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Altenburg Tod einer Patienten nach Nackenmassage: Altenburger Gericht spricht Therapeutin frei
Region Altenburg Tod einer Patienten nach Nackenmassage: Altenburger Gericht spricht Therapeutin frei
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00:18 09.04.2017
Das Amtsgericht Altenburg hat eine ehemalige Physiotherapeutin freigesprochen. Quelle: dpa
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Altenburg

Zum Schluss konnte Steffi H. ihre Tränen am Dienstag im Amtsgericht Altenburg nicht mehr zurückhalten. Seit fast fünf Jahren wird die Mutter zweier Kinder dafür verantwortlich gemacht, bei einer Massage im November 2011 den Tod einer damals 30-Jährigen verursacht zu haben. Das Amtsgericht Altenburg sprach die Physiotherapeutin 2014 sogar der fahrlässigen Tötung schuldig (OVZ berichtete). Doch dieses Urteil wurde wegen Rechtsfehlern erfolgreich angefochten, der Prozess neu aufgerollt.

Mehrere Verhandlungstage wie beim ersten Mal waren allerdings nicht nötig. Nach nicht einmal 25 Minuten sprach Richter Florian Gempe die Angeklagte am Dienstag frei. Damit geht für Steffi H. ein jahrelanges Martyrium zu Ende, eine Zeit, in der sie mit einer unglaublichen Schuld leben musste, sich zu unrecht öffentlich gebrandmarkt fühlte, auch ihren Job aufgab, obwohl sie in ihrer Altenburger Praxis hochgeschätzt wurde.

Alles begann am 8. und 9. November 2011 mit zwei Massagen, die die Physiotherapeutin an Anja S. vornahm, die über Nacken- und Kopfschmerzen klagte. Diese Therapie war Anja. S. von ihrer Ärztin verordnet worden, die eine Blockierung der Halswirbelsäule und Muskelverspannung diagnostiziert, zunächst Reizstrom verabreicht und danach die Massagen verschrieben hatte. Nach der zweiten Anwendung bei Steffi H. wurde der Patientin allerdings schwindelig, sie krampfte, übergab sich, verdrehte die Augen und war nicht ansprechbar.

Nach Hilfeleistungen zweier Ärzte wurde Anja S. im Klinikum Altenburger Land weiterbehandelt und von dort in die Uni-Klinik Leipzig eingewiesen, wo sie am 13. November 2011 verstarb. Als Ursache gaben die Mediziner einen Hirntod an, verursacht durch Blutgerinnsel wegen der Verletzung beider Wirbelschlagadern. Diese Verletzung soll sich Anja S. eben durch jene Massagen von Steffi H. zugezogen haben, vor allem durch die mit Kraftaufwand betriebene seitliche Verdrehung des Kopfes.

Das zumindest hatten zwei Gutachter im ersten Prozess behauptet, woraus das Gericht seinen Schuldspruch ableitete. Weitere Gutachten wurden nicht zugelassen, obwohl die Verteidigung Mediziner anführte, die auch andere Gründe bei Blutgefäßverletzungen vorbrachten, als lediglich jene Massage.

Das Amtsgericht hatte vor Prozessbeginn nun ein weiteres, sogenanntes Obergutachten durch das Rechtsmedizinische Institut der Uni-Klinik Jena in Auftrag gegeben. Dieses kommt zu dem Schluss, dass es sehr wohl andere Gründe für die Arterienverletzungen geben könne, als jene Massage. Zum Beispiel wurde festgestellt, dass Anja. S. unter einer Herzmuskelentzündung litt, die die Schädigung der Arterien begünstigt haben könnte. Auf eine solche Vorschädigung deuten ebenso andere Symptome hin, unter der Anja S. litt.

Auch der Krampfanfall hätte bereits bestehende Schädigungen verschlimmern können, erklärten die Jenaer Rechtsmediziner. Dazu zählt selbst jene merkwürdige Fahrt der bereits halb bewusstlosen Patientin in einem Rollstuhl aus der Praxis zum Krankenwagen. Anja S. war dabei ohne Fixierung des Kopfes, halb aus dem Rollstuhl hängend, transportiert worden und dabei gegen eine Tür geprallt. Aus dem Verletzungsmuster lasse sich jedenfalls nicht ableiten, dass die Massage von Steffi H. unsachgemäß und entgegen den Regeln der Heilkunst erfolgte und ausschlaggebende Todes-Ursache war, schlussfolgern die Jenaer Rechtsmediziner. Und eben auf dieses Gutachten stützte sich Richter Gempe bei seinem Freispruch.

Für Jens-Uwe Hummel, den Anwalt der Angeklagten, hätte es erst gar nicht zum Prozess kommen dürfen. Er kam nur deswegen zustande, weil eine Ärztin im Klinikum meinte, erkennen zu können, dass der Tod von Anja S. durch die therapeutische Behandlung seiner Mandantin möglicherweise verursacht worden sein könnte, sagte Hummel. Diese Version gab vor allem die Mutter von Anja S. mehrmals zu Protokoll. Als sehr seltsam bezeichnete Hummel die Rollstuhl-Fahrt, der im ersten Prozess kaum Beachtung geschenkt wurde. Insbesondere hatte der Notarzt vor Gericht behauptet, Anja S. sei liegend auf einer Trage transportiert worden, mehrere andere Zeugen erinnerten sich dagegen an einen Rollstuhl.

Die Kosten des Verfahrens, die sich nach mehreren Gutachten im fünfstelligen Bereich bewegen, trägt die Staatskasse. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Insbesondere können der Sohn der Toten und deren Mutter, die als Nebenkläger auftraten, noch Rechtsmittel einlegen. Ihnen geht es um Schadensersatz und Schmerzensgeld.

Von Jens Rosenkranz

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