in Fehlschlägen und trieben ihn in die Verzweiflung. Schwerste Probleme und Krisen begleiteten van Gogh sein ganzes Leben. Trotz eifrigster Bemühungen empfand dieser Künstler, der zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkaufen konnte und von allen verkannt blieb, sein Dasein als vergeudet. Zum Schluss sah er keinen Ausweg als den Freitod. Bis dahin war sein Bruder Theo der einzige, der ihm Halt und materielle Unterstützung gab. Ausdruck dessen ist der Briefwechsel zwischen beiden, der für viele unbekannt blieb. 652 Briefe des Malers an seinen Bruder sind zwischen 1872 und 1890 bekannt. Sie können als eigenständiges literarisches Werk und als authentische Belege für sein Leben gelten. Weder ein Brief noch ein Bild von ihm ist behaftet mit Wahnsinn. Er hat darin schreibend alles geordnet, was er später auf Papier und Leinwand schuf.

"Sie sind Dokumente der Weltanschauung, des Wesens und des Denkens der höchsten Ethik, der Ausdruck von grenzenloser Wahrheit, endloser Liebe und aufrichtigem Humanismus...", erklärte der Philosoph Karl Jaspers. "Diese Briefe gehören zu den eindrucksvollsten Phänomenen der aktuellen Vergangenheit."

So ist das Interesse vieler Autoren und Kunstbetrachter an van Goghs Leben und seinen Briefen nicht überraschend - auch das des sowjetischen Schriftstellers und Komponisten Gregory Frid, der eine Oper für einen Bariton und neun Musiker schuf, allein basierend auf den Briefen des Malers. Dieses Werk wurde 1975 in Moskau uraufgeführt. Vorausgegangen war dem die Mono-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank", das 2011/20012 ebenfalls am hiesigen Theater aufgeführt wurde. So ist die Aufführung von Frids zweiter Mono-Oper nur folgerichtig, zumal mit einem Protagonisten wie Kai Wefer, der die schwierige Partie des van Gogh kongenial gesanglich wie darstellerisch geben kann.

Lebhafte musikalische Gedanken und ernstere geheimnisvolle Töne sind charakteristisch für die Musik Frids. Da kollidieren Probleme einer vernünftigen individuellen Persönlichkeitsgestaltung und geistiger Kämpfe um Pflichterfüllung mit Ohnmacht und Zögern. Frid gestaltet diese Gedanken und Konflikte in teilweise rhythmisch betonten Harmonien einer tonalen modernen Musik. Neun Mitglieder des Philharmonischen Orchesters unter der straffen Leitung von Takahiro Nagasaki realisieren diese auf hohem Niveau und begleiten Wefer sicher. Da werden Stimmungen zum Leuchten gebracht und aufbrausende Gefühle illustriert.

Bei der Auswahl der Briefe für das Libretto verweigerte sich der Komponist einer chronologischen Ordnung und schuf eine Textcollage auf der Grundlage von Erlebnissen, reflektierten Gedanken und Gemütszuständen, die sich in den Briefen zeigen. So stehen nicht die Bilder van Goghs im Zentrum der Handlung, sondern dessen Seelenleben.

Auf die Bühne des Altenburger Heizhauses gebracht hat dies alles Regisseur Michael Dissmeier. Die Ausstattung dafür schuf Hilke Förster mit gerahmten Leinwänden, auf denen ein sonnenüberflutetes Getreidefeld wogt und eine überdimensional große Sonne gleißt. Vincent van Gogh bewegt sich in seinem eigenen Bild. Er malt aber nicht, er singt nur 75 Minuten lang aus seinen Briefen. Das alles ist schlüssig und Kai Wefer überzeugend, zumal er die große Partie völlig textverständlich singt. Das ist eine der großen Leistungen dieser Spielzeit.

Links ist das kleine Orchester postiert, rechts steht eine große Ansammlung von unterschiedlich dimensionierten alten Scheinwerfern. Diese bedient van Gogh immer wieder, um symbolisch das Licht zu erhalten, dass er zu seinem kargen Leben und für seine Bilder braucht. Zwischendurch spielt er immer wieder mit einer beweglichen Puppe. Ausdruck für seine Sehnsucht nach menschlicher, auch weiblicher Nähe?

Am Ende schließt er sich in einen kleinen Gitterkäfig ein, Symbol für das kleine Zimmer in der Heilanstalt, in der er sich sehr wohl fühlt. Er zeichnet rasch kleine Skizzen und wirft sie nach außen, dass sie die Menschen erreichen, was erst posthum passiert. Er singt: "Nur der kann etwas schaffen, der schon halbtot ist." Er war sein Leben lang halbtot.

Langer Beifall des Publikums, in dem sich auch ein Teil einer 6. Klasse des Spalatin-Gymnasiums befand - mutig dieser Besuch. Sie nehmen wie alle anderen die Erkenntnis mit nach Hause, dass auch das unbekannte Außergewöhnliche zu einem Theatererlebnis werden kann.

Manfred Hainich

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