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Altenburg Mächtig gewaltig: Olsenbande begeistert bis heute – auch Streiche in der Region beliebt
Region Altenburg Mächtig gewaltig: Olsenbande begeistert bis heute – auch Streiche in der Region beliebt
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04:00 07.07.2018
Friedrich-Karl Steinbach als Egon (links), Steffi Pöschel als Yvonne und Andreas Schaller als Kjeld traten jüngst in Würchwitz als „Olsenbande“ beim Heimatabend auf. Benny-Darsteller Steffen Gruner fehlte bei dem Termin. Quelle: Mario Jahn
Meuselwitz

Vor 50 Jahren hieß es zum ersten Mal „Mächtig gewaltig!“. Egon Olsen, Chefgauner, der immer wieder im Gefängnis landet, schmiedet seitdem Ideen. Benny Frandsen mit seinem losen Mundwerk ist fasziniert von Frauen – und unterstützt Egon bei den Vorhaben. Und Kjeld Jensen ringt immer wieder mit seinem Gewissen und muss sich seiner Frau Yvonne unterordnen. Zwar veröffentlichte die Bande 1998 den „(Wirklich) allerletzten Streich der Olsenbande“, an Beliebtheit haben die kauzigen Tresoröffner – Franz Jäger, Berlin, versteht sich – aber nicht eingebüßt.

Die Herren im Anzug und mit Hang zur Improvisation stapfen immer noch in regelmäßigen Abständen und zu begehrten Sendezeiten über die Mattscheiben deutscher Haushalte. Dabei sind sie im Osten der Republik wesentlich bekannter als im Westen. Das dürfte an der Synchronisation liegen, vermuten Experten. Und daran, dass sich DDR-Bürger prima mit den Dänen identifizieren konnten. Aber dazu später.

Regionale Nachahmer der Olsenbande erfinden eigene Coups

Experten haben sich in den vergangenen Jahren einige hervorgetan. Sogar Imitate des genialen Trios gibt es mittlerweile zuhauf. Eine recht bekannte Laien-Schauspiel-Gruppe, die das Streben nach den Millionen und das regelmäßige Scheitern auf die Region übertragen hat, ist die Würchwitzer Olsenbande.

Am Sonnabend, den 7. Juli, treten sie auf der Kohlebahn in Meuselwitz auf. Der hiesige Egon und seine Kompagnons sind bei Alt und Jung beliebt: Eine Zugfahrt mit der Imitats-Olsenbande ist bereits ausverkauft. Wegen der großen Nachfrage wurde sogar noch ein extra Wagen angehängt, so dass insgesamt 140 Passagiere Platz in der Kohlebahn finden. „Das hätte ich nicht gedacht“, staunt Stefan Müller vom Kohlebahnen-Verein. Der Kontakt zwischen den aktiven Würchwitzern und den Engagierten von der benachbarten Kohlebahn über die Ländergrenzen hinweg besteht seit 2008. Damals haben die Hobby-Schauspieler auf dem Gelände in Meuselwitz „Die Suche nach dem Bernsteinzimmer“ gedreht.

Seit 50 Jahren gibt es die Olsenbande aus Dänemark – und sie ist auch in der hiesigen Region beliebt. Seit ein paar Jahren gibt es auch ein Double des Trios aus Würchwitz, das schon mehrere Filme gedreht hat. Hier ein paar Filmszenen und Impressionen.

„Das ist was für die Region, das selber organisiert wird“, freut sich Müller auf die Gäste. Und überhaupt, die Olsenbande, schwärmt der 46-Jährige, sei eine einmalige Sache. „Einfache Personen, am Ende muss Egon meist ins Gefängnis“, fasst er zusammen und erinnert sich an Fernsehnachmittage. „In der DDR gab es sonst nicht so viele lustige Sachen“, erklärt sich Müller die Beliebtheit der „Kleinkriminellen, die zu Geld kommen wollen“.

Bernsteinsuche, Tresorknacken – das Programm in Meuselwitz ist so originell wie die Flüche von Egon. Kulinarisch können die Meuselwitzer ihren Kult-Gaunern dann beim Dänischen Abend näher kommen. Neben Filmhäppchen soll es auch dänische Gerichte geben.

