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Altenburg Spargelernte gegen den Trend im Altenburger Land
Region Altenburg Spargelernte gegen den Trend im Altenburger Land
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18:00 09.05.2016
Landwirt Sießmeir hat alle Spargel beisammen und weiß, wie er seine Helfer bei der Stange hält. Quelle: Mario Jahn
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Gimmel

Thomas Sießmeir ist Spargelbauer gegen den Trend. Seit 25 Jahren baut der Landwirt das Edelgemüse in Gimmel an und ist heute im Altenburger Land mit 35 Hektar Spargelackerfläche, zwei Hofläden und 39 Verkaufsständen der führende Landwirt in diesem Bereich. Doch während andere Landwirte in Deutschland unter den wachsenden Erzeugerpreisen stöhnen und die Bauernverbände in Thüringen und Süddeutschland zum Auftakt der diesjährigen Spargelsaison wegen Mindestlohn und Preisdruck der großen Abnehmer deutliche Preisanstiege von bis zu 20 Prozent auf 18 Euro und mehr das Kilo fordern, erhöht Sießmeir die Preise nicht. Zudem verdienen seine 31 überwiegend polnischen und rumänischen Feldarbeiter mit neun bis elf Euro deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.

„Ich verstehe nicht, warum gerade jetzt die Preise so deutlich angehoben werden sollen, wenn bereits vergangenes Jahr der Mindestlohn eingeführt wurde“, sagt Sießmeir. Der Gimmeler verlangt schon seit dem Vorjahr 50 Cent mehr pro Kilo und verzichtet deshalb dieses Jahr auf einen neuerlichen Preisanstieg. Zugleich habe er über die Jahre den Lohn seiner ausländischen Saisonkräfte schrittweise immer weiter angehoben, um sie so nach Deutschland zu locken. „Die Feldarbeiter hören in den Medien, dass der Mindestlohn bei 8,50 Euro liegt und wissen nicht, dass es eine Übergangsregelung für die Landwirtschaft gibt, also zahle ich mehr.“

Im Osten liegt die Lohnuntergrenze derzeit bei 7,90 Euro die Stunde, im Westen bei 8 Euro – bis 2018 soll sie auf 9,10 Euro steigen. Heute bekommt jeder Arbeiter von Sießmeir deshalb den Mindestlohn als Grundgehalt, plus je nach Leistung eine Zusatzprämie oben drauf. „Denn wer mehr Kilos am Abend nach Hause bringt, soll dafür auch angemessen belohnt werden“, sagt der Spargelbauer.

Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbands, sieht die Lage kritischer. Wie auch sein Kollege Simon Schuhmacher vom süddeutschen Spargel- und Erdbeerbauernverband, fordert er, den Preis um 20 Prozent das Kilo anzuheben. „Ich fordere das, weil der Mindestlohn steigt und die Spargelbauern keine höheren Preise bei den großen Vermarktern durchsetzen können“, sagt Gumpert. „Die Politik erfindet etwas und lässt die Erzeuger im Regen stehen“, so sein Fazit. Denn während der Spargel nicht viel teurer als vor zwei Jahren sei, stiegen durch den Mindestlohn die Produktionskosten. „Auch beim Spargel wird der Lebensmitteleinzelhandel wie bei der Milch seiner Verantwortung nicht gerecht, und entlohnt die Erzeuger nicht vernünftig.“ Die Schmerzgrenze sei laut Gumpert mit 7,50 Euro pro Kilo schon lange erreicht – 9 bis 9,50 Euro müssten gezahlt werden, damit es sich für den Landwirt rechnet. Spargelbauern müssten sich angesichts der Entwicklung fragen: „Mache ich weniger oder gar keinen Spargel mehr“.

Der Gimmeler Sießmeir hält eine 20-Prozent-Steigerung beim Spargel nicht für realistisch. Sie sei dem Kunden nicht vermittelbar. „Das funktioniert nicht, weil die Qualität und die Arbeitsbedingungen sich nicht verändert haben. Eine 50-Cent-Steigerung ist einmal hinnehmbar.“ Darüber hinaus werde es „kritisch“, vor allem, wenn ein Konkurrent billiger verkaufe.

Sießmeirs Ansatz gegen den Preisdruck von Großabnehmern wie den Supermarktketten lautet: Diversifizierung – so baut der Landwirt neben Spargel auch Erdbeeren, Weizen, Raps und Zuckerrüben an. Zudem vermarktet er direkt. „Wir verkaufen rund 95 Prozent in Eigenregie über unsere Hofläden und Verkaufsstände bis hin zur tschechischen Grenze, den Rest an den Handel.“ Wäre das anders, würde er sich vom Preisdiktat anderer abhängig machen und am Ende keinen Spargel mehr anbieten. Gumpert vom Thüringer Bauernverband gibt aber zu Bedenken: „Wenn ein großer Supermarkt den Spargel gleich neben einem Direktvermarkter für 7,50 Euro verkauft, dann werden die Verbraucher nicht freiwillig 10 Euro beim Landwirt hinlegen.“

Im Gegensatz dazu glaubt Sießmeir schon, mit Qualität punkten zu können. „Die Verbraucher sind grundsätzlich bereit, mehr Geld für ein gutes Produkt auszugeben. Beim Landwirt bekommen sie es frischer, der regionale Bezug ist gegeben, die Herkunft klar.“ Ware im Supermarkt sei zwar billiger, aber wegen der Transportzeit Tage älter und nicht mehr so frisch.

Der 41-jährige Erntevorarbeiter Darius Schikora, der in Polen Frau und ein zehnjähriges Kind zu ernähren hat, versteht die Diskussion um den Mindestlohn nicht, profitiert aber vom Lohnanstieg. In seiner Heimatstadt Marienburg bekommt er als Elektriker die Stunde nur drei Euro. „Eine Saison in Deutschland bringen mir 5000 Euro.“ Dafür muss er in Polen ein Jahr arbeiten. Acht Euro und mehr zu verdienen, gibt ihm ein gutes Gefühl.

Von Oliver Becker

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