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Altenburg Nörgelsäcke philosophieren über Allergien
Region Altenburg Nörgelsäcke philosophieren über Allergien
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00:43 20.04.2018
Immer alles genau im Blick: Markus Tanger und Annemarie Schmidt kommentieren vom Fenster aus Leben und Gesellschaft. Quelle: Foto: Klaus Peschel
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Gössnitz

Es kann gefährlicher sein, mit einer Tüte Milch unter dem Arm herumzulaufen, als mit einer Kalaschnikow. Denn die Allergien lauern überall. Jeder reagiert irgendwo auf irgendetwas gereizt: So die Quintessenz des neuen Kabarettprogramms der Gößnitzer Nörgelsäcke. „Kann Spuren von Nüssen enthalten“ feierte am Freitagabend seine Premiere.

Heute ist Gößnitz

Annemarie Schmidt, Markus Tanger und am Klavier Enrico Wirth agierten als Allergieaustreiber. Gegen Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Latex, Nickel, Schimmelpilze und Sonnenlicht hatten sie zwar kein Mittel, dagegen aber eines gegen die Wohlstandskrankheit Nummer eins, die Unzufriedenheit am System als Allergie. Und dieses Mittel hieß Satire.

Nach zwei Stunden sah man nur lachende Gesichter. Das Kabarettvolk machte nicht den Eindruck, schlecht gehe es ihm immer noch am besten. Von wegen, Panama war gestern, heute ist Gößnitz, wie am Anfang orakelt. Das Städtchen erwies sich auch als Metropole für Briefkastenfirmen als ungeeignet.

Von „Allgerien“ und „Ostpollen“

Das Jungunternehmerpaar Annemarie Schmidt und Markus Tanger scheiterte mit seiner Firmenidee in Gößnitz sowohl am Optimismus des Publikums als auch an den hinterhältigen Allergien. „Was, Sie haben eine Sonnenallergie, soll ich Sie beschatten?“, so Tanger zu Schmidt.

Auch die Frage nach dem Woher der Ekelauslöser wird gestellt und beantwortet: Sie kommen aus „Allgerien“ oder „Ostpollen“. So einfach kann man es sich machen. Noch viel weiter aus dem Osten kam die russische Putze auf die Gößnitzer Bühne und sprach das aus, was die deutsche Hausfrau verdrängt: In Deutschland gibt es mehr Putzmittel als Schmutz. Und der deutsche Mann hat seinen Putzzwang weitgehend unter Kontrolle.

Mütter und Direktoren

Das Programm ist flott inszeniert. Als einzige Requisite ändert ein Quader von Nummer zu Nummer auf der Bühne seinen Standort und seine Funktion. Aus dem Briefkasten wird er zur Brüstung des Balkons, zum Küchentisch und zur Schweinebox. Denn Spuren von Nüssen finden die Kabarettisten allerorten. Im Möbelmarkt mit Zwangswegeführung, auf dem Schulhof, im Schweinestall beim Plausch von Sau zu Sau oder am Herd des Kochstudios. Um da überall neben Spuren von Nüssen auch solche von Hirn zu finden, bedarf es schon der Lupe.

Kabarett ist, war und bleibt aber dennoch optimistisch. Dafür sorgte auch der Mann am Klavier, Enrico Wirth, der aus dem Hintergrund nur so mit schwarzem Humor um sich wirft. Die Mutti zum Sohn: „Du musst in die Schule gehen“. Der Sohn: „Ich will nicht.“ Die Mutti: „Du musst, du bist doch der Direktor.“ Enrico Wirth ist ein Meister derart pointierter Überraschungen. Und er ist dem Gößnitzer Premierenpublikum bestens bekannt. Annemarie Schmidt bis dahin nicht.

Urkomischer Keim

Das anderthalb Meter große Energiebündel aus Leipzig begann seine Laufbahn auf der Kleinkunstbühne beim Jugendkabarett der „Pfeffermühle“. Heute gehört Annemarie Schmidt zum Stamm des Leipziger Kabaretttheaters „Sanftwut“. In Gößnitz begab sie sich gemeinsam mit Tanger und Wirth auf die Spur der Nüsse und sie bleibt als Rampensau in bester Erinnerung. Als eine Künstlerin, für die die Kleinkunstbühne bis in die letzte Ecke der Spielstätte geht. Sie ist quirlig, laut, und wenn es ihr danach ist, auch frivol.

Für ihren Auftritt als multiresistenter Keim in grün-gelbem Kostüm wäre das Gößnitzer Kabarettvolk am liebsten vor Begeisterung, Anerkennung und Huldigung auf die Stühle gesprungen. Doch das passierte nicht. Aus drei Gründen. Erstens: Es war dafür viel zu eng. Zweitens: Die Leute waren dafür schon zu alt. Drittens: In Gößnitz tut man so etwas grundsätzlich nicht.

In Gößnitz der Spur der Nüsse zu folgen ist lustiger als der Spur der Steine nachzutrauern. Allergiker, pilgert in die Pleißestadt. Es lohnt sich.

Von Klaus Peschel

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