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Altenburg "Plötzlich haben Nameneine Lebensgeschichte"
Region Altenburg "Plötzlich haben Nameneine Lebensgeschichte"
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20:17 07.10.2013
Dafna Yalon Quelle: Florian Theis

Für einen Roman über ihre Großmutter ging die Israelin auf Recherchereise, unter anderem zum Tag des offenen Denkmals nach Altenburg.

OVZ: Sie sind mittlerweile wieder wohlbehalten in Israel angekommen, was bleibt Ihnen von der Reise besonders im Gedächtnis?

Dafna Yalon: Für uns ist es immer wieder interessant und erstaunlich zu erleben, wie ruhig und geplant man in Europa den Alltag leben darf. Ich war auch sehr beeindruckt vom Schulprojekt "Anne Frank war nicht allein". Die vielen Menschen, die sich mit dieser unbequemen Geschichtsschreibung in der Stadt befassen, haben mich tief beeindruckt. Ich glaube, dass man immer in die Geschichte zurückschauen soll, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft aufzubauen.

Wie ging Ihre Reise nach dem Besuch in Altenburg weiter?

Mein Mann und ich haben die Spur meiner Ahnen nach Leipzig zurückverfolgt, wo sie immerhin vier Jahre lebten. Danach haben wir Dresden besucht und sind nach Tschechien zur KZ-Gedenkstätte Theresienstadt gefahren. In dem Konzentrationslager sind während des Zweiten Weltkriegs mehrere Mitglieder aus unseren Familien umgekommen.

Hat Sie auf Ihrer Reise etwas überrascht?

Ich hatte bisher nicht gewusst, wie wohlhabend meine Großeltern in Deutschland tatsächlich waren. Die Fotos konnten nicht den Eindruck von diesem wunderschönen und riesigen Haus vermitteln. Es hat mich sehr gewundert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie mein Großvater allein in seiner neuen Heimat schon mit 35 Jahren so erfolgreich war. Innerhalb der Familie wurde nie über so etwas geredet.

Was verbinden Sie mit dem ehemaligen Haus Ihres Großvaters an der Teichstraße?

Es war, als ob die Vergangenheit plötzlich in die Gegenwart springt. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Das Haus und die Stadt kannte ich ja nur von Fotos und Erzählungen, wirklich physisch anwesend zu sein, ist aber eine ganz andere Sache. Auf den Bildern habe ich auch nie gesehen, wie schön der Ort tatsächlich ist. Leider gibt es aber auch traurige Geschichten. Als mein Vater neun Jahre alt war, ging er hier zur Schule. Er war das einzige jüdische Kind in seiner Klasse, wurde einmal von seinen Schulkameraden dermaßen verprügelt, bis er ohnmächtig auf der Straße lag. Die Lehrer haben nur zugeschaut.

Ihre Großeltern verließen daraufhin Altenburg und zogen 1930 nach Leipzig.

Ja, das war der Wendepunkt, dem sie wahrscheinlich ihr Leben zu verdanken haben. 1934 folgte die Ausreise nach Palästina, ihre Identität haben sie aber mitgenommen. Meine Großeltern sahen sich ihr ganzes Leben lang als Deutsche. Sie kamen aus Polen und haben in Altenburg die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, sich deutsche Namen ausgesucht und sich dort niedergelassen. Auch in Palästina haben sie sich als Deutsche gefühlt und die Sprache und Kultur behalten. So habe ich auch Deutsch gelernt.

Sie schreiben gerade an einem Roman über das Leben Ihrer Großmutter Bronia Grünwald. Welchen Einfluss hat Ihre Reise nach Deutschland nun darauf?

Eigentlich dachte ich, dass das Buch schon fertig geschrieben sei. Doch hat der Rundgang durch das jüdische Altenburg zum Tag des offenen Denkmals mich sehr bewegt. Eine große Überraschung war es, die Ur-Enkelin von Herrn Dreissler, der meinem Großvater das Haus in der Teichstraße verkauft hatte, auf diesem Rundgang kennenzulernen. Plötzlich haben die Menschen, die für mich nur Namen aus dem Archiv waren, eine eigene Identität und Lebensgeschichte bekommen. Das soll sich auch in dem Roman widerspiegeln. Ich habe auch erst jetzt erfahren, dass das Musikhaus Allegro von meiner Großmutter geleitet wurde. Jetzt will ich herausfinden, wieso es so war, ob sie tatsächlich so selbstständig war.

Und Ihr Großvater Abraham Grünwald?

Er war Geschäftsmann durch und durch, der die Lage in Deutschland schon 1934 realistisch einschätzte und frühzeitig nach Palästina übersiedelte. Dort hat er eine Fabrik für Baumaterialien gegründet, die 1938 durch Brandstiftung komplett zerstört wurde. Danach eröffnete er eine Konditorei, in der dann auch meine Großmutter gearbeitet hat.

Sie haben bei Ihrem Besuch in Altenburg auch das teilweise sanierte Haus besichtigt, was halten Sie davon?

Ich finde es wunderschön. Vor allem ist mir wichtig, dass das Haus der Nachwelt erhalten bleibt. Schade ist nur, dass man den alten Schriftzug des Geschäftes an der Wand nicht sichtbar erhalten konnte.

Florian Theis

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