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Altenburg Mit Büchern gegen das Gift in Rositz – Verein will Medienbestände aufarbeiten
Region Altenburg Mit Büchern gegen das Gift in Rositz – Verein will Medienbestände aufarbeiten
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15:00 26.07.2017
In einem Hinterzimmer im Paul-Gustavus-Haus zeigt Peter Winkler die Bestände der Altenburger Umweltbibliothek. Quelle: Foto: Jörg Reuter
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Altenburg

Mit der Mahnwache gegen den Golfkrieg, einer Straßenblockade gegen die Treuhandpolitik oder der Aktionen Totentanz machte die Altenburger Umweltbibliothek Anfang der 90er-Jahre noch von sich reden. Die OVZ erinnerte 1997 anlässlich des zehnjährigen Bestehens daran. Seinerzeit feierte die Umweltbibliothek, inzwischen als Verein organisiert, den Jahrestag im neuen Domizil in der Albert-Levy-Straße. Inzwischen ist die ehemalige Kinderkombination abgerissen – und die gesammelten Medien lagern seit knapp drei Jahren in Kisten im Paul-Gustavus-Haus.

Doch auch wenn es ruhig geworden ist und die Aktivisten in die Jahre gekommen sind: Den Verein gibt es bis auf den heutigen Tag. „Wir treffen uns mindestens einmal im Jahr“, sagt Vereinschef Peter Winkler. Für 2017 hätten sich die sieben Mitglieder zudem vorgenommen, den alten Medienbestand aufzuarbeiten, um 30 Jahre nach der konspirativen Gründung der Altenburger Umweltbibliothek einen Schlussstrich zu ziehen. Für einen Teil der Dokumente, Bücher und Zeitschriften hätten bereits Stadt- und Staatsarchiv Interesse bekundet. Nicht zuletzt, weil die Unterlagen von der Zeit des Umbruchs und Wandels im Land zeugen – wohl die aufregendsten Jahre der Altenburger Umweltbibliothek.

Trotz aller Versuche des DDR-Regimes lassen sich Mitte der 80er immer weniger Menschen den Mund verbieten. Zum Frust in weiten Teilen der Bevölkerung mischten sich neue Töne aus Moskau, wo Michael Gorbatschow regierte. Dessen Reformen Glasnost und Perestroika beeinflussten auch das gesellschaftliche Klima hierzulande. In vielen Orten gründeten junge Leute unter dem schützenden Dach der Kirchen Umweltbibliotheken. Dort sprachen sie über Missstände wie die dramatische Luftverschmutzung, versorgten sich mit einschlägigen Informationen und vernetzten sich.

So auch im Altenburger Magdalenenstift. Hier trugen Jugendlichen Bücher und Hefte zum Thema Umwelt zusammen. Material, das Sprengkraft hatte und teilweise verboten war. Aber auch was nicht auf dem Index stand, gab es nicht einfach im Buchhandel zu kaufen, weshalb überall im Land die Umweltgruppen stapelweise heimlich Ormig-Abzüge – ein damals gängiges Kopierverfahren – fertigten und tauschten.

Die hiesigen Aktivisten interessierten sich vor allem für Informationen zur chemischen Industrie. „Denn ursächlich für die Gründung der Umweltbibliothek hier war die unsägliche Geschichte um Rositz. Dazu kam natürlich der oppositionelle Gedanke, welcher ebenfalls eine tragende Rolle spielte“, meint Peter Winkler, der jedoch erst 1992 zu den Aktivisten stieß. Zu dieser Zeit hatte sich die losen Gruppe gerade zum Verein Umweltbibliothek gewandelt und war ins Stadtkirchenamt umgezogen. „Aber man spürte schon, die Dinge verändern sich. Das Oppositionelle spielte keine große Rolle mehr und die Leute bekamen zunehmend Angst um ihre Arbeitsplätze“, erinnert sich Winkler, der für die Beseitigung der Altlasten in Rositz kämpfen wollte und deshalb Mitglied wurde. Aber statt des Beifalls, den die Rositzer noch wenige Jahre zuvor spendeten, wendeten sich mehr und mehr ab. Enttäuscht davon warf Winklers Vorgängerin Petra Hans bald das Handtuch.

Nach der Jahrtausendwende löste sich die Umweltbibliothek von der Kirche. In Altenburg-Nord fand der Verein ein neues Domizil, zusätzliche Aufgaben und frischen Aufwind. In der früheren Kinderkombination betrieb der Verein nun einen Weltladen sowie die Nord-Bibliothek. Politisch engagierten sich die Mitglieder – zu besten Zeiten waren es 15 – für den Frieden. Sie blieben aber auch an Rositz dran, etwa warnten sie schon damals vor den Folgen des Grundwasseranstiegs. Außerdem schauten sie den Betreibern des Heizkraftwerks in Meuselwitz auf die Finger, weil dort Müll verbrannt wurde. Winklers Mitstreiter deckten Verstöße auf, die vor etwas mehr als zehn Jahren ein großes Medienecho auslösten.

Die Jahre in Altenburg-Nord gehören sicher mit zu den erfolgreichsten der Umweltbibliothek. Doch auch diese waren irgendwann vorbei. Das Interesse an den Themen war ebenso wie die Unterstützung der Bürger nur noch gering. 2013 musste der Verein dann in die Bonhoeffer-Schule umziehen, wo vor knapp drei Jahren die Umweltbibliothek schließlich in Kisten gepackt wurde.

Von Jörg Reuter

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