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"Schmerz ist noch nicht groß genug"

"Schmerz ist noch nicht groß genug"

Die Handwerksunternehmen im Landkreis sorgen sich um Nachwuchs. Ob Friseur, KFZ-Mechaniker, Elektroniker oder Zimmermann - gute Bewerber sind rar, auch weil es weniger Schulabgänger gibt.

Altenburg.

Die fehlenden Azubis von heute sind der Fachkräftemangel von morgen. Wilfried Krys, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Altenburger Land, zeigt die Herausforderungen der kommenden Jahre auf.

 

OVZ: Immer weniger Betriebe bilden aus, Unternehmen fürchten Überalterung. Steckt das Handwerk in einer Krise?

 

Wilfried Krys: Es gibt viele Betriebe die Nachwuchssorgen haben, weil das Durchschnittsalter ihrer Belegschaft steigt. Um die Mitarbeiterstärke zu halten, braucht es Nachwuchs. Das ist ein Problem, ich würde aber nicht von einer Krise sprechen. Kein Betrieb kämpft um seine Existenz, nur weil er nächstes Jahr keine Auszubildenden hat. Fakt ist aber, dass fast jede Handwerksbranche Nachwuchs sucht. Besonders das Elektro- und das Heizungssanitär-Handwerk. Ebenso die Friseure - inzwischen besser bezahlt - suchen kreative junge Leute.

 

Was wird dringender gesucht: Lehrlinge oder gut ausgebildete Fachkräfte?

 

Sowohl als auch. Der Schwerpunkt liegt aber bei den Azubis, da ein Lehrling passgenau für das eigene Unternehmen ausgebildet werden soll, damit er dort bleibt. Eine völlig andere Situation gab es vor zehn bis 15 Jahren. Da gab es zu viele Schulabgänger und wir appellierten an die Betriebe, diese unterzubringen.

 

Zurzeit sind noch mindestens 34 Lehrstellen unbesetzt. Was sind die Gründe?

 

Das sind schlichtweg die zu geringen Schulabgängerzahlen.

 

Wie entwickelt sich die Situation?

 

Die Talsohle scheint erreicht. Das sagen die Statistiken der Arbeitsagentur. In den kommenden Jahren gibt es noch einen kleinen Anstieg, bevor die Zahlen stagnieren. Wir müssen uns damit abfinden, dass die Betriebe händeringend nach Auszubildenden suchen werden.

 

Durch sinkende Schülerzahlen steht auch die Zukunft der Berufsschulen auf dem Spiel.

 

Ja, denn in Thüringen muss eine Berufsschulklasse mindestens 15 Schüler haben, sonst wandert sie an den nächsten Standort ab. Darüber sind wir nicht glücklich und versuchen da auch politisch einzuwirken. Es kann nicht sein, dass Schüler nur noch in Erfurt, Jena oder Gera unterrichtet werden. Altenburg besitzt eine sehr gut ausgestattete Berufsschule, die umgebaut und erweitert wurde sowie eine Lehrerschaft, die fachlich topfit ist.

 

Welche beruflichen Perspektiven haben junge Leute im Landkreis, um Karriere zu machen, vielleicht sogar ein eigenes Unternehmen zu gründen?

 

Zunächst können Lehrlinge in dem Unternehmen bleiben, wo sie gelernt haben. Dort kennen sie sich mit den betrieblichen Arbeitsabläufen bestens aus. Zudem gibt es vielfältige Fortbildungsmöglichkeiten. In den nächsten Jahren gibt es auch das Problem der Betriebsübernahme, sodass Nachfolger gesucht werden.

 

Haben gute Lehrlinge die Chance, übernommen zu werden?

 

In der Regel ja. Einige Lehrlinge lehnen aber auch von sich aus ein Angebot ab, da sie noch einmal etwas anderes kennenlernen wollen.

 

Profitieren die Mitarbeiter von dem konjunkturellen Aufschwung?

 

Die Betriebe, die aufgrund der guten Auftragslage Mitarbeiter suchen oder Lehrlinge übernehmen wollen, wissen, dass man diese auch gut bezahlen muss, damit sie bleiben und Leistung bringen. Das ist den Handwerkern im Altenburger Land mittlerweile klar.

 

Handwerksberufe umfassen anspruchsvolle, technische Tätigkeiten. Oft schließen die Lehrlinge ihre Ausbildung aber mit schlechten Noten ab.

 

Es gibt immer mehr Bewerber, die schon auf den ersten Blick den Anschein erwecken, dass sie die Ausbildungsanforderungen nicht meistern können. Rückblickend waren wir auch ein wenig verwöhnt. Vor fünf oder zehn Jahren konnten die Betriebe noch aus dem Vollen schöpfen und sich die besten Bewerber aussuchen. Heute muss man dafür etwas tun und über das Lehrstellenportal der Handwerkskammer, über Zeitungsannoncen oder durch Besuche in den Schulen und Messen auf sich aufmerksam machen. Von Betrieben, die diese Möglichkeiten nicht nutzen, muss man letzten Endes den Eindruck haben, dass ihr Nachwuchsproblem gar nicht so groß ist, wie sie es manchmal darstellen. Oder anders gesagt: Der Schmerz ist noch nicht groß genug.

 

Wie viele Auszubildende brechen ihre Lehre vorzeitig ab?

 

Wir waren in den vergangenen Jahren schon ein wenig erschrocken über die steigende Zahl der Abbrecher. Mittlerweile bewegen wir uns auf bundesdurchschnittlichem Niveau. Von den 82 Lehrlingen, die im Herbst ihre Ausbildung antreten sollten, haben vier zurückgezogen. Von denen, die 2010 anfingen, haben 24 abgebrochen, weil sie gekündigt oder beide Seiten gemerkt haben, dass die Ausbildung nicht das Richtige ist. Mancher Lehrling glaubte vielleicht auch, man könne machen, was man will und man möge sich nach mir richten, wenn die Handwerkerschaft doch so dringend Nachwuchs sucht. Das funktioniert natürlich nicht.

 

Was halten Sie von der Idee, Azubis und Fachkräfte aus krisengeplagten EU-Ländern anzuwerben?

 

Darüber wurde nachgedacht. Wir dürfen jedoch nicht verkennen, dass unser Handwerk kleinteilig organisiert ist. Ein großer Elektrobetrieb aus Ostthüringen beispielsweise hat Auszubildende aus Spanien angeworben, auf Firmenkosten ein Internat gebaut und einen Dolmetscher eingestellt. Das Geld für die Unterbringung und Verpflegung können sich unsere Handwerksbetriebe nicht leisten. Das Projekt würde auch an den sprachlichen Barrieren scheitern.

 

Interview: Benjamin Winkler

 

© Kommentar

Benjamin Winkler

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