Olsenbandenfanclub: „Die Leidenschaft schweißt zusammen“

Sogar einen Bundes-Fanclub der Olsenbande gibt es. Der Leipziger Paul Wenzel hat ihn 2000 gegründet, seit 2002 ist der Olsenbanden-Fan Steffen Paatz aktiv. Die beiden polieren mit Herzblut den Kult rund um Egon, Benny und Kjeld: Sogar auf der Anrufbeantworter-Ansage des Clubs flucht Egon Olsen. Die Vereinigung zählt 3000 registrierte Mitglieder, knapp 11 000 Gaunertrio-Liebhaber folgen dem Club auf Facebook. Paatz und Wenzel organisieren Fanreisen nach Jütland und Kopenhagen. Im Oktober besuchen sie mit über 50 Anhängern die Filmgesellschaft der dänischen Streifen. „Die Leidenschaft schweißt so richtig zusammen“, erzählt Paatz, „wir reden manchmal Olsenbandisch miteinander.“ Im September steht in Zittau ein großes Fantreffen zum 50. Jubiläum des Trios an. Innerhalb von zwei Tagen waren alle Karten verkauft.

Erfolg der Filme in DDR: Improvisation und kaum Gewalt

Den Erfolg der Filme erklärt sich Paatz damit, dass das Improvisieren den DDR-Bürgern im Blut lag. „Auch Egon brauchte nur einfache Dinge, um dann der Obrigkeit eins auszuwischen.“ Bis auf den zweiten Film gibt es keine Opfer, die Abenteuer der Bande verliefen meist gewaltfrei. „Ich staune selbst, dass auch die Kinder und Enkel der Olsenbanden-Generation die Filme noch lieben“, sagt Paatz.

Auf der Internetseite des Fanclubs kündigt er an, wann die Olsenbande im Fernsehen zu sehen ist, wenn an der Universität Leipzig ein Vortrag über „Die Olsenbande aus forensischer Sicht“ gehalten wird, und dass Bluessänger Jes Holtsø, aus den Filmen bekannt als Kjelds Sohn Børge, auftritt. Außerdem pflegen die Fans eine umfangreiche Sammlung: Mit DDR-Filmplakaten, Büchern zur dänischen Bande, dem originalen Drehbuch zum neunten Film und Autogrammen der Schauspieler unterstützen die Leipziger immer wieder Museen.

Amateurtheatergruppen wie die aus Ohrdruf bei Gotha und Bad Belzig bei Potsdam schicken den Experten hin und wieder Drehbücher. Paatz und Wenzel prüfen sie dann auf „Olsenbanden-Logik“ und wie sie noch authentischer werden könnten. Doch nicht alle Theatergruppen verhielten sich im Sinne der richtigen Olsenbande, findet Paatz. Er kritisiert: „Die Würchwitzer Olsenbande schießt schon sehr übers Ziel hinaus.“ Die Laien-Darsteller machten zu viel „Rouge“ und Aufsehen um sich selbst. „Dabei waren die Darsteller ganz normale Leute, die mit dem Bus zur Arbeit gefahren sind.“

Helmut Pöschel, Regisseur der Würchwitzer Darsteller, bestätigt die Vorbehalte des Fanclub-Chefs: „Wir haben die Popularität der Olsenbande ausgenutzt, um die regionale Sache zu vertreten.“ Das echte Gaunertrio sei aber an Genialität nicht erreichbar. Dennoch dächten einige Kinder in Würchwitz und Umland, die echte Olsenbande käme aus dem Ort, erzählt Pöschel mit einem gewissen Stolz.

Der Milbenkäse brachte die Olsenbande nach Würchwitz

Dabei standen 2006 am Anfang der Würchwitzer Gauner lediglich ein Tresor mit dem ältesten Milbenkäse des Ortes und der ehemalige Bürgermeister des Dorfes, Friedrich-Karl Steinbach, der Egon Olsen mächtig ähnlich sieht. Die Olsenbande klaut den Käse aus dem Tresor, Yvonne – Steffi Pöschel, die im echten Leben bei der Sparkasse Altenburger Land arbeitet – plappert und der so geniale Plan scheitert.

