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Altenburg "Noch fühle ich mich nicht richtig zu Hause"
Region Altenburg "Noch fühle ich mich nicht richtig zu Hause"
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18:38 11.06.2014
Aytac Ismayilova, Rima Kirakosjan sowie Natalja und Asja Markus haben als Migranten im Altenburger Land unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Quelle: Mario Jahn

Dennoch fühlen sich viele von ihnen nicht oder nur unzureichend integriert. Für andere war es ein langer Prozess, hier heimisch zu werden.

Die meisten Ausländer im Altenburger Land kommen aus Vietnam, Tschechien und Russland. Eine von ihnen ist Aytac Ismayilova. Die 36-Jährige wohnt seit 15 Jahren in Altenburg und kommt aus Aserbaidschan. "Hier fühle ich mich integriert und wie zu Hause", sagt die junge Frau. Doch die Eingliederung von Aytac Isamayilova war ein langer Prozess, bei dem Sprache und Arbeit eine große Rolle spielten. Hinter dem Begriff "Integration" verstecken sich oft viele Schwierigkeiten, mitunter auch schmerzhafte.

Die Zuwanderer müssen in Deutschland wieder von null anfangen. "Für alle Menschen, die hier ankommen und sich integrieren wollen, ist das eine Herausforderung", sagt Volker Liebelt vom Caritasverband Ostthüringen. Vor solch einer Herausforderung stand auch Aytac Ismayilova. Die deutsche Sprache musste sie ohne Sprachkurs, dafür mit Beharrlichkeit lernen. "Ich lernte Deutsch durch die Nachrichten im Fernsehen", erzählt sie. Für ihre Schwiegermutter Rima Kirakosjan war das Deutschlernen nicht so erfolgreich. "Meine Integration war schwer, weil ich am Anfang meines Lebens in Deutschland an Krebs litt", erzählt die 63-Jährige, die die Unterstützung ihrer Schwiegertochter als Übersetzerin braucht.

Weil Sprachkurse fast immer angeboten werden, ist die Situation für Migranten in Altenburg heute zwar besser, aber immer noch nicht optimal. "Viele Zuwanderer werden direkt zum Sprachniveau B1 geschickt, was viel zu hoch für die Leute ist. Viele kennen nicht die Grundlagen der deutschen Sprache und sollten vorher die Stufen A1 und A2 machen", fordert Volker Liebelt. Wenn die Zuwanderer nach B1 weiter lernen wollen, müssen sie nach Leipzig oder Erfurt fahren. Hinzu komme, dass einige noch nie zur Schule gingen und selbst in ihrer Muttersprache nicht schreiben können. "Wenn sie am gleichen Sprachkurs wie gebildete Leute teilnehmen, funktioniert es überhaupt nicht", warnt der erfahrene Migrationsberater.

Laut Volker Liebelt ist die Nichtanerkennung der Abschlüsse der Zuwanderer ebenfalls ein großes Problem. Ohne Arbeit ist es schwer, sich zu integrieren. "Qualifizierte Menschen bekommen hier keine Berufsanerkennung und müssen in größere Städte umziehen", erklärt Liebelt. Das Problem kennt Aytac Ismayilova gut. In Aserbaidschan lernte sie den Beruf einer Krankenschwester, aber in Altenburg wurde die Ausbildung nicht anerkannt, und hier einen Job zu finden, war sehr schwer. "Ich arbeitete am Anfang als Putzfrau und dann als Verkäuferin im Döner-Laden", erzählt sie.

Mit der Berufsanerkennung hatte die Familie Markus genau das gleiche Problem. Asja und Natalja Markus sind Spätaussiedlerinnen, die vor 15 Jahren aus Kasachstan nach Thüringen kamen. Natalja war Lehrerin für Russisch und Literatur. Ihre 40-jährige Tochter Asja war pharmazeutisch-technische Assistentin. Beide mussten beruflich wieder von vorn anfangen. Natalja fand keinen Job und engagiert sich seitdem bei der Caritas, wo sie freiwillig anderen Zuwanderern hilft. Asja musste um eine neue Ausbildung kämpfen. Nun ist sie Krankenschwester damit beruflich und sozial integriert.

Auch wenn die Zuwanderer deutsch lernen und sich im beruflichen Leben integrieren, fühlen sie sich im Landkreis nicht immer freundlich empfangen. Die Mitglieder der zwei Familien wurden mehrmals diskriminiert und ausgelacht, unter anderem wegen ihrer Aussprache. "Wenn die Leute am Telefon meinen Akzent hören, sprechen sie mich manchmal mit kaltem Ton an", ärgert sich Asja Markus. Auch ihre 63-jährige Mutter spricht mit dem Akzent, der ihre Herkunft verrät. "Wir wohnen seit Langem in Altenburg, aber trotzdem fühle ich mich noch nicht richtig zu Hause. Die Leute betrachten uns nicht als Deutsche, sondern als Russen", sagt Natalja Markus. Sie hofft, dass es für ihre Enkelkinder besser wird: Sie sind in Deutschland geboren und sprechen mit keinem Akzent. "Viele verstehen nicht, warum wir nach Thüringen kamen. Wenn wir es erklären, gucken sie uns skeptisch an, als ob wir irgendwelche Märchen erzählen würden", bedauert Asja Markus, die keine Lust mehr hat, sich immer rechtfertigen zu müssen.

Für die Spätaussiedler stellt sich die Frage der Identität noch mehr als bei den anderen Migranten. "Zuerst wollte ich unbedingt Deutsche sein. Ich war aber irgendwann müde, immer beweisen zu müssen, dass ich Deutsche bin", erklärt Natalja Markus. "Eine Hälfte unserer Seele ist deutsch und die andere russisch". 100 Prozent deutsch fühlt sich auch Rima Kirakosjan nicht. Die 63-jährige Aserbaidschanerin vermisst ihre Traditionen und ihre Kultur. "Von außen sehe ich gut integriert aus, aber von innen bin ich es nicht. Die Mentalität und viele Freiheiten sind für mich hier immer noch fremd, beispielsweise wenn meine 14-jährige Enkeltochter bei einer Freundin übernachten möchte. Sie ist hier aufgewachsen, deshalb denkt sie wie eine Deutsche. Auch wenn ich es verstehe, stimme ich trotzdem nicht zu", erklärt die besorgte Oma.

Oft gelingt die Integration der Kinder viel besser als die ihrer Eltern und Großeltern. Bei Familie Markus sind alle sehr stolz auf Eugen, der ältere Sohn von Asja. Der in Kasachstan geborene 24-Jährige arbeitet bei der Bundeswehr in Frankfurt am Main. Allein er symbolisiert die erfolgreiche Integration seiner Familie.

© Kommentar

Adeline Bruzat

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