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Meuselwitzer Geschichten hinter der großen Geschichte

Meuselwitzer Geschichten hinter der großen Geschichte

"Es war sehr interessant von Leuten, die damals dabei waren, die Geschichten hinter der Geschichte zu hören", sagte Alexander Fischer nach gut zwei Stunden Unterricht der etwas anderen Art.

Das sei seinen Mitschülern ähnlich gegangen. "Sonst hätten sie nicht so lange so ruhig zugehört." In der Tat konnte man in der Aula des Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasiums eine Stecknadel fallen hören, als Günter Heilmann, Hans Günter Aurich und Co. am Montag Vormittag rund 30 Elftklässlern Erinnerungen aus ihrer Schulzeit präsentierten.

 

Anlass der Geschichtsstunde war der 65. Jahrestag ihres Abiturs an der Meuselwitzer Schule. Dies nutzten die sieben Verbliebenen des Jahrgangs 1950 zugleich, um am Gedenkstein in der Rathausstraße an die Opfer der kommunistischen Diktatur zu erinnern, unter denen mit Heinz Eisfeld und Helmut Paichert zwei ihrer Mitschüler und mit Wolfgang Ostermann einer ihrer Lehrer waren. Darüber hinaus gerieten auch Frieder Wirth, Helmut Tisch, Ulrich Kilger und Aurich selbst in russische Gefangenschaft. Allerdings bezahlten sie ihr Engagement für und in einer antikommunistischen Widerstandsgruppe nicht mit dem Leben, aber mit Folter durch den sowjetischen Geheimdienst KGB.

 

"Wir wurden unter völliger Isolierung von der Außenwelt absolut recht- und schutzlos unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten", beschreibt der 82-jährige Aurich, was ihm und seinen Schulfreunden widerfuhr. "Für unsere Angehörigen waren wir spurlos verschwunden."

 

Im Juli 1952 folgte die Anklage vor einem sowjetischen Militärgericht. "Der Prozess ohne Verteidiger widersprach allen Rechtsnormen", so Aurich weiter, der sich mit den anderen wegen Spionage, Vorbereitung terroristischer Aktionen und antisowjetischer Propaganda verantworten musste. Während Tisch, Kilger und er zu 25 Jahren und Wirth zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt wurden, bekamen Paichert und Eisfeld Todesurteile.

 

Unmittelbar danach sei man noch optimistisch gewesen, dass die dem Tode Geweihten doch noch begnadigt werden, erinnerte sich Aurich, der nach seiner Entlassung 1955/56 in der BRD eine akademische Karriere startete, die mit einer Professur für organische Chemie in Marburg ihren Höhepunkt fand. "Ohne Tritt marsch!", seien Eisfelds letzte Worte am 23. Oktober 1952 gewesen. Nur einen Tag später hätte er seinen 21. Geburtstag gefeiert. "Besonders tragisch ist, dass er nicht von der Geburt seines unehelichen Sohnes 13 Tage vor seiner Hinrichtung erfahren konnte", meinte Aurich. "Uns haben die Todesurteile mehr erschüttert als die eigenen Urteile."

 

Die Eltern erfuhren erst Jahre später und unter Angabe falscher Daten, was mit ihren Kindern geschehen war - und zerbrachen darüber. "Heinz Eisfelds Mutter hat damals über Nacht weiße Haare bekommen", erinnert sich Meuselwitz' Bürgermeisterin Barbara Golder (CDU), die einst in der Nachbarschaft wohnte. "Man hört das immer so und glaubt es nicht."

 

Ein anderes Bild hatte sich dagegen in Heilmanns Gedächtnis gebrannt. Es entstand in den letzten Kriegstagen 1945, als ganz Meuselwitz von Angst vor dem Wiederaufflammen der Kämpfe und vor der Zukunft beherrscht war. Am 14. April stand er vor einer Hofeinfahrt in der damaligen Oststraße 1, als im Nachbarhaus eine Granate einschlug. "Dann stieg eine Feuersäule hoch", erzählt er. "Ich musste weg, aber wie ich in den schützenden Keller gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Das Inferno frisst sich ein. Dieses Bild hat mich 15 Jahre nicht losgelassen."

 

Geschichten wie diese und andere will Heilmann nun aufschreiben. "Ich denke, es wird das letzte Klassentreffen gewesen sein", sagt er. "Wir sind alle 82 oder 83 Jahre, da setzt die Biologie Grenzen." Schafft er das, blieben sie der Nachwelt und den Schülern des Seckendorff-Gymnasiums weiter erhalten. "Denn die Zukunft hat eine lange Vergangenheit."

Thomas Haegeler

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