Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Altenburg Seuchengefahr an Blauer Flut in Altenburg
Region Altenburg Seuchengefahr an Blauer Flut in Altenburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
04:43 07.11.2017
Was auf den ersten Blick idyllisch wirkt, entpuppt sich auf den zweiten als Gesundheitsgefahr. Am Ufer der Blauen Flut im Altenburger Ortsteil Rasephas sind Verunreinigungen zu sehen. Schlimmer aber sind laut Gesundheitsamt die unsichtbaren Bakterien, die mit dem Abwasser bei Starkregen eingeleitet werden. Quelle: Thomas Haegeler
Altenburg

Stefan Petzold ist stinksauer. Grund für den Zorn des Altenburgers sind die Zustände an seinem Grundstück im Ortsteil Rasephas. Dieses wird regelmäßig überflutet. Als Anlieger des Baches Blaue Flut könnten der Ruheständler und seine zehnköpfige Familie damit noch leben, würden die Wassermassen nicht jedes Mal eine ekelerregende Fracht mit sich führen. Dabei sind die am Ufer sichtbaren Binden, Kondome und Co. noch die harmloseren Dinge. Schwerer wiegen die Fäkalien samt Bakterien.

„Das ist eine Gesundheitsgefahr“, sagt Petzold empört. Als Grund allen Übels hat der Physiker, der lange in der chemischen Industrie arbeitete, das Mischwassersystem ausgemacht. In diesem werden Regen und Abwasser nicht getrennt, sondern gemeinsam entsorgt. Damit bei stärkeren Niederschlägen Kanäle und Kläranlage nicht überlastet werden, hat die Stadt über ihren Wasserver- und Abwasserentsorgungsbetrieb Waba seit der Wende 17 Regenüberläufe bauen lassen, über die sie das System in die Flüsse entlastet. Einer befindet sich unweit von Petzolds Grundstück. Die Klappen der zwei riesigen Rohre öffnen sich bei Starkregen. Verstärkt wird das Problem durch den nahen Zusammenfluss von Deutschem Bach und Blauer Flut sowie die ebenfalls dort ankommenden Abwässer des Schlachthofs und aus Altenburg-Nord.

Schon den Namen findet der Anwohner eine Frechheit. „Das ist kein Regenwasser, was da rauskommt, sondern Fäkalwasser, das wiederum ein Gefahrstoff ist“, so Petzold. Elfmal haben sich die Schleusen allein dieses Jahr geöffnet. Viermal mussten er und seine Familie die Sandsäcke rausholen, zweimal lief das Wasser zu seiner Einfahrt hinein. Danach gleicht sein Eigentum jedes Mal einer Müllhalde. Und sobald es wärmer wird, fängt es an zu stinken. Das mindere nicht nur den Grundstückswert, sondern die Lebensqualität, sagt der Vater zweier erwachsener Töchter, die mit ihren Familien ebenfalls auf dem Hof daheim sind.

Als die jüngsten Enkel bei einem nächtlichen Einsatz wieder einmal weinten und sich tags darauf erneut ein verheerendes Bild bot, reichte es Petzold: Er kontaktierte das Gesundheitsamt. Wenig später schaute sich Amtsarzt Professor Stefan Dhein die Sache an und stellte fest: Paragraf 41 des Infektionsschutzgesetzes ist verletzt – es besteht eine latente Gesundheits- und Seuchengefahr. „Das würde man heute so nicht mehr genehmigen“, sagt der Arzt angesichts der Einleitung von Fäkalwasser. „In Rasephas gibt es eine ungünstige Situation, die die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten begünstigt.“

Während Dhein den abgelagerten Müll noch als „ästhetisches Problem“ sieht, beunruhigen ihn vor allem die unsichtbaren Keime. „Das ist eine Sauerei“, meint der Mediziner. „Wenn ich da wohnen würde, wäre ich stinksauer, weil der Grundstückswert gemindert ist.“ Ändern könne er daran jedoch wenig. „Ich kann infektionshygienisch nicht handeln.“ Dafür bräuchte Dhein wenigstens einen Krankheitsausbruch. „In den letzten zehn Jahren gab es aber keine Fälle von Erkrankungen, die auf eine Infektion durch Abwasser hindeuten – weder Hepatitis A oder Cholera noch andere.“ Aber selbst wenn, könnte er auch nichts anderes veranlassen, als das Gebiet abzusperren.

