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Altenburg Mit Drittklässlern über Süchte reden
Region Altenburg Mit Drittklässlern über Süchte reden
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18:16 05.11.2018
Fachkraft für Suchtprävention Jenny Röwekamp bei der Arbeit in einer dritten Klasse der Grundschule in Lucka. Quelle: Pia Siemer
Altenburg/ Lucka

 Die Kinder der dritten Klasse der Grundschule in Lucka sind unruhig am Freitagmorgen. Kein Wunder, das Wochenende steht kurz bevor und sie befinden sich mitten in einer ungewöhnlichen Unterrichtsstunde. Jennifer Röwekamp hat die Schüler gebeten, die Tische beiseite zu schieben und sich in einem großen Kreis aufzustellen. Dann legt sie ein grünes Seil aus, an dem alle festhalten sollen. Sie bittet die Mädchen und Jungen, mit dem Seil ein Dreieck zu formen, keiner soll dabei loslassen. Richtig gelingen will das nicht. Etwas unkoordiniert stolpert die Gruppe durch den Raum, wie ein Dreieck sieht das Gebilde nicht aus. „Jetzt geh doch mal da rüber“, herrscht ein Mädchen einen Schüler an. Am Ende muss Röwekamp helfen.

Auf den ersten Blick erkennt man nicht, dass Röwekamps Arbeit mit den Kindern darauf abzielt, die Entwicklung von Suchtverhalten zu verhindern. Im Mai hat die studierte Erziehungswissenschaftlerin die Stelle als Fachkraft für Suchtprävention bei der Horizonte GmbH in Altenburg angetreten, deren Träger die Diakonie ist. „Bevor die eigentliche Suchtprävention los gehen kann, muss erstmal eine gemeinsame Ebene erarbeitet werden“, sagt sie nach der Stunde.

Ungewöhnliche Mittel zeigen die Gefahren des Tabakkonsums

Ihre Arbeit an der Grundschule ist Teil des Projekts „Klasse2000“. Ursprünglich entstand dieses aus der Gesundheitsförderung an Schulen und fokussierte sich darauf, Kindern beizubringen, wie man seinen Körper gesund hält. „Mittlerweile hat der Fokus darauf, Sozialkompetenz zu vermitteln aber zugenommen“, erklärt Röwekamp. In der ersten bis dritten Klasse geht es darum, mit den Schülern an ihrem Teamgeist zu arbeiten, die Entwicklung der Persönlichkeit und das kritische Denken zu fördern. In der vierten Klasse spricht Jennifer Röwekamp dann das erste Mal über den Konsum von Alkohol und Tabak sowie dessen Folgen.

Diese Puppe namens „Smoky Sue“ soll Kindern und Jugendlichen zeigen, wie viel Teer von einer Zigarette in der Lunge bleibt. Quelle: Pia Siemer

Dafür nutzt sie sehr plakative Mittel. Im Büro von Röwekamp steht zum Beispiel ein Sack voll mit 365 leeren Zigarettenschachteln. Die kippt sie dann vor den Schülern aus, um zu zeigen, was es bedeutet, eine Schachtel am Tag zu rauchen. Die Schüler sollen dann mit 50-Euro-Scheinen aus Papier den Wert der über dreihundert Schachteln erraten. „Wenn ich sage, dass es fast 2000 Euro sind, staunen die Bauklötze“, sagt Röwekamp. Auch eine besondere Puppe bringt sie manchmal mit. „Smoky Sue“ sieht aus wie eine gewöhnlich Kinderpuppe – kann aber rauchen. Ihr steckt die Erziehungswissenschaftlerin eine Zigarette in die Mundöffnung und zündet diese an. An einem Glasröhrchen im Halsbereich können die Kinder sehen, wie viel Teer sich in der Luftröhre absetzt.

„Präventionsarbeit muss auf stabilere Füße gestellt werden.“

Jede Schulklasse, die sie betreut, besucht Röwekamp drei Mal. Zwischen ihren Stunden arbeiten die Lehrer weiter mit den Kindern an dem Gelernten. „Es ist gut, wenn jemand Externes mit den Kindern über diese Themen spricht“, sagt Ina Würfel, die Klassenlehrerin der dritten Klasse aus Lucka. Dennoch reichen die wenigen Stunden eigentlich noch nicht aus, findet Röwekamp selbst. „Auch an Grundschulen müsste es Sozialarbeiter geben, die jede Woche mit den Kindern an den Themen Kommunikation und Sozialverhalten arbeiten“, findet sie. Denn wer eine starke Persönlichkeit habe, sei besser davor geschützt, Suchtverhalten zu entwickeln.

Das Projekt „Klasse2000“ ist nur ein Teil der Arbeit von Röwekamp. Sie setzt auch Medienprojekte um und bietet Fortbildungen für Fachkräfte an. Außerdem versucht sie, sich mit anderen Präventionsarbeitern zu vernetzen.

Besonders angetan hat es ihr das „Trampolin-Projekt“, das von der Stadt Leipzig finanziell unterstützt wird. Dabei werden Kinder von suchtkranken Eltern gefördert und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Im St.-Georg-Klinikum in der Messestadt können die betroffenen Kinder an Gesprächsrunden teilnehmen. So etwas würde Röwekamp gerne auch im Altenburger Land umsetzen.

Für die Zukunft der Präventionsarbeit wünscht sie sich, dass Kinder mehr in den Blick genommen werden und finanzielle Hilfe langfristig gewährt wird. „Nur so können komplexe Projekte umgesetzt werden“, sagt Jennifer Röwekamp.

Von Pia Siemer

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