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Altenburg Mike Jessat hört nach 15 Jahren als Nabu-Thüringen-Chef auf
Region Altenburg Mike Jessat hört nach 15 Jahren als Nabu-Thüringen-Chef auf
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00:28 04.03.2018
Hört nach 15 Jahren als Chef des Nabu-Landesverbandes Thüringen auf: Mike Jessat. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Seit 15 Jahren ist Mike Jessat Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in Thüringen. Am 17. März steht er nicht noch einmal für die Wahl des Landesvorsitzenden zur Verfügung. Vor allem wolle er der nächsten Generation Platz machen, begründet der 49-Jährige, der hauptberuflich Direktor des Altenburger Naturkundemuseum Mauritianum ist, seine Entscheidung. Was er in den vergangenen Jahren mit dem Nabu erreicht hat und was er Kritikern an seiner Person und am Nabu entgegnet, erfragte die OVZ im Interview.

Mit welchen Gefühlen hören Sie auf?

Mit sehr guten, weil ich keinen Scherbenhaufen hinterlasse. Als ich das Amt 2002 übernommen habe, war vieles noch im Aufbau. In den letzten 14 Jahren hat sich der Verein aber gut entwickelt. Und der Nabu boomt. Wir haben jetzt 11 500 Mitglieder, und der Landesverband betreut große Projekte. Als ich anfing, waren es weniger als 6000 Mitglieder. Und vor mir gab es überhaupt keine Projekte, auch keine Personalanstellungen für Projekte. Inzwischen haben wir 15 Mitarbeiter, zehn davon betreuen Nabu-Projekte in ganz Thüringen.

Wie wichtig ist diese Kommerzialisierung, die ja nicht unumstritten ist?

Das lässt sich sehr gut am Pressesprecher zeigen. Ohne ihn sah es nach außen aus, als würde im Nabu nichts getan. Das war aber falsch, es wurde nur eben nicht kommuniziert. Außerdem ist der Nabu Träger öffentlicher Belange, er wird also bei vielen Bauvorhaben um Stellungnahmen gebeten. Um Großprojekte zu bearbeiten, etwa wenn es um die Stromtrasse durch den Thüringer Wald geht, braucht es qualifiziertes Personal. Das geht nicht rein ehrenamtlich. Ähnliches gilt für die Umsetzung der Projekte.

Manche Kritiker finden aber, wirtschaftliche Interessen und Naturschutz sind unvereinbar?

Wir können keinen Bach renaturieren oder ein Feuchtgebiet schaffen, indem wir mit fünf Leuten hingehen und denen dann einen Spaten in die Hand drücken. Es braucht Geld, um sinnvolle und nachhaltige Projekte zu verwirklichen. Die Kritiker hätten demgegenüber gern, dass wir wie am Anfang nur ein paar Nistkästen aufhängen und gegen jeden Bebauungsplan letztlich erfolglos Einspruch erheben. Ich dagegen habe immer den Standpunkt vertreten, dass der Nabu Flächeneigentümer werden muss. Nur dann können wir auf den Flächen Naturschutzvorhaben langfristig umsetzten und brauchen uns nicht nur aufs Meckern beschränken.

Kritisiert wird auch die Tierhaltung – Büffel, Pferde, Schafe – schafft es der Nabu, die Tiere artgerecht zu halten?

Ja, wir haben dafür Tierbetreuer. Ich bin zum Beispiel Tierbetreuer der Büffel und täglich da. Wir wollen sogar noch mehr Tiere fürs Altenburger Land. Doch Grundvoraussetzung ist, dass es Tiere sind, die nicht in den Stall gehören. Das ist Nabu-Philosophie. Deswegen halten wir Auerochsen-Nachzüchtungen oder Exmoor-Ponys. Das sind alles halbwilde Tiere, die ganzjährig draußen sind. Unser Ziel ist ja Landschaftspflege und keine Haustierhaltung. Dennoch ist der Nabu dadurch auch ein Landwirtschaftsbetrieb. Und, um auch gleich noch auf den Vorwurf der Überweidung einzugehen: Wir halten im Durchschnitt nur ein Großtier auf etwa zwei Hektar Fläche.

Wieso äußern gerade Landwirte oft Kritik am Nabu?

Zum einen werden wir als Flächenkonkurrenten wahrgenommen. Zum anderen führt der Nabu auf vielen Ebenen auch Kampagnen gegen die konventionelle Landwirtschaft. Wir haben uns in die Glyphosatdiskussion eingemischt und wir kritisieren die EU-Förderpolitik scharf. Denn bei den Bauern versinkt das meiste EU-Geld. Und für was? Nur dafür, dass sie Fläche haben. Der Nabu sagt dazu nein, Geld aus Brüssel soll es zukünftig nur noch verbunden mit Umwelt-Agrar-Maßnahmen geben. Deswegen sind wir nicht gut Freund mit der konventionellen Landwirtschaft, aber gut Freund mit den Bio-Bauern. Die sehen das nämlich genau so.

Schließen sich also konventionelle Landwirtschaft und Naturschutz grundsätzlich aus?

Je nach dem. Als Altenburger Nabu verpachten wir zum Beispiel auch Flächen an konventionelle Landwirte. Ganz neu etwa an die Agrargenossenschaft am Leinawald, die gerade eine extensive Rinderhaltung aufbaut. Petra Rauschenbach, die in Remsa Nabu-Flächen unter anderem mit unseren Büffeln bewirtschaftet, führte anfangs auch noch keinen Bio-Betrieb. Also nicht jeder konventionelle Bauer ist unser Feind und jeder Landwirt kann unser Partner werden. Doch wir haben unsere Ansprüche, die sind zur Zeit aber mit vielen Agrarbetrieben nicht kompatibel.

Ein Konfliktlinie bahnt sich neuerdings auch zwischen Nabu und Bürgern an, die sich nicht informiert fühlen. Etwa dann, wenn der Nabu Flächen erwirbt, diese beispielsweise aber nicht den Pächtern darauf befindlicher Kleingärten anbietet. Spricht der Nabu zu wenig mit den Bürgern?

Der Nabu ist eine privatrechtlich agierende juristische Person. Genau wie jede Firma, jeder Handwerker oder die Agrar-Betriebe. Fragt denn der Landwirt die Anwohner, ob er Glyphosat spritzen darf? Natürlich nicht. Aber viele denken, sie haben gegenüber dem Nabu Rechte und könnten Ansprüche geltend machen. Das ist ganz typisch, auf den Nabu wird auch viel mehr und genauer geschaut.

Könnte das daran liegen, dass der Nabu mit dem erhobenen Zeigefinger der Moral herum läuft?

Das ist falsch, das tut er nicht. Der Nabu trägt – abgesehen von Einzelnen, aber Besserwisser und Klugscheißer gibt es überall – den Zeigefinger nicht oben. Er hat nur eine unangenehme Angewohnheit, die ihm sogar als Träger öffentlicher Belange rechtlich zugesprochen wurde: Er macht Einsprüche geltend. Und dummerweise kennen wir uns in unseren Fachgebieten sehr gut aus. Deswegen sind wir aber keine Moralapostel, sondern laut Gesetz eine Art Anwalt der Natur.

Überlagert diese behördliche Tätigkeit beim Nabu den idealistischen Naturschutz?

In gewisser Weise ja. Für mich war von Anfang an wichtig, dass der Nabu fachlich argumentiert und nicht nur emotional. Der Nabu beschäftigt sich naturwissenschaftlich mit Naturschutz. Denn der Nabu will auf hohem fachlichen Niveau Natur entwickeln und bewahren.

Von Jörg Reuter

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