Das ruft bei Stefan Petzold nur Kopfschütteln hervor. „Es kann doch nicht sein, dass man erst warten muss, bis etwas passiert ist“, sagt der 66-Jährige. Immerhin nahm Dhein seine Erkenntnisse zum Anlass, die Untere Wasserbehörde zu informieren und gemeinsam mit ihr nach Lösungen zu suchen. Die aber gibt es kaum. „Wir verstehen den Bürger, sehen aber kurzfristig keine Möglichkeit, an dem Problem etwas zu ändern“, sagt Fachdienstleiterin Birgit Seiler. „Langfristig ist ein Trennsystem eine Möglichkeit, und das ist im Bau.“ Dies sei in fast allen ostdeutschen Städten so.

„Daher haben wir den Waba angewiesen, die Artikel wegzuräumen“, so Seiler weiter. Mehr könne weder ihre Behörde, noch der Waba tun. „Aufgrund der latenten Seuchengefahr haben wir uns noch mal intensiv mit der Situation beschäftigt. Aber es gibt keinen Ansatz, dass der Waba gegen den Gewässerschutz oder Wasserrecht verstoßen hat.“

Schließlich seien die vorhandenen Anlagen auf „dem aktuellen Stand der Technik“, ergänzt Seilers zuständiger Mitarbeiter Axel Herrmann. Zumal seit 1990 und auch in den vergangenen Jahren schon einiges in Richtung Trennsystem passiert sei, so dass 30 Prozent des Altenburger Abwassers darüber laufen. „Auch wurde schon ein Rechen und eine Tauchwand eingebaut, um Schwimm- und Schwebstoffe herauszufiltern“, so Herrmann. Mehr gehe nicht. „Macht man den Rechen enger, drückt es das Wasser eher aus den Gullys heraus.“

Dass die Probleme dennoch eher größer werden, führen die Behördenvertreter vor allem auf die sich häufenden Starkniederschläge und den Schwachpunkt Mensch zurück. „Die Artikel würden nicht in der Blauen Flut herumliegen, wenn nur Toilettenpapier in die Toilette geworfen würde“, sagt Birgit Seiler, die aber auch den Faktor Schlachthof nicht wegdiskutiert, diesbezüglich aber auf die Druckleitung verweist, die derzeit gebaut wird. „Und die Witterung ist heute eine andere als im 19. Jahrhundert, als das Mischwassersystem entstand.“

Von Thomas Haegeler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Gebäudereinigung, Betreuung technischer Anlagen, Winter- und Hausmeisterdienst – die Angebotspalette der Altenburger Dienstleistung und Service GmbH ist vielfältig. Ab Neujahr kommt auch noch die Straßenreinigung hinzu. Aldus - so das Kürzel des Familienbetriebes - feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Betriebsjubiläum.

07.11.2017

Die 18. Auflage des Altenburger Spieletages fand am Sonntag im Evangelisch-freikirchlichen Gemeindezentrum in Altenburg statt. Die Organisatoren konnten an diesem Wochenende besonders viele Familien mit Kindern – vor allem kleinen Kindern – aus Altenburg und der Umgebung begrüßen.

06.11.2017

Der Stadtrat hat einen Millionenkredit für den Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsbetrieb Altenburg (Waba) durchgewunken. Dank des einstimmigen Votums in der jüngsten Sitzung des Gremiums darf sich das städtische Unternehmen mit weiteren 6,9 Millionen Euro verschulden.

06.11.2017