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Altenburg Pharmafirmen zahlen Ärzten und Klinikum in Altenburg über 66 000 Euro
Region Altenburg Pharmafirmen zahlen Ärzten und Klinikum in Altenburg über 66 000 Euro
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00:18 03.04.2017
Mehr als 66 000 Euro überwiesen Pharmafirmen 2015 an Ärzte des Klinikums Altenburger Land und an das kommunale Krankenhaus selbst. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Immer wieder gibt es Diskussionen um den Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte. Um mögliche Interessenkonflikte transparent zu machen, haben 54 Unternehmen im Vorjahr erstmals ihren Geldfluss an Mediziner offen gelegt. Allerdings stimmte nicht einmal ein Drittel der Ärzte zu, dass dabei ihr Name veröffentlicht wird. Dennoch hat das Recherchenetzwerk Correctiv die zum Teil schwer auffindbaren Fakten in einer Datenbank zusammengeführt und sie für jeden nutzbar gemacht. Darin kommen auch Ärzte und weiteres medizinisches Personal aus dem Klinikum Altenburger Land sowie das kommunale Krankenhaus selbst vor.

Spitzenreiter als Empfänger von Pharma-Geld am Klinikum ist der Ärztliche Direktor, Professor Jörg Berrouschot. Exakt 43 913,20 Euro erhielt der Chefarzt der Klinik für Neurologie anno 2015 von Arzneimittelherstellern. Das Gros machten dabei laut Berrouschot Honorare für Vorträge bei Weiterbildungen und für die Beratung der Firmen, etwa zur Einschätzung und Auswertung von Studien, aus. Allein 14 090 Euro zahlte dabei Genzyme, wobei es um die Behandlung von Multiple Sklerose (MS) ging. Von Bristol-Myers Squibb gab es noch mal etwas mehr als 8000 Euro und von Boehringer Ingelheim 6000 Euro. Thema hier jeweils: Schlaganfall-Therapie. Der Rest sind Honorare von Pharma-Riesen wie Bayer und Pfizer unter 4000 Euro sowie Spesen und Reisekosten.

Für ihn sei die Veröffentlichung der Zahlen eine Selbstverständlichkeit, sagt Berrouschot. „Um höchstmögliche Transparenz zu schaffen.“ Er werde das auch weiterhin tun. „Denn bei den Zahlungen geht es um Leistung und Gegenleistung.“ Auch legt der Chefarzt Wert auf die Feststellung, keine Kongresseinladungen angenommen zu haben, sondern nur in Sachen Weiterbildung unterwegs gewesen zu sein. „Das ist auch notwendig“, erklärt er. „Wenn wir das nicht machen, haben die Ärzte und am Ende die Patienten das Nachsehen, weil ihre Behandlung nicht den neuesten Standards entsprechen würde.“ Überhaupt wäre ärztliche Weiterbildung in Deutschland ohne Geld der Pharmafirmen unmöglich.

Im Vergleich zu Berrouschot hat das Klinikum mit 22 249,07 Euro nur etwa halb so viel Geld von den Pharmafirmen bekommen. Dabei handelt es sich vornehmlich um Sponsoring-Zahlungen von etwas mehr als einem Dutzend Unternehmen. Meist geschah dies im Rahmen von Veranstaltungen in den Räumen am Waldessaum. Auffällig dabei ist, dass auch diese häufig mit der Klinik für Neurologie zusammenhängen. Das trifft etwa auf den mit 6000 Euro größten Einzelposten von Bayer zu. Der Leverkusener Konzern unterstützte damit unter anderem den jährlich stattfindenden Altenburger MS-Tag und die Veranstaltung „Interventionen gegen den Schlaganfall“ mit rund 200 Teilnehmern. Auch die Firma Boehringer Ingelheim, die 4500 Euro sponserte, 2500 Euro spendete und noch mal so viel als Honorar überwies, unterstützte damit zum Beispiel den Thrombolyse-Kurs sowie Veranstaltungen zum Thema Schlaganfall und zum Diabetikertag.

Eine Einflussnahme einzelner Firmen auf Inhalte von Veranstaltungen hat es aber laut Klinikum nicht gegeben. So sei Bayer nur einer der Unterstützer des 13. MS-Tages gewesen, teilte Klinikumssprecherin Christine Helbig mit. Auch die anderen „Veranstaltungen wurden von mehreren Pharmaunternehmen unterstützt“. Das unterstreicht Geschäftsführer Dr. Lutz Blase: „Die Sponsoren nehmen keinen Einfluss auf die präsentierten Inhalte und auch nicht auf die medizinischen Bewertungen einzelner Therapieoptionen.“ Die Höhe des Honorars bemesse sich „am Umfang der Dienstleistung und an der wissenschaftlichen Reputation des Referenten“.

Das beschreibt Berrouschot im Hinblick auf Fachvorträge ähnlich. „Bei einer Parteinahme wird man einmal eingeladen, aber dann nicht mehr“, erklärt der Neurologe, der in Mitteldeutschland ein angesehener Spezialist für MS- und Schlaganfall-Therapie ist. „Ich bilde mir meine Meinung nach bestem Wissen und Gewissen.“ Als weiteren Beleg seiner Unabhängigkeit führt der Chefarzt an, dass er für viele Firmen tätig ist. „Die stehen in Konkurrenz und stellen ähnliche Produkte her.“

Darüber hinaus stellt der Ärztliche Direktor klar, dass es in Altenburg „weder in der Neurologie, noch in anderen Abteilungen“ Anwendungsbeobachtungen gebe. Diese stehen wegen ihres geringen Nutzens, aber hohen Potenzials für Einflussnahmen besonders in der Kritik. Dabei beobachten Mediziner im Alltag, wie Patienten bestimmte Medikamente vertragen. Die Zahlungen an Ärzte für Studien und Anwendungsbeobachtungen wollen die Pharmafirmen aber laut Correctiv grundsätzlich nicht personenbezogen veröffentlichen.

www.correctiv.org/recherche/euros-fuer-aerzte

Von Thomas Haegeler

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