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Schiedsrichter Hans-Joachim Reichenbach leitet Sonntag sein 2000. Spiel

Schiedsrichter Hans-Joachim Reichenbach leitet Sonntag sein 2000. Spiel

Dieser Mann ist rekordverdächtig. Wenn der Altenburger Hans-Joachim Reichenbach am morgigen Sonntag um 14 Uhr die Kreisliga-Begegnung der Sportfreunde Neukieritzsch gegen den TuS Pegau anpfeift, steckt er schon mittendrin in seinem 2000. Spiel als Schiedsrichter.

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Alles tanzt nach der Pfeife von Fußball-Schiedsrichter Hans-Joachim Reichenbach. Der Altenburger ist seit 53 Jahren im Geschäft.

Quelle: Mario Jahn

"Setzt man nur fünf Kilometer pro Partie an, bin ich mit 10 000 Kilometern schon ein Viertel des Äquators in Fußballschuhen gelaufen", sagt der 68-Jährige und illustriert damit eine Leistung, vor der man den Hut ziehen muss.

 

Als Reichenbach 2010 sein 50-jähriges Jubiläum als Unparteiischer beging, hatte er noch angekündigt, dass das 2000. Spiel sein letztes sein würde. "Das ist es nicht", gibt der Skatstädter heute unumwunden zu und liefert wie aus der Pistole geschossen gleich die Gründe dafür: "Meine Augen und meine Knie sind noch in Ordnung und es macht noch Spaß." Endlos will der Rentner dennoch nicht weiter pfeifen. Diese Saison werde er noch in Ehren zu Ende bringen, erklärt er. "Dann ist definitiv Schluss. Schließlich muss man auch aufhören können und zwar, bevor man sich zum Gespött der Leute macht."

 

Das, was dem Schiedsrichter-Marathon-Mann Spaß macht, beschreibt er mit Freude an der Bewegung und Interesse am Fußball. "Ich habe früher auch gern selbst gespielt, aber einfach nicht das Talent gehabt", meint der einstige Aktive bei Motor Altenburg selbstkritisch und entschied sich 1960 auf die Frage des Schiedsrichter-Obmanns für eine Laufbahn als Referee. "Denn spielenderweise wäre ich nie aus dem Kreis herausgekommen."

 

Mit der Pfeife aber gelang ihm das. Zwar pfiff er bis zu seiner Armeezeit 1965 nur auf Altenburger Kreisebene. "Ab 1968 ging es dann aber Jahr für Jahr eine Klasse höher", erzählt der einstige Versicherungsfachmann. Über Bezirksklasse, Bezirksliga und Junioren-Oberliga qualifizierte er sich schließlich 1970 für die DDR-Liga. Mit 25 Jahren war er gar der jüngste Schiedsrichter in der zweithöchsten Spielklasse des Landes. Bis 1974 war er dort aktiv, leitete unter anderem das Derby zwischen Vorwärts Leipzig und den Chemikern aus Leutzsch. "Da waren 14 000 Zuschauer im Stadion des Friedens", erinnert sich Reichenbach. "Das hat schon Spaß gemacht genauso wie die Partie Lok Leipzig gegen Honved Budapest vor 10 000 Leuten."

 

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm auch noch ein anderes Spiel - wenngleich aus völlig anderem Grund. "Ich sollte in Sömmerda pfeifen, was mit der Reichsbahn von Altenburg aus eine Tortur war", erzählt der 68-Jährige. "Dreiviertel fünf ging's los." Aufgrund der fehlenden Verbindung zunächst nach Leipzig. Dort gab es Aufenthalt. Danach fuhr er weiter nach Erfurt, wo Reichenbach wieder warten musste. "Um 12 Uhr war ich endlich da, habe dann das Spiel gepfiffen und danach Glück gehabt, dass die Linienrichter aus Weimar kamen und mich mit zurückgenommen haben. Sonst hätte ich 0.19 Uhr den letzten Zug von Leipzig nach Altenburg nicht mehr geschafft."

 

Eigentlich hätte Reichenbach auch das Zeug zum Oberliga-Referee gehabt, was er auch wollte. Aber ein damals gewichtiger Makel verbaute ihm diesen Weg: Er war nicht in der SED. Sauer hängte er für ein Jahr die Pfeife an den Nagel. Dann aber suchte Motor Altenburg händeringend Schiedsrichter - und Reichenbach ließ sich breitschlagen. Weil es aber vor 19 Jahren zu Differenzen mit dem Altenburger Kreisverband kam, wechselte er als Referee ins Leipziger Land. Doch auch hierzulande lässt Reichenbach Kicker nach seiner Pfeife tanzen. Denn beide Kreisverbände tauschen komplette Schiri-Teams aus, um bei heiklen Spielen garantiert neutrale Gespanne einzusetzen. So leitete der Altenburger auch Partien in Rositz, Ehrenhain oder Zehma.

 

"Im Augenblick bin ich in Deutschland der einzige Ur-Großvater, der noch auf dem Fußball-Platz sein Unwesen treibt", meint Reichenbach und lacht. "Aber meine fast dreijährige Ur-Enkelin ist die einzige, die frech zu mir sein darf." Die Beschimpfungen, die er auf dem Rasen mitunter zu hören bekommt, nimmt er gelassen hin und keinesfalls persönlich. "Sonst hält man das nicht 53 Jahre durch." Handgreiflichkeiten habe es gegen ihn aber nie gegeben. "Und wer jede Woche beschimpft wird, macht etwas falsch." Fußball von der Tribüne aus anschauen, ist hingegen nicht sein Ding. "Meine Frau sagt, eine Freistellung am Wochenende reicht", scherzt Reichenbach, der seit 46 Jahren mit seiner Brigitte verheiratet ist. Und so bleibt seine 2000. Begegnung auch diese Woche die einzige, die von ihm geleitet wird.

Thomas Haegeler

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