Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Premiere im Altenburger Landestheater: „Fabian“ – eine alte Geschichte neu erzählt

Revue Premiere im Altenburger Landestheater: „Fabian“ – eine alte Geschichte neu erzählt

Der Globus hat die Krätze. Diesen Satz Erich Kästners hat Fabian Alder in seine Revue „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ übernommen. Und es scheint, als würde die Reflexion auf die Endzeitstimmung in der Gesellschaft, die Verlogenheit und die blasierte Tristesse zwischen Menschen, Medien und Gesellschaft heute brandaktuell sein.

Eine Revue braucht eine Showtreppe: Lara Waldow, Philipp Reinheimer und Manuel Struffolino wissen sie im Stück „Fabian“ überzeugend zu nutzen.

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. Der Globus hat die Krätze. Diesen Satz Erich Kästners hat Fabian Alder in seine Revue „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ übernommen. Und es scheint, als würde die Reflexion auf die Endzeitstimmung in der Gesellschaft, die Verlogenheit und die blasierte Tristesse zwischen Menschen, Medien und Gesellschaft heute brandaktuell sein. So zu erleben am Sonntagabend bei der jüngsten Schauspielpremiere im Altenburger Landestheater.

Unter dem Blickwinkel der bleckenden Zähne eines brutalen Kapitalismus in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und des um sich greifenden Nazismus als vermeintlicher Retter im Elend, gehen die Welt, sämtliche Werte von Moral, auch die Zukunftsvisionen, vor die Hunde.

Um es also vorweg zu nehmen: Kästner in seinem satirischen Roman wie Alder in seiner Revue lassen die Protagonisten untergehen. Den einen aus Verzweiflung nach einem Missverständnis und den andern, den Moralisten, weil er in völliger idealistischen Hingabe tatsächlich vergisst, dass er einige wichtige lebenserhaltende Eigenschaften nicht besitzt. In seinem Fall das Schwimmen.

Fabian, dieser freundliche Werbetexter, Melancholiker und Moralist, treibt fassungslos durch die todkranke Vergnügungswelt in Berlin zu Beginn der 1930er-Jahre. Plötzlich: Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Job, Tod des Freundes – jeglicher Lebenssinn mit einem Schlag verloren. Nun allein treibt er unaufhaltsam und zwangsläufig dem todsicheren Abgrund entgegen. Die Kästnersche stilistische Gratwanderung findet sich wieder in der Zuspitzung zum Absurden wie am Beispiel der Figur des Werbeleiters Breitkopf oder in der von Alder sehr typisch aufgearbeiteten Szenen im Arbeitsamt oder beim martialischen Gesang im roten Wedding „Wann wir schreiten Seit an Seit“.

Das auf die Bühne gestellte typische Revue-Theater ist sehr mutig, sehr gekonnt, sehr gelungen und erfolgreich von Fabian Alder inszeniert. Die unglaublich wandlungsfähigen Schauspieler – jeder hat mindestens drei Rollen zu spielen, zu singen, zu tanzen oder als Band zu musizieren – bewältigten ihre Aufgaben stilsicher und souverän. Es war eine Freude, diesem Gewusel beizuwohnen. Anne Diemer als Caligula spielte die Erzählfigur unglaublich beeindruckend hintergründig. Sie beeinflusst den Verlauf, greift mancherorts kräftig ein, macht dem Namen des berüchtigten römischen Kaisers alle Ehre. Manuel Struffolino als Fabian, moralisierend-melancholisch, traurig und gierig nach Leben und Erfolg, dem Untergang geweiht – einfach klasse. Thorsten Dara, vorwiegend als Freund Labude, Lara Waldow als Fischer und Freundin Cornelia, Philip Reinheimer, der unter anderem den Werbe-Agenturleiter Breitkopf umwerfend gab. Last but not least Mechthild Scrobanita als Mutter über der Bühne schwebend und als vermeintliche Hure mit Ulrich Milde an ihrer Seite, als Rechtsanwaltsgatte und verzweifelter Erfinder, sie alle spielten ohne Ausnahme mit Bravour.

Das Bühnenbild und die Kostüme (beides Ines Nadler) boten die treffliche Grundlage für all das. Mit Glitzerfaden, einer rotierenden Drehbühne, der unerlässlichen Showtreppe – alles wurde typisch mannigfaltig genutzt und gaben einem das Podium, der es wahrlich verdiente: dem DJ, Multiinstrumentalisten, Effektengeber und eigentlich achten Mitspieler Johannes Schleiermacher. Songs und instrumentale Nummern als eine feine Mixtur in Sounds vergangener Jahrzehnte, sorgsam ausgewählte Blitzlichter neuer und alter Songs (musikalische Einrichtung Olav Kröger). Schleiermacher war als Saxofonist und Flötist einfühlsam und stilsicher, gab aber auch den Stimmungsbrecher mit fulminanten freejazzartigen Gefühlsausbrüchen. Alles in allem – großartig.

„Fabian“ von Kästner war ein Zeitspiegel. „Fabian“ von Kästner und Alder ist es heute mindestens. Das Publikum dankte mit langem, sehr freundlichem Beifall. Hingehen.

Nächste Vorstellungen: 18. und 26. März, jeweils 19.30 Uhr, sowie 3. April, 18 Uhr, im Großen Haus. Karten an der Theaterkasse (Tel. 03447 585160), online buchen unter www.tpthueringen.de.

Von Stefan Müller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Altenburg
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • LVZ-Fahrradfest
    Logo LVZ-Fahrradfest

    LVZ-Fahrradfest 2016: Sehen Sie hier einen Rückblick mit vielen Fotos von allen Starts, Videos und mehr. mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr