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Altenburg Stellenabbau: Gewerkschaft wirft Meuselwitz Guss Erpressung vor
Region Altenburg Stellenabbau: Gewerkschaft wirft Meuselwitz Guss Erpressung vor
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00:50 28.04.2018
In der Meuselwitz Guss Eisengießerei bangen die Mitarbeiter um ihre Jobs. Quelle: Mario Jahn
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Meuselwitz

Hohe Temperaturen sind in der Meuselwitz Guss nichts Besonderes. Doch seit einigen Tagen, spätestens seit Dienstag, herrscht in der Eisengießerei auch in der Belegschaft ein aufgeheiztes Betriebsklima. Sowohl die Geschäftsleitung als auch die Mitarbeiter sprechen von existenziellen Problemen, allerdings aus verschiedenen Perspektiven. Die Stimmung kocht.

Jüngster Höhepunkt: eine Betriebsversammlung am Dienstag. Die Geschäftsleitung verkündete dort, dass sie sich von rund einem Drittel der 345 Mitarbeiter trennen wird (die OVZ berichtete). Der Stellenabbau sei unvermeidlich, um dem in diesem Jahr um rund ein Viertel schrumpfenden Umsatz Rechnung zu tragen, lautete die Botschaft von Geschäftsführer Olaf Wiertz. Weitere Maßnahmen bei Vertrieb, Einkauf und Technik kommen hinzu. Die Einschnitte beim Personal seien „alternativlos, um die Existenz unseres Unternehmens in einem Markt zu sichern, der durch globalen Wettbewerbs- und Preisdruck sowie Überkapazitäten geprägt ist“, sagte Wiertz.

Gewerkschaft zweifelt an Alternativlosigkeit

Die Gewerkschaft IG Metall, die in der Meuselwitz Guss nach eigenen Angaben stark organisiert ist, erhebt jedoch erhebliche Zweifel an der Alternativlosigkeit. Michael Beer, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Jena-Saalfeld und Gera, vermutet eher einen Erpressungsversuch. Denn just vergangene Woche habe die Gewerkschaft die Geschäftsleitung aufgefordert, in Tarifverhandlungen einzutreten. Das Ziel: ein neuer Anerkennungstarifvertrag. Anerkannt werden soll der jüngste Flächentarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie, in Thüringen seit Februar in Kraft. Dieser sieht unter anderem ab April 4,3 Prozent mehr Lohn vor. „Die Geschäftsleitung der Meuselwitz Guss reagierte darauf am Dienstag mit der Ankündigung, dass rund 100 Arbeitsplätze vakant sind, wenn die Arbeitnehmer nicht zu Abstrichen bereit sind“, berichtet Beer.

In ihrer am Dienstag verbreiteten Pressemitteilung stellte die Geschäftsführung in Rede, dass der Stellenabbau eventuell durch den Verzicht auf die Tariferhöhung verringert werden könnte. Erwartet wird zudem ein Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. „Damit stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlechter da als vorher, ohne dass die Unternehmensführung bereit ist, eine Beschäftigungsgarantie für die Belegschaft auszusprechen“, moniert Beer.

Generelle Probleme in Gießereien

Immerhin: Es ist es kein Geheimnis, dass Gießereien landauf, landab in Schwierigkeiten stecken, unter anderem wegen des erheblichen Preisdrucks. Auch der schwächelnde Absatz bei Windenergieanlagen infolge gekürzter Förderungen ist seit Längerem ein Thema. Nachdem die Meuselwitz Guss im Zuge des Windradbooms gewachsen ist, 2005 sogar neun Millionen Euro in eine neue Halle für die Produktion größerer Gussteile investierte, ist nun der Rückwärtsgang eingelegt. Der Zwang zur Restrukturierung ist kein reines Meuselwitz-Problem.

Das weiß auch Gewerkschafter Beer. Allerdings: „Es gibt auch Umsatzzuwächse, etwa durch den Maschinenbau. Und wenngleich es überall Probleme gibt, kenne ich keine andere Unternehmensgruppe, bei der die Entscheidung so heftig ausfällt wie bei der Dihag“, sagt er. Zur Essener Dihag-Gruppe gehören neben den Meuselwitzern noch neun weitere Gießereien – unter anderem die Stahl- und Hartgusswerk Bösdorf GmbH in Leipzig und das Eisenwerk Arnstadt, aber auch Betriebe in Polen und Ungarn. „Die Drohkulisse, wie wir sie in Meuselwitz erleben, wird derzeit auch an anderen Dihag-Standorten aufgebaut. Es wurde ja noch nicht mal versucht, mit uns über Kündigungs-Alternativen wie beispielsweise Kurzarbeit zu verhandeln.“

Unternehmenssprecher weist Vorwurf zurück

Unternehmenssprecher Frank Elsner wies am Mittwoch den Vorwurf der Drohung oder gar Erpressung zurück. „Wenn der Umsatz um rund ein Viertel sinkt und auch im Folgejahr keine Besserung zu erwarten ist, muss das Unternehmen unverzüglich reagieren“, betonte er. Dass der Stellenabbau zeitlich mit der Tarifdebatte zusammenfalle, sei Zufall. Ob tatsächlich rund hundert Kündigungen ausgesprochen oder doch noch teilweise Alternativen gefunden werden, sei noch offen. „Inwieweit sozialverträgliche Maßnahmen zum Tragen kommen, wird mit dem Betriebsrat und der IG Metall zu verhandeln sein. Diesen Gesprächen können wir nicht vorgreifen“, sagte Elsner.

Angebot bis 3. Mai

Und wie geht es nun weiter? Die IG Metall signalisiert in Absprache Kampfbereitschaft. Sie habe der Geschäftsleitung ein Ultimatum bis 3. Mai gestellt, ein schriftliches Angebot zu unterbreiten. Ansonsten, so Beer, stehe gegebenenfalls ein Streik ins Haus. Unternehmenssprecher Elsner: „Wir haben uns mit der Arbeitnehmervertretung darauf geeinigt, dass bis zum 3. Mai ein Angebot von Meuselwitz Guss vorliegt.“

Er hoffe, sagt Meuselwitz’ Bürgermeister Udo Pick (BfM), „dass das Unternehmen bald wieder in die Stabilität zurückfindet“. Aus der OVZ habe er von der Schieflage erfahren – er wolle nun rasch das Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen. „Aber wirklich Einfluss haben wir da als Kommune nicht.“

Von Kay Würker

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