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Altenburg Mehr als nur motzen - Nörgelnde Wutbürger im Landestheater
Region Altenburg Mehr als nur motzen - Nörgelnde Wutbürger im Landestheater
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20:16 01.02.2012
Altenburg

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Von Patricia Liebling

Mit festen Schritten betreten etwa 16 Männer und Frauen nach und nach die Treppe im Vorraum des Landestheaters. "Wenn ich mal was zu sagen hätte", hallt es vorwurfsvoll durch das Foyer. Nicht als Einheit, sondern jeder Teilnehmer für sich selbst beklagt eine scheinbar ausweglose Situation. "Wenn mir mal jemand zuhören würde, ich wüsste schon, was ich ...", sprechen die Teilnehmer laut und deutlich weiter.

Es folgt eine Ansammlung von Kritik an Politik und Wirtschaft, dem Partner, den Nachbarn und auch an sich selbst. Dabei spielen Börsenkurse und der Skandal um Bundespräsident Christian Wulff ebenso eine Rolle wie der Altenburger Bahnhof - "Am Bahnhof gibt es nicht mal mehr ein Klo!" -, der Mangel an Parkplätzen und fehlende Aktivitäten für Jugendliche.

Das inhaltliche Spektrum des Sprechchores ist scheinbar grenzenlos und spiegelt seine eigene Zusammensetzung wider. Männer und Frauen zwischen Jugend und Alter beteiligen sich an dem Projekt, von dem Dramaturg Lennart Naujoks noch nicht weiß, wie es sich genau weiterentwickeln wird. "Abwarten", sagt er gelassen.

Seit September vergangenen Jahres hat sich ein fester Kern an Beteiligten herausgebildet, der ambitioniert und motiviert dabei ist. Zu diesem Kern gehört auch Monika Bachmann aus Regis-Breitingen. Die 71-Jährige hatte zufällig von dem Projekt erfahren und war gleich begeistert. "Wenn man nicht angreift, passiert auch nichts", sagt sie. Zu den Proben reist die Rentnerin mit der Bahn an, steuerte den Satz zu den fehlenden Bahnhofs-Toiletten bei. Sie selbst spricht ihn allerdings nicht, sondern eine andere Teilnehmerin. "Das ist ein Prinzip bei uns. Kein Teilnehmer spricht seinen eigenen Satz", erklärt Naujoks. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass der Vortrag nicht in persönliches Motzen ausartet, vielmehr eine Distanz zum Gesagten entsteht.

Neben dem Aufbegehren spielt aber auch die Gemeinschaft eine große Rolle für die Teilnehmer. "So kann ich Kontakt halten zur Jugend und zur Gesellschaft insgesamt", sagt Wolf-Dieter Kullrich. Der 59-Jährige möchte über den Sprechchor anspornen, nicht in Lethargie zu verfallen, sich mehr Gedanken zu machen. "Wir möchten auf humorvollem Wege Hinweise geben, wie es besser geht", erklärt der Bornaer. Gut findet der gelernte Maschinenbau-Ingenieur auch die Atem- und Sprechübungen, die Lennart Naujoks mit der Gruppe macht. "Wir lernen laut und deutlich zu sprechen, beispielsweise Vater zu sagen anstatt das dialektgefärbte ,Voder'", erzählt er schmunzelnd.

Die Ansatzpunkte der nörgelnden Wutbürger sind aus dem Leben gegriffen, selbstkritisch und entlarvend. Und das alles auf eine humoristische Art und Weise. Der Sprechchor überstrapaziert den erhobenen Zeigefinger des "Du sollst" und instrumentalisiert ihn. Er weist damit auf die Unsinnigkeit der vermeintlich endlosen Forderungen nach Schönheit, Intelligenz, Pünktlichkeit, Benehmen und noch viel mehr hin. "Spannend", findet auch Dramaturgie-Assistentin Kerstin Kessler, die Naujoks bei seiner Arbeit zur Seite steht.

Stampfende Füße, eindringliche bedrohliche Gesten und aggressive, teils herablassende Stimmlagen - alles Werkzeuge der Enthüllung. Die Beteiligten des Sprechchors hat das Projekt bereits angeregt, ihr Umfeld genauer zu betrachten, aufzubegehren und Lösungen zu suchen anstatt sich nur stumpf und ideenlos zu beschweren. Für die Besucher erhofft sich Lennart Naujoks: "Es wäre schön, wenn die Leute was mitnehmen."

Der Chor der nörgelnden Wutbürger ist morgen Abend um 19.10 Uhr erstmals im Foyer des Landestheaters bis zum Beginn der Vorstellung "Wer hat Angst vor Virginia Wolf?" zu erleben. Natürlich kostenfrei.

Woher stammt die Idee für den Sprechchor:

Die Schauspieldirektorin des unseres Theaters, Amina Gusner, und ich sind zufällig irgendwann einmal auf nörgelnde Menschen aufmerksam geworden. Wir fanden, die müssten mal zusammen in einem Theaterchor zu hören sein. Kurzerhand war die Idee geboren.

Was ist Nörgeln aus Ihrer Sicht überhaupt?

Es ist ein vorgefertigtes, etikettiertes Denkmuster, das genutzt wird, um sich vom Stress zu entlasten. Dabei bleibt jedoch der zweite Schritt aus, das Hinterfragen, warum einem etwas nicht passt.

Wieso der Titel "Nörgelnde Wutbürger"?

Der Titel war Amina Gusners Idee und ist ironisch gemeint. Er weist auf die Geistesmacht des Wutbürgers hin und stellt Nörgeln als Sache an sich bloß.Interview:

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