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„Oliver Twist“ – ein Musical eigens für den Kinderchor

Landestheater Altenburg „Oliver Twist“ – ein Musical eigens für den Kinderchor

Der Kinderchor des Altenburg-Geraer Theaters hat eine eigene Musical-Produktion. Am Wochenende erlebte „Oliver Twist“ seine ersten und vorerst auch letzten Aufführungen in Altenburg. Singen die jungen Choristen sonst neben den Profis, interpretieren sie diesmal alle Rollen selbst, auch die der Erwachsenen. Mit großen Erfolg.

In Aktion: Julie Tittel als Oliver Twist, Patricia Felsch als Nancy, Joana Czekalla als Fagin und Rashmi Torres als Schlitzohr (v.l.).

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. Am Sonnabend und Sonntag erlebte „Oliver Twist“, die eigene Musical-Produktion des Kinderchors von Theater & Philharmonie Thüringen, seine ersten und vorerst auch letzten Aufführungen in Altenburg. Mit großen Erfolg. Singen die jungen Choristen sonst in „Tosca“, „La Bohème“, „Carmen“ oder „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ neben den Profis, haben sie seit Mai dieses Jahres ein Musical, das ganz allein von ihnen gesungen und gespielt wird – und es ist die deutsche Erstaufführung.

Der Stoff ist weltbekannt: Oliver Twist – Der Weg eines Fürsorgezöglings. Charles Dickens veröffentlichte 1837 seinen Gesellschaftsroman, der immer wieder für Theater, Film, Fernsehen und Comic adaptiert wird. Von London ging das Musical „Oliver!“ an den Broadway. Immer wieder entstehen neue Varianten. Auch Konstantin Wecker komponierte jüngst eine. Im Landestheater Altenburg war aber eine besondere Schöpfung zu erleben.

Im Jahr 2000 schufen Mary Donnelly und George L. O. Strid, beide an einer Musikschule tätig, ein Kinderchor-Musical – ein Werk, zugeschnitten auf das gesangliche Vermögen eines Kinderchores. In diesem sind die jungen Sänger im Alter von sechs bis 17 Jahren nicht nur die Schar der ausgebeuteten Waisenkinder und die Bande der minderjährigen Taschendiebe, sondern auch die Erwachsenen: Diebe und Hehler, Bürger und Polizisten Londons. In allen Rollen singen und agieren sie mit Enthusiasmus. Das hat seinen ganz eigenen Charme. Das zu erleben, war für Junge und Ältere im Saal ein Vergnügen.

Professionell hatte das Theater die Arbeit begleitet. Chordirektor Holger Krause studierte mit den rund 30 Sängern die eingängigen englischen Lieder ein. Schauspielkapellmeister Olav Kröger komponierte Musik für die Zwischenszenen. Gerald Krammer leitete musikalisch die Aufführung und begleitete am Piano einfühlsam zusammen mit den Musikern Kathrin Osten (Flöte) und Uwe Knaust (Klarinette). Die Tontechniker sorgten für einen wirkungsvoll ausgeglichenen Sound.

Ronny Ristok inszenierte die spannende Geschichte des Waisenjungen im viktorianischen England, der nach vielen Wirrungen aus dem Elend heraus in die besten Hände, in die seines wohlhabenden und mildtätigen Großonkels, kommt. Nicht jeder, einmal in der Gosse, fand ein Happy End – aber bei Dickens und im Musical ist es so. Ristok, einst Bühnenluft in der „Theaterfabrik“ schnuppernd, führte einfallsreich seine Truppe zum Singen, Tanzen und charakteristischem Sprechen der deutschen Dialoge. Er ließ sie in eingeblendeten Filmszenen durch das nächtliche London jagen und erfand für den Spielraum die Grundlösung: Ein riesiges Buch.

Vier Illustrationen konnten aufgeklappt werden: Armenhaus, Straßenzug, Dachquartier und bürgerlicher Salon. Ristok fand bei der Realisierung seiner Ausstattungsidee Unterstützung bei den Theaterwerkstätten und der Geraer Kunstschule, deren Kursteilnehmer das große Bilderbuch malten. Der Regisseur setzte auf Studio-Charakter. Verwandlungen der Bühne nahmen die jungen Sänger selbst vor, tauschten rasant ihre Kostüme, um in die nächste Rolle zu schlüpfen und hielten so mit äußerster Präzision und Disziplin das Geschehen im Fluss. Sie entfalteten ihre stimmlichen und darstellerischen Ausdrucksmittel. Ohne angeklebten Bart oder graue Perücken zogen sie als „Alte“ komödiantisch alle Register. Das war eine Leistung.

Eigentlich ist es ungerecht, nur einige des Ensembles zu nennen: Julie Tittel sang beeindruckend den unglücklichen und bescheidenen Titelhelden, wie auch Patricia Felsch die Hehlerin Nancy, schwankend zwischen Mitgefühl und Verschworenheit. Auffällig gut Joana Czekalla als der alte Boss der Diebe Fagin und als der Armenhaus-Aufseher Mr. Bumble. Ein glänzendes Gegenstück dazu der gütige Mr. Brownlow, verkörpert von Klara Szymanowski. Teilte sich das Ensemble letztens in der Kammeroper „Alice im Wunderland“ noch die Aufgaben mit den Sängern des Hauses, haben sie nun mit Oliver Twist eine ganz eigenständige Arbeit vorzuweisen, vergleichbar mit „Die kleine Meerjungfrau“ des Kinder- und Jugendballetts. Die Zuschauer belohnten das junge Ensemble mit heftigem Applaus.

Vorerst sind keine weiteren Aufführungen geplant. Bei Interesse können sich Schulen aber an den Besucherservice wenden (Tel. 03447 585177).

Von Helmut Pock

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