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„Mercutios Geheimnis“ – überzeugende Ballettpremiere am Altenburger Landestheater

Liebesgeschichte „Mercutios Geheimnis“ – überzeugende Ballettpremiere am Altenburger Landestheater

Einer Tänzerin, die jahrzehntelang auf der Bühne gestanden hat, mögen hin und wieder Zweifel gekommen sein, ob die ihr vom Choreograf vorgegebene Interpretation einer Rolle der Vorgabe des Ballettschöpfers entspricht. Nun selbst als Choreografin tätig, überträgt sie die Zweifel an der gängigen Interpretation auf das ganze Werk. Wir sprechen von Silvana Schröder, der Leiterin und Chefchoreografin des Thüringer Staatsballetts an unserem Theater.

Moderne Version eines alten Themas: Hudson Oliveira (Bildmitte) in dem von Silvana Schröder inszenierten Ballett „Mercutios Geheimnis“.

Quelle: Stephan Walzl

Altenburg. Diese selbstbewusste Künstlerin hat sich das Recht zugestanden, bereits bestehende Ballette zu hinterfragen – so „Schwanensee“, das sie aus der Sicht des Schwarzen Schwans Odile choreografierte. Das war eine neue Sicht, die überzeugte.

Nun hat sie wieder ein klassisches Handlungsballett auf die Bühne gebracht: Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“ nach Shakespeare. Dabei unterstellt sie Romeos Freund Mercutio, dass auch er Julia geliebt hätte, erzählt, was dann gewesen wäre und benennt das Ballett „Mercutios Geheimnis“. Das ist eine interessante Fragestellung, die eigentlich aber nicht die ganze Inszenierung tragen würde, weil der Anteil dieser Rolle am ursprünglichen Handlungsgeschehen zu gering ist. So erweitert sie diese Rolle, lässt Mercutio fast während des gesamten Geschehens präsent sein und macht ihn im gewissen Sinne zur Hauptfigur des Balletts, ohne Shakespeares ursprüngliche Dramenkonstellation verändern zu können. Sein neuer Titel „Mercutios Geheimnis“ lässt nicht alle erahnen, welches allseits bekannte Werk sich dahinter verbirgt.

Dennoch gab es am Sonntagabend im Landestheater große Gefühle, eine bedingungslose tragische Liebe mit fatalem Ausgang und großes klassisches Ballett. Dazu bildgewaltige Musik von Sergej Prokofjew, die das Philharmonische Orchester unter Leitung von Takahiro Nagasaki in all seinen Facetten aus dem Graben brachte. Der Dirigent und das Orchester bereiteten dynamisch und mit feinem Gespür für die kontrastreiche Musik allen Tänzerinnen und Tänzern einen sicheren Boden. Das war musikalisch großartig gemacht und bestätigt wieder einmal die Aussage eines großen Choreografen, dass eine Ballettaufführung ohne originale Musikbegleitung nie den Charakter einer bloßen Probe verlöre. Silvana Schröders Choreografie zeichnet sich durch eine ganz unverschlüsselte geradlinige Handlungsführung aus, die das Geschehen in die ganz aktuelle Gegenwart holt und für jeden verständlich erzählt.

Dabei wird jede seelische Regung choreografisch in tänzerische Bewegung verwandelt. Durch zart-träumerische Liebesszenen, durch expressive Feindschaftsbekundungen und dramatische Gefechtsszenen wird Shakespeares Tragödie um Liebe, Eifersucht, Hass, Vergebung und Tod erlebbar gemacht. Das ist glanzvolle Ballettkunst, für die diese Compagnie seit langem steht und spielt sich ab im Bühnenrahmen von metallenen Gerüsten, die sich anfangs als Tore öffnen und den Blick frei geben auf zwei Treppen im Hintergrund als ständige Abgangsmöglichkeiten für die Akteure (Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach).

Jede Rolle ist vierfach besetzt. Für die Premiere in Altenburg wurden ausgewählt: als Julia Anastasiya Kuzia, leichtfüßig, hingebungsvoll und liebreizend bis zur Abschlussverbeugung, eine wahre Julia nach allen Vorgaben – als ihr Geliebter Romeo Filip Kvacak, ein Hauch von Schüchternheit gibt ihm etwas Vornehmes, als Tänzer technisch exakt – als Mercutio Hudson Oliveira, kraftvoll, geschmeidig und ausdrucksstark – als Miss C, „die Schwarze“, Tybalts Geliebte, eine neu geschaffene Rolle für Alina Dogodina, eine tänzerisch absolut starke Leistung mit enormer Ausdruckskraft.

Dieses hervorragende Ereignis, in dem der Tod die Liebe am Leben erhält, sollte sich kein Ballettliebhaber entgehen lassen. Noch ist Gelegenheit dazu.

Von Manfred Hainich

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