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Nach Suizid: Waren mögliche Aufrufe von Schaulustigen in Schmölln strafbar?

Rechtsexperten streiten Nach Suizid: Waren mögliche Aufrufe von Schaulustigen in Schmölln strafbar?

Nach dem Selbstmord eines minderjährigen Flüchtlings in Schmölln ist noch immer unklar, ob ihn Schaulustige zum Suizid aufgefordert haben. Inwiefern so etwas strafbar ist, darüber gehen die Meinungen von Experten auseinander.

Kerzen stehen vor dem Haus in Schmölln, wo sich am Freitag der minderjährige Somalier das Leben nahm.

Quelle: Frank Prenzel/Christian Neffe

Leipzig/Schmölln. Ein minderjähriger Flüchtling hat sich am Freitag in Schmölln (Landkreis Altenburger Land) durch einen Sturz aus dem Fenster das Leben genommen. Schaulustige sollen ihn zum Springen aufgefordert haben. Bisher ist das noch nicht bewiesen, aber wären solche Aufrufe überhaupt strafbar? Darüber gehen die Meinungen von Rechtsexperten auseinander.  

„Strafrechtliche Konsequenzen hat das nicht“, so Kai Christ, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Thüringen gegenüber LVZ.de. Sollten sich Berichte über Rufe von Passanten bestätigen, sei das natürlich ein „moralisches Problem und nicht zu tolerieren“, aber kein klarer Straftatbestand.

Anders sieht das allerdings Henning Rosenau, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Medizinrecht an der Martin-Luther-Universität Halle. Denn: 70 Prozent der Suizide seien nicht selbstbestimmt, sondern unüberlegt und unreflektiert, sogenannte Appellsuizide. Wenn in einem solchen Fall eine andere Person zum Suizid verleite, sei eine „Tötung durch mittelbare Täterschaft“ möglich, wie es juristisch heißt. Dies könne mit bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. „Dies ist in der Regel allerdings äußerst schwer zu beweisen, vergleichbare Fälle kenne ich nicht“, so Rosenau.

Polizei: Einzelfall prüfen

Auch die Landespolizeidirektion selber geht derzeit nicht von strafrechtlich relevanten Konsequenzen aus, selbst wenn es Ausrufe wie „Spring doch“ gegeben haben sollte. „Eine Anstiftung zum Suizid gibt einfach es nicht“ so Jens Heidenfeldt, Sprecher der Landespolizeidirektion gegenüber LVZ.de. Zwar sei in solchen Fällen immer eine Einzelfallprüfung nötig, inwieweit es eine verbale Einflussnahme gegeben habe. Aber: „Diese wäre strafrechtlich in kaum einem Fall relevant“, so Heidenfeldt.

Nach dem Selbstmord des minderjährigen Somaliers im thüringischen Schmölln wird unterdessen weiter diskutiert, ob Passanten den 15-Jährigen aufgefordert haben, Suizid zu begehen. „Nach jetzigem Kenntnisstand ist das nicht der Fall“, hieß es am Montag aus der Landesdirektion unter Berufung auf an dem Einsatz beteiligte Beamte sowie befragte Augenzeugen. Zuvor hatte bereits Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) Berichte über angebliche Aufrufe zur Selbsttötung angezweifelt. Dem gegenüber stehen allerdings Äußerungen von Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade (SPD), wonach es Rufe wie „Spring doch“ gegeben haben soll.

Lucas Grothe

Hinweis zum Thema Suizid und Freitod

Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen, dem sogenannten Werther-Effekt, verzichtet die LVZ in der Regel auf Berichterstattung bei Suiziden. Da durch die Umstände in Schmölln jedoch ein öffentliches Interesse an Aufklärung derselben besteht, haben wir uns entschieden, über den Todesfall zu berichten.
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Schmölln 50.895434 12.355062
Schmölln
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