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Thügida: Altenburgs Oberbürgermeister verurteilt rechte Reden

Proteste Thügida: Altenburgs Oberbürgermeister verurteilt rechte Reden

Mit ernster Miene stand Michael Wolf am Montagabend auf den Stufen des Theaters und beobachtete, wie der Tross von Thüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes (Thügida) vorbeizog. "Es war ein gruseliger Moment, der viel Aggressivität ausstrahlte", beschrieb Altenburgs Oberbürgermeister seine Gedanken.

Hoch zu Ross führt Stauferkaiser Friedrich Barbarossa (Philipp Reinheimer) die Thügida-Gegner von der Brüderkirche über die Lindenaustraße zum Theater.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Kein Wunder. Denn aus den Reihen der 2250 Thügida-Teilnehmer hagelte es Beschimpfungen wie "Volksveräter", Stinkefinger und Galgen-Gesten Richtung des von Stauferkaiser Friedrich Barbarossa (alias Philipp Reinheimer) angeführten bunten Gegenprotests von insgesamt rund 1000 Menschen, dem der SPD-Politiker beiwohnte.

Den Hintergrund von Wolfs Einschätzung, mit der er keineswegs alleine war, bildeten aber die Reden, die er zuvor auf dem Altenburger Markt gehört hatte. "Ich bin bewusst nicht in die Brüderkirche gegangen, weil ich mir das anhören wollte, um zu wissen, mit wem ich es zu tun habe", so der 53-Jährige. Was ihm da zu Ohren kam, entsetzte ihn jedoch. "Das war schlimmstes rechtsradikales und reichsbürgerliches Gedankengut und menschenfeindlich. Ich war erschüttert, wie unverblümt dies verbreitet wurde."

Damit meinte er etwa die Rede von Jesus als erstem Nazi, die Forderung nach einem freien Deutschland mit eigenständiger Verfassung oder von der Verteidigung der Heimat "bis zum letzten Atemzug". Später kam bei der Zwischenkundgebung vom Gebietsleiter der Europäischen Aktion (Dachorganisation für Holocaust-Leugner), Axel Schlimper, auf der Münsaer Straße noch ein Aufruf zur Arbeitsniederlegung der produktiven Kräfte, "damit dieses System in Bälde zusammenklappt".

"Der Rechtsstaat muss aufpassen", so Wolf, "dass ihm die Verhältnismäßigkeit nicht abhandenkommt, wenn jemand aus Unpässlichkeit ein Knöllchen bekommt, man aber ungestraft Angela Merkel des Völkermordes bezichtigen darf". Daher plädiert Altenburgs OB auch für "keinen Spalt Toleranz" gegenüber den rechtsradikalen Thügida-Köpfen und dafür, dass sich die Bürger klar davon distanzieren. "Spätestens seit gestern muss jedem klar sein, dass wir mit den Leuten reden, ihre Ängste ernstnehmen und ihre Fragen beantworten müssen", erklärte er, der - wie auch Landrätin Michaele Sojka (Linke) - weiß, dass "viele Menschen, die auf dem Markt standen nicht rechtsradikal" sind. Das bestätigten einige Thügida-Besucher, die vorzeitig den Markt verließen, weil ihnen das Gehörte reichte.

Andere widerlegten das. So gab es laut Polizei zwei Anzeigen. Eine, weil aus einem Wohnhaus "Sieg Heil" gerufen wurde und eine, weil ein Thügida-Teilnehmer Quarzhandschuhe dabei hatte, die unter das Waffengesetz fallen. Daneben wurden noch zwei Ordnungswidrigkeiten wegen des Tragens von T-Shirts mit der Aufschrift ACAB (All Cops Are Bastards) aufgenommen. "Platzverweise gab es keine und insgesamt verlief alles friedlich", resümierte gestern Polizeisprecher Sebastian Hecker. Zahlen, wie viele seiner Kollegen im Einsatz waren, wollte er aber nicht nennen.

Sojka zeigte sich derweil in der Brüderkirche sichtlich gerührt ob der Anwesenheit vieler Altenburger, die sich zur Gegenveranstaltung des Aktionsbündnisses "Altenburg(er) für Menschlichkeit" einfanden. "Das gibt mir Kraft." Der Flüchtlingsstrom sei eine Chance für den Landkreis, "der sonst der älteste in ganz Deutschland wäre". Aber auch für die Sorgen und Ängste der Leute müsse man ein offenes Ohr haben. Vor allem, weil man bis Jahresende mit 500 weiteren Flüchtlingen im Kreis und nächstes Jahr gar mit 2000 rechnet.

Das sind mehr als dreimal so viel wie die aktuell 654 Asylbewerber. Zusammen mit den ohnehin im Kreis lebenden Mitbürgern ausländischer Herkunft kommt man laut Sojka auf aktuell 2081 Ausländer, was einer Quote von rund 2,3 Prozent entspricht. "Wir versuchen weiterhin, Familien in Wohnungen unterzubringen", erklärte die Landrätin. "Ich bin gegen Bungalowdörfer." Ab 1. November werde sich zudem eine Mitarbeiterin des Landratsamtes ausschließlich mit dem Thema Migration beschäftigen.

Trotz ihrer Sorge, dass die Grenze des Machbaren auch in ihrer Behörde erreicht ist, bleibt Sojka felsenfest überzeugt: "Wir werden das schaffen!" Und das sehen mindestens auch die von Barbarossa angeführten Thügida-Gegner so, denen der Stauferkaiser Mut zusprach: "Ich komme aus einer Zeit, in der das Schlechte regiert hat. Aber nichts auf der Welt zu fürchten haben alle, die ein großes Herz haben."

ovz

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