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Altenburg Stadtwerkechef warnt vor finanzieller Schieflage und fordert städtische Zuschüsse
Region Altenburg Stadtwerkechef warnt vor finanzieller Schieflage und fordert städtische Zuschüsse
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09:45 09.09.2018
Der schöne Schein trügt. Das schmucke Tatami in Schmölln muss saniert werden. Doch dazu fehlt Geld. Quelle: Mario Jahn
Schmölln

Als im Dezember 2006 die Schmöllner ihr schmuckes Sport- und Freizeitbad einweihten, gab es einen Festgast, der sich gar nicht richtig über den 7,5-Millionen-Euro-Bau freuen wollte. Den Namen Tatami wandelte der Einheimische frech in Tsunami um. Freilich nur im Flüsterton, denn öffentliche Kritik am Bad gilt in Schmölln schon immer als Nestbeschmutzung. Vor allem durfte nicht infrage gestellt werden, dass sich die Stadtwerke die Betriebskosten und die Erhaltung von Schwimmbecken und Saunalandschaft auf Dauer leisten können.

Volksvertreter waren konsterniert

Für eine Natur-Katastrophe hat das Tatami bis jetzt nicht gesorgt. Doch ein kleines Beben löste der neue Stadtwerkechef Severin Kühnast am Donnerstag schon aus, als er durchblicken ließ, dass das Bad ohne ständige Finanzspritzen der Stadt über kurz oder lang pleite ist. Und seine Ansage wird auch die städtischen Haushalte ab 2019 erschüttern. „Wir brauchen dringend Zuschüsse, ansonsten bin ich nicht mehr handlungsfähig“, sagte Kühnast zur Stadtratssitzung und sorgte sogleich für überraschte und konsternierte Blicke bei den Volksvertretern.

Stadtwerke sind zu schmal aufgestellt

Das Bad gehört den Stadtwerken. Doch ein solches Konstrukt, das dessen Chef als falsch bezeichnete, „geht nicht mehr auf“. Denn einnahmeseitig sei der Betrieb zu schmal aufgestellt, finanziere sich nennenswert lediglich über den Verkauf von Trinkwasser und Fernwärme sowie über die Abnahme von Schmutzwasser. Lukrative Branchen wie Strom- oder Gasversorgung, wie bei der Ewa in Altenburg, fehlen.

Probleme sind verschwiegen worden

Durch das Tatami würden die Stadtwerke auf Verschleiß gefahren. Schon jetzt fehlten Rücklagen in Millionen-Höhe, Geld für Investitionen sei kaum noch vorhanden. Doch im Bad, vor allem im Sauna-Bereich, aber auch bei Fliesen, müsse dringend investiert werden – mindestens für 1,8 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren, rechnete Kühnast vor. Dazu kommt, dass der momentane jährliche Verlust von 700 000 Euro bis ins Jahr 2023 auf 1,1 Millionen steigt. Diese Probleme seien lange bekannt, seien durch fehlende Transparenz bislang aber nie kommuniziert worden, sagte Kühnast.

Rund 600 000 Euro Zuschüsse im Gespräch

Diese Kritik kann sich nur an seinen Vorgänger und CDU-Kreisrat Jürgen Ronneburger gerichtet haben, der schon vor Baubeginn die Badfinanzierung zumindest öffentlich als unproblematisch bezeichnet hatte. Dass wegen des Tatamis irgendwann die Trinkwasserpreise in Schmölln steigen müssten, hatte Ronneburger gegenüber der OVZ strikt verneint.

Ab sofort wird nun aber nach neuen Einnahmenquellen gesucht. Das Problem über kostendeckende Eintrittspreise zu lösen, bezeichnete Kühnast „als unzumutbar für die Bürger“. Eine kleine Stellschraube sei, die Öffnungszeiten zu optimieren, löse aber das Problem nicht. Dies funktioniere nur über Zuschüsse aus dem städtischen Haushalt. Eine Zahl nannte er noch nicht. In seinem Haus macht jedoch der Betrag von minimum 600 000 Euro pro Jahr die Runde.

Schmölln wird auf anderes verzichten müssen

Das finanziell relativ gut aufgestellte Schmölln wird von einem solchen Betrag nicht an den Bettelstab geraten. Auch andere Kommunen müssen ihre Bäder kräftig bezuschussen, sogar weit mehr als Schmölln, erklärte Kühnast. Außerdem sei das Bad sehr beliebt, eine Gästebefragung habe 99 Prozent Weiterempfehlung ergeben, die Besucherzahlen liegen bei 120 000 im Jahr. Aus dem Leben der Stadt ist es nicht mehr wegzudenken, öffentlich wird es von niemanden infrage gestellt.

Doch seine Finanzierung wird an anderen Stellen bald zu spüren sein. Denn Schmölln will und muss seine Wasserversorgung neu regeln, überwiegend oder gänzlich auf Fernversorgung statt auf die eigenen Tiefbrunnen setzen. Das kostet Millionen. Hinzu kommen eine neue Kita und bislang unbekannte Kosten bei der Verwaltung von voraussichtlich acht Gemeinden, die wegen der Gebietsreform eigenständig bleiben wollen, aber deren Verwaltungsgemeinschaften aufgelöst werden.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Vergewaltigung im Tatami

Das Sport- und Freizeitbad Tatami in Schmölln wird nicht allein von finanziellen Schwierigkeiten überschattet. Es ist auch Schauplatz einer möglichen Vergewaltigung und deswegen Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen.

So soll es vor einiger Zeit in einem Massageraum zu Sex zwischen einem Angestellten und einer minderjährigen Auszubildenden gegen deren Willen gekommen sein und zwar während der Arbeitszeit. Beide sind deutsche Staatsbürger.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera, Martin Zschächner, bestätigte gegenüber der OVZ diesbezügliche Ermittlungen gegen den Mann, die seit etwa einem Vierteljahr laufen, nannte jedoch keine weiteren Einzelheiten.

Auch Severin Kühnast, dem Geschäftsführer der Stadtwerke, sind die Vorwürfe des Mädchens gegen den Angestellten bekannt. Beide hätten den Betrieb danach auf eigenen Wunsch verlassen. Bei den Beschuldigungen stünde jedoch Aussage gegen Aussage, sagte Kühnast. So habe der Mann behautet, dass der Sex außerhalb des Bades und einvernehmlich stattfand. Das mutmaßliche Opfer stelle es komplett anders dar. Kühnast bezeichnete den Vorfall jedoch als sehr ernst, der in seinem Haus nicht aufgeklärt werden könne.

Mögliche Zuschüsse schon lange im Gespräch

Dass das Tatami irgendwann Kosten für die Stadt verursachen könnte, ist übrigens schon seit 17 Jahren bekannt. Alt-Bürgermeister Herbert Köhler hatte ein solches Szenario vorausblickend in den Baubeschluss schreiben lassen, der am 27. September 2001 einstimmig vom Stadtrat gefasst wurde. Ernst genommen haben ihn im ganzen Freudentaumel nur wenige.

Von Jens Rosenkranz

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