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Selten gehörte Stimmigkeit - Hilary Griffiths überzeugt als GMD-Kandidat ausnahmslos

Selten gehörte Stimmigkeit - Hilary Griffiths überzeugt als GMD-Kandidat ausnahmslos

Würde man angehenden Musikdramaturgen die Aufgabe stellen, mehrere Konzertprogramme mit Musiken nach Werken der bildenden Kunst thematisch passend zusammenzustellen, hätten sie wohl keine größeren Probleme damit.

Altenburg.

 

Das Bestreben visuell Erlebtes musikalisch darzustellen, durchzieht die gesamte Musikgeschichte. Doch erst mit der Ausbildung der Programmmusik im 18. Jahrhundert wurden ganze Bilder zum Thema musikalischer Werke.

So konnte es auch nicht ausbleiben, dass man bei der Thematisierung der Philharmonischen Konzerte des Altenburg-Geraer Theaters auf das Thema "Töne zu Bildern" stieß. Doch fügte man im Gegensatz zu manch anderem Konzert diesmal Werke nicht willkürlich zusammen, sondern fand vier Stücke, die keine reinen Bild-Vertonungen und keine musik-dramatischen Inhaltsbeschreibungen darstellten, sondern die allesamt musikalische Reflexionen zu Bildern vermitteln. Dadurch erhielt das Konzert im Landestheater eine so selten erlebte musikalische Einheitlichkeit, die der Tatsache trotzte, dass die Werke aus unterschiedlichen Epochen stammten und unterschiedlichen Charakters waren.

Und da es der Dirigent Hilary Griffiths als Kandidat für die Stelle des Generalmusikdirektors nicht bei einer guten Wiedergabe der Werke beließ, sondern den Stimmungsgehalt zu erfassen und durch das Orchester wiederzugeben versuchte - was ihm glänzend gelang - erhielt das Konzert eine selten zu hörende Stimmigkeit.

Der englische Dirigent ist ein Meister der Differenzierung. In Ottorino Resphighis Eingangswerk nach drei Bildern von Sandro Botticelli bringt er nicht nur opulente Klangbilder, sondern vor allem die leisen Töne zur Geltung und erreicht mit dem stark reduzierten Orchester kammermusikalische Zartheit und ein leichtes Schwelgen in mediterraner Stimmung. Dieses Schwelgen spart er in den drei anderen Werken vollkommen aus, weil diese mit ihrem düsteren Charakter wenig dazu hergeben und weil er bemüht ist, diese Stimmungen durch Klarheit zu erhellen. So in Günther Witschurkes "Marienbildnis" op.36, in dem ein nerviger, von einem Synthesizer hervorgerufener Ton fast das ganze Werk hindurch ein bedrohtes Menschenleben auf einer Intensivstation assoziiert und sein Aussetzen dessen Tod verkündet. Die darauf außerhalb des Konzertraumes einsetzende Choralmelodie, gespielt vom Posaunenquartett, ist von starker Wirkung. Es ist sehr zu begrüßen, dass ein Werk des einheimischen Komponisten und Kulturpreisträgers der Stadt Altenburg nach langer Zeit wieder in ein Konzertprogramm aufgenommen wurde.

In Rachmaninows Sinfonischer Dichtung "Die Toteninsel" nach einem Bild des Schweizer Malers Arnold Böcklin lässt Hilary Griffiths die arhythmischen Meereswellen tsunamigleich wie aus dem Nichts "anschleichen", immer intensiver werden und dann beinahe brachial über einen hereinbrechen und mit diesem Sog ins musikalische Geschehen ziehen. Mit einem dunklen samtigen Streicherklang und grell und scharf akzentuierten Bläsern zelebriert er die unheimliche Atmosphäre dieser Musik, die eher resignativ als dramatisch ist und hält den fließenden Übergang zwischen Leben und Tod wunderbar in der Schwebe. Eine ergreifende wie niederschmetternde Interpretation dank eines in Hochform gebrachten Orchesters.

Nach der Pause setzt sich diese Qualität mit den "Bildern einer Ausstellung" von Mussorgski in der Instrumentalisierung von Ravel fort. Dieses Werk schreit nach Differenzierung und Griffiths gibt sie in größtmöglicher Spannweite. Er macht aus jedem Bild eine kleine Tondichtung als musikalisches Kleinod und verleiht dem Schlussbild "Das große Tor von Kiew" die Größe eines Opernfinales. Letzter Schlag, Bravogeschrei und Beifall, der kein Ende nehmen wollte, für die musikalische Dreieinigkeit: Komponist - Dirigent - Orchester.

Manfred Hainich

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