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Altenburg Millionär aus Altenburg kassiert über 67 000 Euro Sozialhilfe
Region Altenburg Millionär aus Altenburg kassiert über 67 000 Euro Sozialhilfe
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18:00 18.11.2016
Vor dem Altenburger Amtsgericht wurde jetzt der Fall von Hans-Christian B. verhandelt. Quelle: Dirk Wurzel
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Altenburg

Wer knapp zwei Millionen auf dem Konto hat, kennt die Summe genau, vor allem, wenn sie jeden Monat per Kontoauszug zugeschickt wird. Hans-Christian B. weiß im Moment nicht, wie viel Zaster er wirklich besitzt. Und das ist nicht das einzig Merkwürdige an dem Altenburger. Am seltsamsten war, dass der Millionär von 2008 bis 2014 Stütze vom Staat kassiert hat – exakt 67 801,90 Euro – dafür musste er sich in dieser Woche vor dem Amtsgericht verantworten.

Doch ein eiskalter Abzocker, der den Hals nicht voll bekommt, ist der 55-Jährige nicht. Eigentlich ist er ein armes Würstchen, ohne Familie und Freunde, er wirkt kauzig, weltfremd, unscheinbar, hat kein Auto und kein Hobby. Beruflich ist er auch gescheitert. In Hessen aufgewachsen, kam der gelernte Koch und studierte Fachmann für Ernährung 1998 nach Altenburg und nahm hier eine Stelle als Privat-Dozent auf Honorar-Basis bei der Innova an, für ein Jahr. Danach hangelte er sich mit weiteren ähnlichen Aufträgen in anderen Städten bis etwa 2008 hin, bis es finanziell richtig eng wurde, weil B. nun nirgends einen Job fand.

Geld aber besaß er mehr als genug. Sein Vater hatte ihm 1996 auf zwei Schweizer Banken Konten mit je einer Million Franken angelegt, hinzu kam eine Lebensversicherung über eine weitere Million. „Das Geld hab ich von meinen Eltern bekommen und angespart, seit ich 17 bin“, sagte B. vor Gericht. Wie diese so vermögend wurden, ließ B. im Dunkeln. Sein Vater arbeitete bis 1996 als Abteilungsleiter beim Elektrokonzern AEG Telefunken, die Mutter war Hausfrau. Von der Großmutter soll auch noch etwas stammen und aus Aktien-Fonds.

Nur nutzte Hans-Christian B. seine Millionen nicht, selbst als er 2008 pleite war. Er wusste zwar, wie viel auf den beiden Konten ungefähr drauf ist, kannte aber die Nummern nicht, denn die Unterlagen verwahrte sein Vater. „Ich kam nicht ran“, sagte er. Diesem von ihm als resolut und dominant beschriebenen Mann wollte er aber nicht sagen, dass er nun an seine Konten wollte, weil er dringend Geld benötigte. Es war ihm peinlich, er wollte kein Bittsteller sein und offenbaren müssen, dass er nicht das erfolgreiche Leben führt, was seinem Vater möglicherweise vorschwebt.

Deswegen wurde der Millionär zum Sozial-Betrüger. 2008 stellte er im Jobcenter den ersten Antrag auf Hartz IV. Zum Regelsatz kamen die Miet- und Heizungskosten für eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Bahnhofsnähe sowie das Geld für Kranken- und Pflegeversicherung. Pro Monat kassierte B. damit rund 800 Euro.

Das ging so bis 2014, als B. nach dem Tod des Vaters über das Geld verfügte. Nach einer Selbstanzeige beim Finanzamt wegen Steuerhinterziehung legte er am 17. März 2015 auch dem Jobcenter seine wahren Vermögensverhältnisse offen. Sowohl die Steuern als auch die Sozialleistungen wurden vollständig zurückgezahlt. Allerdings zeigte sich B. überrascht, dass er die Stütze zurückgeben musste. Wegen der korrekten Selbstanzeige kam B. um ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung herum. Nicht aber um ein solches wegen Sozialbetrugs.

Wegen Verjährungsfristen waren nur die Jahre ab 2010 von Bedeutung und dabei die Summe von rund 43 000 Euro. Dafür verurteilte das Amtsgericht den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Hinzu kommen 250 Stunden gemeinnützige Arbeit und eine Geldstrafe von 30 000 Euro. Ein Bewährungshelfer soll ihn dabei unterstützen, in ein normales Leben zurück und eine Arbeit zu finden. Denn der seltsame Millionär zwingt sich immer noch dazu, mit nur 100 Euro für Lebensmittel im Monat auszukommen.

Die milde Urteil begründete das Gericht vor allem mit dem umfassenden Geständnis. Ohne dieses hätte er es den Ermittlungsbehörden schwer machen können. Dennoch bleibt der Fall einzigartig in Altenburg und bekam von Richter Sandy Reichenbach den passenden Kommentar: „Das war schon dreist.“

Von Jens Rosenkranz

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