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Sehnsucht nach Schönheit - Strawald-Austellung im Altenburger Lindenau-Museum

Sehnsucht nach Schönheit - Strawald-Austellung im Altenburger Lindenau-Museum

Nahezu die gesamte obere Etage des Lindenau-Museums gehört in den kommenden Wochen dem Werk eines Mannes - Jürgen Böttcher, der seit den 1970er-Jahren unter dem Pseudonym Strawalde zusätzlich Bekanntheit erlangte.

Altenburg.

 

 

 

 

Von Frank Engelmann

Eine üppige Ausstellungsfläche, die dennoch nicht ausreicht, um jede Nuance des facettenreichen Künstlers aufzuzeigen, die erwähnenswert wäre. Um jedes erzählende Detail, das keinen Platz fand, tut es Museumsdirektorin Jutta Penndorf leid, auch wenn schließlich sogar das Treppenhaus und die Kassenhalle mit einbezogen wurden.

Zu sehen ist im Haus an der Gabelentzstraße damit seit Sonntag eine derart umfassende Retrospektive zum Schaffen von Jürgen Böttcher, wie es sie in dieser Breite und Vielfalt bislang nicht gab. Nicht nur quantitativ betrachtet, vor allem in ihrer Komplexität. Immer wieder wird neben den Einzelpräsentationen von Exponaten zwischen Früh- und Spätwerk der Brückenschlag gesucht zwischen den unterschiedlichsten Themen, Kunstgeschichtsbezügen, Herangehensweisen und Techniken. Gemälde und Zeichnungen, Filme, Videotagebücher und Polaroids finden sich darin ebenso wie Übermalungen und Übermalungsfilme, Collagen, Assemblagen und Druckgrafiken. "Eine solche Zusammenschau der Arbeitsfelder dieser exponierten deutschen Künstlerpersönlichkeit, die auch internationale Aufmerksamkeit erfahren hat, war bisher nirgendwo zu sehen", betont Jutta Penndorf. Der Filmregisseur Jürgen Böttcher wird dabei ebenso gewürdigt,wie der Maler Strawalde.

In Strahwalde, jenem kleinen Ort in der Oberlausitz, dem er später in leichter Abwandlung seinen Künstlernamen entlieh, erhielt der Heranwachsende seine Prägungen, die ihn ein Leben lang nicht mehr losließen. 1931 im sächsischen Frankenberg als Sohn eines Studienrats und einer Buchhändlerin geboren, genoss Böttcher frühzeitig eine umfassende Bildung und musisch-künstlerische Erziehung. Als er vier Jahre alt ist, wird der Vater von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen, fortan muss die Mutter allein für den Lebensunterhalt sorgen. Drei Jahre später zieht die Familie nach Strahwalde. Es beginnt eine Phase finanzieller Not, die bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges anhält.

Entbehrung, Krieg, Tod und Schuldgefühle prägen den jugendlichen Jürgen Böttcher auf sehr direkte Weise. 1944 wird sein geliebter älterer Bruder als Soldat bei einer Übung erschossen, ein Verlust, der ihn traumatisiert. Im Februar 1945 ist der Feuerschein der in Schutt und Asche versinkenden Barockstadt Dresden bis nach Strahwalde am Horizont zu sehen, im Mai 1945 liegen junge Russen und Deutsche tot in seinem Dorf. Als er 1949 in Dresden Malerei zu studieren beginnt, ist der Geruch von Tod noch immer wahrnehmbar, der Hunger überall gegenwärtig. Wie viele Menschen seiner Generation hofft Böttcher nach diesen düsteren Erfahrungen auf einen radikalen Neuanfang. Er tritt der SED bei.

Bereits als Student gerät er, wie sein Lehrer Wilhelm Lachnit, mit frühen Arbeiten in die Formalismus-Debatten jener Zeit. Bis 1955 lebt Böttcher als freischaffender Künstler in Dresden, lehrt an der Volkshochschule, wird für später teils namhafte Schüler zu einer wichtigen Bezugsperson und einem geschätzten Mentor. Bald spürt er jedoch, mit seinen Vorstellungen dauerhaft als Maler nicht überleben zu können in dieser ersehnten neuen Zeit.

