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„Mutter Courage und ihre Kinder“ feiert Premiere in Altenburg

Suche nach der Form „Mutter Courage und ihre Kinder“ feiert Premiere in Altenburg

Mit Spannung erwartet wurde am vergangenen Sonnabend die Altenburger Premiere von „Mutter Courage und ihre Kinder“ am Landestheater. Die Inszenierung von Turgay Dogan überzeugte dabei mit optischer Wucht, polarisierte jedoch auch durch Kürzungen und Umgewichtungen, die teils zu Lasten der Darsteller gingen.

Die Hauptrolle: Mechthild Scrobanita als Mutter Courage.

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. Nach 100 Minuten Spiel löst der Applaus die Spannung im Theatersaal. Der Stückschluss: Sie ziehen weiter – Anna Vierling, genannt Mutter Courage, und alle Darsteller des Ensembles wie ihre nachgewachsenen Kinder – unbelehrbar.

Immer noch ist Brechts Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg aktuell und steht seit September 2016 auf dem Spielplan, nach Gera nun mit ihrer Premiere am vergangenen Sonnabend im Altenburger Landestheater. Der ehemalige Schauspieldirektor Bernhard Stengele hatte die Inszenierung dem deutsch-türkischen Theatermacher Turgay Dogan anvertraut. Mit dem vielgespielten Stück experimentierte der Regisseur couragiert. 1939 schrieb Brecht sein Drama als Warnung, 1941 wurde es in Sorge um ihr neutrales Land in der Schweiz unter Mitwirkung vieler Exilanten uraufgeführt. In der „Stunde Null“ nach dem totalen Krieg 1946 wurde es zum ersten Mal in Deutschland gespielt. Das Berliner Ensemble machte mit seiner legendären Aufführung „Mutter Courage und ihre Kinder“ zum Paradebeispiel des epischen Theaters.

In Episoden wird von der Marketenderin erzählt, die ihre mütterlichen Gefühle niederringt, um das Wachstum ihrer Geschäfte zu fördern. Obwohl sie vergeblich gewinnt, sogar ihre Kinder dabei verliert, bleibt sie in den Raubzügen der Mächtigen, wird eine aasende Hyäne der Schlachtfelder.

Turgay Dogan suchte Mittel der epischen Spielweise zu finden, die nicht die von Brecht zum Modell erklärten wiederholen. Lange zog über viele Bühnen der deutschsprachigen, auch europäischen Länder die Vierling-Familie mit dem Wagen voller Waren als gleichnishafte Urformel. Heutige Inszenierungen lösen sich mehr und mehr von diesem Modell. Die Spielszenen werden nicht nur unterbrochen durch Angaben zu Zeit, Ort, Ankündigung der Geschehnisse und den Wechsel der Ebene auf die des Liedes wie bei Brecht, sondern erhalten weitere verfremdende Gestaltungsmittel.

Dogans Inszenierung holt alles aus dem Heute an den Zuschauer heran. Frauen und Männer aus dem Krisen- und Kriegsgebiet Nahost lesen die in Deutsch projizierten Titularien in ihren Sprachen und fast pausenlos agieren die Schauspieler in einem Fluss von Videoclips heutiger Schlachtfelder. Die Filmcollage von Katrin Köhler legt sich, alle „Stimmung“ vermeidend, über die sparsame Szenerie. Lilith-Marie Cremer gestaltete die Welt der Courage als eine bewegbare Warenanhäufung.

Karton auf Karton gestapelt ist das eine Topografie, ein Gelände, das mehr und mehr eine Ruinen-Hölle wird – darin die Figuren im Habitus unserer Zeitgenossen. Das hat optisch eine außerordentliche Wucht. Das Spiel meidet Realistisches. Die ungeheuerlichen Geschehnisse – Vergewaltigung, Folter, Tötungen – werden zeichenhaft angedeutet. Die Dialoge gestalten sich mehr zu einer Anrede des Publikums, weniger als ein Angriff oder eine Verteidigung der Kontrahenten auf der Bühne. Anfänglich irritiert diese Spielweise, zunehmend aber ließen sich die Zuschauer auf diese Ästhetik ein.

Immer noch wirkungsvoll greift die Musik von Paul Dessau ein. Von Olav Kröger einstudiert und von Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters musiziert, gibt sie den Drive. Und gesungen wird expressiv. Die Handlung steht – aber die Charakterisierung der Figuren wird gesteigert. Alexandra Sagurna als Lagerhure Yvette und Maximilian Popp als Courages Sohn Eilif – beide neu besetzt in diesen Rollen – sind singend wie spielend ein Gewinn.

Wirklich voller Spannung wird die Aufführung dem Ende zu. Auf den Stil eingelassen, verfolgte das Publikum die weiteren Niederlagen der Courage: Ihren Bettelgang gemeinsam mit dem Koch – eindringlich Mechthild Scrobanita und Thorsten Dara. Ebenso dann die Schändung ihrer Tochter Kattrin, allen Naturalismus auslassend. Anne Diemer in der Rolle der Stummen war stark in ihrem Spiel als ständig Warnende und wunderbar in der Szene, in der die Sprachlose im Frost allein das Lied singt, das sie da drinnen im Haus zu hören scheint. Absolute Stille im Saal, wenn Kattrin – die wirklich Mütterliche – die Stadt Halle vor der Erstürmung rettet und ihre Tat mit dem Leben bezahlt.

Turgay Dogan hat auf Ensemblespiel gesetzt. Es gewann große Geschlossenheit mit Manuel Kressin als Feldprediger, dem zweiten zynischen Schmarotzer neben dem Koch, mit Johannes Emmrich und Manuel Struffolino in ihren Rollen des Kriegerpersonals und Ioachim Zarculea als Sohn Schweizerkaas, dem seine Gewissenhaftigkeit den Tod bringt.

Sicher wird der Abend die Zuschauer auch polarisieren, denn die Form ist ungewohnt und die Textfassung radikal gekürzt und gewichtet damit um – nicht unbedingt zu Gunsten jedes einzelnen Schauspielers in seiner Rolle. Die Aufführung wird lange in Erinnerung bleiben und gedanklich beschäftigen.

Nächste Vorstellungen am 20. Oktober (19.30 Uhr), am 31. Oktober (18 Uhr) und am 1. November (10 Uhr). Karten an der Theaterkasse, unter Tel. 03447 585160 und online auf www.tpthueringen.de.

Von Helmut Pock

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