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Pleiße außer Rand und Band

Pleiße außer Rand und Band

Schwimmende Gewächshäuser, Plastestühle und Pflanzen in einer Gartenanlage am Ortseingang von Treben lassen nur erahnen, welch dramatische Szenen sich in der Nacht zum Montag abgespielt haben.

Das Haus auf dem Grundstück daneben ist vom Wasser der Pleiße eingeschlossen. Dieses Schicksal ereilt gestern in den frühen Morgenstunden die meisten Häuser in Treben und im Unterdorf von Windischleuba.

 

Von Marlies Neumann

 

Überall liegen Sandsäcke vor Türen und Toren, um die Wassermassen, die seit etwa 3 Uhr ungebremst über die Hochwasserschutzmauer in Treben rauschen, abzuwehren. Doch nicht überall ist das gelungen. Viele Keller sind vollgelaufen und Grundstücke überflutet. Den Kindergarten mussten die Rettungskräfte gegen 5 Uhr aufgeben. Dieser ist vorerst ebenso geschlossen wie die von Wassermassen eingeschlossene Schule.

 

Überall sprudelt gestern Vormittag nach Heizöl riechende, schmutzige Brühe aus Schläuchen auf Straßen und Wege. Doch die stehen im Ortskern sowieso schon bis zu einem halben Meter unter Wasser. Ein Durchkommen ist nur mit Gummistiefeln möglich.

 

"Der Deich in Serbitz hat bis jetzt gehalten, doch der an der Hufewiese im Ort nicht. Der ist auf einer Länge von 50 Metern gebrochen und das Wasser ist in alle Häuser östlich der B 93 und über die Allee in den Ortskern gelaufen", so Bürgermeister Klaus Hermann (59, CDU), dem gestern Vormittag die Strapazen der vergangenen Tage anzusehen sind.

 

Hier sind neben dem Rittergut, dem Sitz der Verwaltungsgemeinschaft, auch Wohnhäuser, Kirche und Gärtnerei vom Hochwasser betroffen. "Das ist das dritte Mal, dass wir innerhalb von elf Jahren abgesoffen sind", sagt Holm Staake, Inhaber der Gärtnerei. "Wir sind rechtzeitig informiert worden, dass der Gerstenbach über die Ufer tritt. Doch die Gewächshäuser konnten wir weder sichern noch leer räumen. Lediglich die Technik und einige Blumenpflanzen haben wir gerettet", sagt Staake und ist frustriert. Er rechnet mit einem Schaden im hohen fünfstelligen Bereich. In seinem Wohnhaus, gleich neben der Gärtnerei hört man die Pumpen arbeiten, die die Dreckbrühe aus dem Keller nach draußen befördern.

 

Ohne Pumpe kommt hingegen Reiner Taubert in der Breiten Straße aus. Er hat sein Grundstück von vorn mit Sandsäcken gesichert. Davon liegen im Dorf weit über 10 000. "Kommen Sie mal mit in meinen Garten", sagt der Rentner. Dort stehen die Erdbeeren und das Gemüse im Pleißewasser. "Da haben wir großes Glück gehabt. Die braune Brühe ist von hinten in den Garten gerauscht und durch den Garten des Nachbarn auf die Straße und in den Mühlgraben", berichtet er. "Wir haben schon auf gepackten Koffern gesessen, denn unsere Söhne wollten uns abholen. Doch da das Wasser schon langsam wieder zurückgeht, sind wir geblieben."

 

Alex Kluge und seine Frau Kerstin haben die Nacht zu gestern, wie die Rettungskräfte empfohlen hatten, nicht im eigenen Haus, sondern bei den Kindern in Altenburg verbracht. "Heute morgen sind wir zurückgekommen und haben festgestellt, dass das Wasser nur im Keller steht", ist der 46-Jährige sichtlich erleichtert.

 

Schon innerhalb von zwei Stunden ist zu beobachten, dass das Wasser in den Straßen deutlich weniger wird und die Pleiße nur noch hinter der Hochwasserschutzwand tobt. "Wenn die nach 2002 nicht gebaut worden wäre, wären die Schäden doppelt so groß wie vor elf Jahren", sagt Klaus Hermann, der überzeugt ist, dass dieses Hochwasser noch gewaltiger ist als damals. Er weiß aber auch genau, dass es noch mal viel Arbeit für die Trebener und ihre Helfer gibt, wenn es ans Aufräumen geht. Doch damit ist erst am Dienstagnachmittag oder Mittwoch zu rechnen.

 

Unterdorf evakuiert

 

In Windischleuba hat die Pleiße ebenfalls gewütet. Wie vor elf Jahren ist hier das ganze Unterdorf abgesoffen - diesmal noch schlimmer. Über den Schutzdeich ist das erste Wasser am Sonntag gegen 15 Uhr kommen. "Wir waren zwar vorgewarnt, doch weder die Jugendherberge noch der Kindergarten war zu retten", berichtet Windischleubas Bürgermeister Gerd Reinboth (56, CDU). Beide Gebäude waren 2002 schon überflutet und danach für mehrere 100 000 Euro saniert worden. Die Einrichtungen sind erst einmal geschlossen. Die Kindergartenkinder werden aber in der Schule weiter betreut.

 

Von den Fluten eingeschlossen sind auch etwa 20 Wohnhäuser im Unterdorf. "Rund 40 Bewohner sind evakuiert worden. Die sind vorübergehend bei Verwandten oder Bekannten", so Reinboth. Zu diesen Windischleubaern gehört auch Hans-Joachim Schweitzer. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt der 67-Jährige, der bei der Tochter im Oberdorf untergekommen ist. Obwohl er die Möbel hochgestellt hatte, ist im Erdgeschoss alles hinüber, vermutet er. "Doch das werden wir ja sehen, wenn das Wasser weg ist." Während einzelne Bewohner aus den im Wasser stehenden Häusern ihr Hab und Gut mit Schlauchbooten in Sicherheit bringen, holt die Feuerwehr weitere Menschen mit Booten ins Trockene.

 

Pumpen wie die Trebener können die Windischleubaer im Unterdorf nicht einsetzen. Sie haben seit Sonntagabend keinen Strom. Weil sich die Fluten der Pleiße, die außer Rand und Band geraten ist, diesmal über die B 7 ergossen haben und auch in den Ortsteil Borgishain abgesoffen, ist dort ein Umspannwerk regelrecht explodiert. Seitdem ist es auch in Fockendorf zappenduster. "So schlimm war des beim Jahrhunderthochwasser 2002 lange nicht", erinnert sich Reinboth, dem anzusehen ist, dass er die ganze Nacht auf den Beinen war.

neumann, marlies

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