Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Menschen töten Menschen

Menschen töten Menschen

"Dies irae dies illa" - die Zeilen über den Tag des Zornes schälen sich heraus aus dem Sprachengewirr hinter dem dicht beschriebenen Folienvorhang.

Altenburg.

Ein traurig schauriger Gesang aus vielen Kehlen. Nicht das, was man gemeinhin schön nennt. Aber schön sind Krieg und Sterben nun mal nicht. "Menschen töten Menschen" skandieren die Darsteller später im eindrucksvoll blutigen Theaterrund.

 

Blut und verfallenden Prunk gleichermaßen lässt der Blick von der Bühne in den vollständig verhängten Theatersaal assoziieren. Schlachtfeld und Zufluchtsort zugleich. Marianne Hollenstein hat einen Seelenraum geschaffen, der mehrfach gebrochen die Perspektive des Amphitheaters vorstellt. Um ihn zu betreten, durchquert der Zuschauer eine Art Heerlager, das in einen Friedhof übergeht. Makaber haben sich hier die Akteure schon einmal Grabsteine gesetzt, auf denen das Todesdatum schnell und zweckmäßig nachgetragen werden kann. So schnell kann es gehen, denn "Menschen töten Menschen".

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Lange Schatten. Dieser erste Mai-Sonnabend ist der Premierenabend jener Inszenierung "Die Frauen von Troja", für die Künstlerinnen und Künstler aus sehr unterschiedlichen Ländern, ja Kulturen nach Altenburg kamen, um gemeinsam an einem Thema zu arbeiten. Einem Thema, das tatsächlich kulturunabhängig Menschen beschäftigt - die Folgen von Krieg. Bestandteil des Antike-Projektes, mit dem Schauspieldirektor Bernhard Stengele aktuell internationale Aufmerksamkeit auf die Arbeit seines herausragenden Ensembles lenkt und vor allem sozial engagiertes Theater macht. Und das zieht ein buntes Premierenpublikum an.

 

Stengele bezieht sich in seiner Inszenierung auf die Tragödie des Euripides "Die Troerinnen", die die Situation am Ende des trojanischen Krieges zum Ausgangspunkt einer für Theater immer ungewöhnlichen Reflexion nimmt. Troja ist zerstört. Die Frauen der ermordeten trojanischen Helden harren ihres Schicksals. Das Los hat über ihr Los entschieden - welche der Frauen, welchem Sieger zufällt, der sich dann mit mehr oder weniger Gewalt nehmen wird, was er zu brauchen glaubt. Ein Kind muss sterben, weil es das Kind des Feindes ist. Das Ende des Krieges ist kein Ende der Gewalt. In eindringliche symbolhafte Bilder übersetzt Stengele mit einem Ensemble aus 17 Darstellern den antiken Stoff.

 

Sicher müssen die Fragen erlaubt sein, ob nicht mehr verständlicher deutscher Text im Sinne der Tragödie auch hätte gewinnbringend sein können, ob Menschen, die in der antiken Dramenwelt nicht unbedingt zu Hause sind, dem Geschehen folgen können? Doch die Wucht der Botschaft trifft auch so, die in sich schlüssige Ästhetik zielt auf Unmittelbarkeit. In vielen Zungen gesprochen, in Fremd- und Muttersprache ist es der Sprachgestus, aus dem heraus sich eine zutiefst menschliche Tragödie erschließt: Dass es im Krieg Sieger gibt, ist Illusion.

 

Die Stückentwicklung nach Euripides erzählt vom Leiden des Menschen am Menschen, und von seinem Bedürfnis einen Schuldigen daran zu finden - Mensch oder Gott, Völker oder Götter. Und sie erzählt davon, dass dies eine endlose Spirale ist, ein Teufelskreis, weil keiner hinnehmen kann und will. Schicksal schreit nach Vergeltung. Und so zieht Mord Mord nach sich, Leid Leid. "Menschen töten Menschen". Die Botschaft ist klar, egal, ob sie auf Deutsch skandiert wird, auf Türkisch oder Griechisch oder in welcher der vielen an diesem Abend in Gebrauch befindlichen Sprachen auch immer.

 

Intensiv und heftig brechen die irren Wehklagen entwickelt aus dem Text des Euripides in der Neuübertragung von Prof. Dr. Ulrich Sinn über das Publikum herein. Sprache wird zu Klang, Klang zu Bewegung. Figuren verschmelzen und werden aufgespalten. Es ist ein sehr körperliches Theater trotz aller Symbolkraft, das den auf der Bühne sitzenden Zuschauern präsentiert wird, eine Art theatrale Erfahrung, die in ihrer Unmittelbarkeit jeden etwas angehen muss, gerade weil das Thema so erschreckend aktuell bleibt.

 

 

 

ÚNächste Vorstellungen in Altenburg: am 10. Mai, 19.30 Uhr, und am 11. Mai, 14.30 Uhr. Danch läuft das Stück mehrfach in Gera. Karten an der Theaterkasse (% 03447 585160) und in der OVZ-Geschäftsstelle (% 03447 574942) - Abonnenten erhalten an beiden Kassen zehn Prozent Rabatt - sowie im Internet unter www.tpthueringen.de.

Tatjana Böhme-Mehner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Altenburg
Außenansicht der Agneskirche
Ein Spaziergang durch die Region Altenburg
  • VDE 8 - Alle Infos und Fakten

    Am 10. Dezember eröffnete Deutschlands größte Bahnbaustelle, das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8 - hier gibt es Infos, Hintergründe und Foto... mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Willkommen an Bord: Am 22. Oktober 2017 luden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse ein. Hier gibt es einen Rückblick. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2018
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 14. LVZ-Fahrradfest lädt am 29. April 2018 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Alle Infos zum Event finden Sie in unserem Sp... mehr