Böttcher zieht nach Berlin, nimmt ein Regiestudium an der Film-Hochschule Babelsberg auf und wird nach dem Diplom 1960 als Regisseur ans Defa-Studio für Dokumentarfilme verpflichtet, wo er bis 1991 arbeitet. Er beginnt, möglichst aufrichtige Filme über das Leben der sogenannten einfachen, vor allem schwer arbeitenden Leute zu machen. Mit wechselndem Glück, oft überkritisch beäugt. Sein einziger Spielfilm, "Jahrgang 45", wird nach dem berüchtigten 11. Plenum 1965 bereits im Rohschnitt verboten und erlebt erst 1990 seine Erstaufführung. Jene Arbeit an diesem Film bescherte Böttcher 1964 die Zusammenarbeit mit Wolf Biermann, der an der Musik dazu beteiligt war. Daraus erwächst eine langjährige Freundschaft, die bis zu Biermanns Ausbürgerung 1976 auch zahlreiche gemeinsame Urlaubs- und vor allem Arbeitsaufenthalte in Lütow auf dem Gnitz (Usedom) beinhaltet. Lütow-Elemente tauchen fortan des Öfteren im Werk des Malers auf, auch in dieser Sonderschau. Drei Exponate der Präsentation sind Leihgaben aus dem Privatbesitz von Biermann.

1969 heiratet Jürgen Böttcher die Schauspielerin Erika Dobslaff, eine Mimin, die seit 1966 am hiesigen Landestheater engagiert war. Während seiner Besuche in Altenburg betrachtet er oft die Sammlungen italienischer Malerei der Früh-Renaissance im Lindenau-Museum. Dobslaff und er kennen sich bereits seit 1959. Aus diesem Jahr stammt das Frühwerk "Harlekin", für das jene "Dobsi" Modell stand und das nun im Entree zur Ausstellung und im Katalog einen Ehrenplatz erhalten hat.

Die Schönheit im Allgemeinen und die Anziehungskraft des weiblichen Geschlechts im Besonderen haben Böttcher-Strawalde Zeit seines Lebens fasziniert und finden sich als Variationsthema und Liebeserklärung auf vielen seiner Bilder. Jutta Penndorf: "Strawalde registriert die historischen und aktuellen Katastrophen und malt Bilder, wie die Wirklichkeit sein könnte, Gegenbilder, um die Wirklichkeit auszuhalten. Das Schmerz-Gedächtnis ist Ausgangspunkt seiner Kunst bis heute. Was ihn aus der Gegenwartskunst hervorhebt, vielleicht auch isoliert, sind der Mut zu Schönheit und das bildnerische Formulieren einer wachen Utopie."

Führungen/Vorträge

25. Februar, 15 Uhr: Jutta Penndorf und Matthias Flügge stellen Bilder und Filme von Strawalde vor.

23. März, 20 Uhr: "Woodstock am Karpfenteich", Buchpräsentation mit Lesung von Ulli Blobel und Konzert von Ulrich Gumpert und Günter Baby Sommer in Kooperation mit dem Jazzklub Altenburg.

14. April, 17 Uhr: Der Film "Jahrgang 45", im Anschluss Gespräch von Strawalde mit Matthias Flügge.

29. April, 14 Uhr: Finissage mit Strawalde, Filme und Konzert.

Filme in der Ausstellung:

Dienstags: "Drei von vielen" (1961)

Mittwochs: ""Im Pergamonmuseum" (1962) und "Ofenbauer" (1962)

Donnerstags: "Barfuß und ohne Hut" (1965)

Freitags: "Martha" (1978)

Samstags: "Der Sekretär" (1967) und "Wäscherinnen" (1972)

Sonntags: "Rangierer" (1984) und "Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner" (1985)

www.lindenau-museum.de

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