Der erste Streifen aus Würchwitz dauerte zehn Minuten, war in drei Tagen im Kasten. Prompt wurde er mit dem zweiten Preis beim internationalen Humorfilmfestival in Berlin ausgezeichnet. „Dann haben wir beschlossen, dass wir noch einen Film drehen“, erzählt Helmut Pöschel, der in der 600-Einwohner-Gemeinde nur „Humus“ genannt wird. So ging das weiter, bis in Würchwitz irgendwann Kinofilme gedreht wurden. Sie handelten von der wertvollen Stradivari im Leipziger Gewandhaus, spielten auf dem Altenburger Flughafen. Auch im Gefängnis und eben auf der Kohlebahn in Meuselwitz schauspielerten Benny, Kjeld und Egon. Selbst Fernsehkommissar Jaecki Schwarz half den Gaunern bei einem Streich – ein Überfall auf die Sparkasse in Zeitz. Dennoch blieb der erste Film der größte Erfolg: „Je kürzer, desto öfter werden sie geschaut“, weiß der 72-jährige pensionierte Lehrer Pöschel.

Faszination des Gaunertrios liegt im DDR-Charme und dem ewigen Scheitern

Die Faszination macht er im DDR-Charme aus. „Man hat einen Plan und alles geht schief. Das war symptomatisch für die DDR“, erklärt er. Die Würchwitzer Bande hat im Vorjahr sogar in Dänemark einige der „originalen“ Schauspieler getroffen: „Benny und Birke freuten sich, dass wir den Quatsch weiter machen“, berichtet Pöschel.

Für die Würchwitzer ist nach ihrem fünften Film aber Schluss mit den kauzigen, selbst erfundenen Streichen. „Die Generation stirbt ja bald aus“, beobachtet Pöschel. Außerdem sind einige der Würchwitzer in die Jahre gekommen oder haben wie Steffen Gruner, der den Benny spielt, wenig Zeit für die aufwendigen Produktionen. „Man sollte aufhören, wenn man gut ist“, findet Gruner. Der 54-Jährige wohnt in Neuposa. Von Beruf ist er Maler. Nachdem der „erste“ Würchwitzer Benny, Hubertus Triebel, das Handtuch geschmissen hatte, spielte er in den neuesten beiden Filmen mit. Er erinnert sich an aufregende Fernsehnachmittage als Kind mit den Helden der Olsenbande. „Es ist nie was Böses passiert.“ Heute erscheinen Gruner einige Dialoge oder Streiche der 50 Jahre alten Filme beinahe albern.

Was bleibt, sind ein paar Auftritte im Jahr – wie eben in Meuselwitz. Der ehemalige Bürgermeister Steinbach wird mittlerweile von zahlreichen Menschen Egon genannt, viele fragen den 82-Jährigen gar nach Autogrammen. Mächtig gewaltig hat die Würchwitzer Olsenbande mit der Faszination und dem Kult um die Dänen gespielt und die Streiche und wiederkehrenden Besonderheiten auf die Region zugeschnitten. Der Spaß steht den Amateuren dabei ins Gesicht geschrieben. „Der Olsenbanden-Zug in Meuselwitz wird bestimmt toll“, freut sich Regisseur Pöschel schon auf Sonnabend, den 7. Juli. Denn dann fährt der Olsenbanden-Zug auf der Kohlebahn von Meuselwitz nach Haselbach. „Ist das nicht gefährlich?“, dürfte sich Kjeld fragen. Vielleicht glückt ja wenigstens der wirklich allerletzte Streich – und Bernsteinsuche und Tresorraub nehmen ein glückliches Ende.

Der Dänische Abend findet am Samstag um 17 Uhr im Lokschuppen der Kohlebahn Meuselwitz statt. Karten gibt es telefonisch unter 03448 752550 oder per Mail unter kohlebahn.meuselwitz@freenet.de. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 9 Euro. Wegen geringer Nachfrage sagten die Organisatoren den Seniorennachmittag „Kaffeeklatsch mit Egon“ ab.

Von Theresa Held

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