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"Tod eines Handlungsreisenden“ feierte in Altenburg Premiere

Arthur-Miller-Drama "Tod eines Handlungsreisenden“ feierte in Altenburg Premiere

„Tod eines Handlungsreisenden“ ist das bekannteste Drama Arthur Millers aus dem Jahr 1949, für das er noch im selben Jahr mit dem Pulitzer-Preis für Theater ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt steht die Familie von Willy Loman, der nicht mehr fähig ist, für seinen Lebensstandard aufzukommen und Stück für Stück sich und seiner Familie ein Scheinbild aufbaut, das mit seinem Freitod zerbricht.

Reise ins Nirgendwo: Ulrich Milde als hoffnungslose Gestalt.
 

Quelle: Foto: Stephan Walzl

Altenburg.  Ein Mann kommt auf die Bühne und lässt zwei große silbrige Metallkoffer aus den Händen fallen. „Ich hätte fast eine Frau überfahren“, sagt er zu seiner Frau, die am Tisch sitzt, Häppchen schmiert und darauf gar nicht reagiert. Das ist der Anfang vom Ende des Handlungsreisenden Willy Loman (Ulrich Milde), der seit 36 Jahren übers Land fährt, Waren verkauft und damit sein Leben und das seiner Frau Linda sowie seiner zwei Söhne Biff und Happy so recht und schlecht fristet. Seine Lebensbilanz schreibt rote Zahlen.

Arthur Miller hat ein durch und durch US-amerikanische Stück geschrieben, das nach seiner Uraufführung 1949 aber durch die globale Entwicklung in der Welt bis heute immer allgemeingültiger geworden ist, was bedeutet: Es ist vor allem spezifisch kapitalistisch.

Der Hauptdarsteller Willy Loman ist tagein tagaus mit dem Wagen unterwegs. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Immer schwerer fällt es dem alternden Reisenden, seine Verkaufsziele zu erreichen. „Der Wettbewerb ist wahnsinnig“. Als er nach Fürbitte beim neuen jungen Chef vorspricht, wird er entlassen. Sich selbst und seiner Familie gesteht er sein Scheitern nicht ein. Zu spät reift in ihm die Erkenntnis, dass er wie eine Zitrone ausgepresst und dann als leere Schale weggeworfen wurde. Für ihn bleibt nur ein Ausweg, denn er ist „tot mehr wert als lebendig“. Was auf den ersten Blick wie das Psychogramm einer problematischen Persönlichkeit aussieht, ist in Wahrheit eine präzise Abrechnung mit einem inhumanen System.

Seine Söhne Biff (Philip Reinheimer) und Happy (Henning Becker) haben es auch nicht geschafft. Biff, der Ältere, ist unter dem Druck des Vaters und dem eigenen Anspruch zusammengebrochen. Als er den Vater in den Armen einer fremden Frau findet, bricht seine heile Welt zusammen. Er wendet sich enttäuscht vom Vater ab, bricht die Schule ab und stiehlt und streunt rastlos durch das Land. „Mir war klar, dass mein ganzes Leben eine Lüge war... Ich bin ein Nichts.“

Happy, der Jüngere, ist „wie sein Bruder verloren, doch auf eine andere Art, da er sich niemals erlaubt hat, dem Scheitern ins Auge zu blicken“, weshalb er abgebrühter wirkt – er hurt sich durch die Tage.

Linda, die Mutter (Mechthild Scrobanita), muss die Starke sein und versucht, es allen recht zu machen und achtet darauf, dass an dem Familienlack nicht gekratzt wird.

Das Ergebnis ist ein packendes und unverfälschtes Stück über die Gefahren eines hemmungslosen Kapitalismus und seiner mangelnden Menschlichkeit.

Schauspieldirektor Bernhard Stengele hat eine unaufgeregte, von Verfremdungen und Modernisierungen freie Aufführung mit einer starken schauspielerischen Ensembleleistung auf die Bühne gebracht, der eine von Anfang bis Ende anhaltende Spannung innewohnt. Er lässt die Akteure immer frontal zum Zuschauer sprechen, erlaubt ihnen, die Figuren zu entwickeln und stets aufeinander zu reagieren. Er hat sich der Unterstützung des Psychologen Helmut Broichhagen versichert, was sich unter anderem auch in der Personenkonstellation auf der Bühne deutlich macht.

Ulrich Milde als Willy Noman zeigt eine überzeugende facettenreiche Leistung und die differenzierte Zerrissenheit eines hilflos Ausgestoßenen der Erfolgsgesellschaft, der bis zum Ende nach den Sternen greifen will – ein armer Irrer, ein tyrannischer Hausdrache, ein liebender Vater und permanenter Verleugner der Wirklichkeit, der auch für seine Familie in den Tod geht, um ihr die Lebensversicherung zu hinterlassen.

Mechthild Scrobanita als Linda, die bis zuletzt zu ihrem Mann hält, hat einen großen Auftritt in der Abrechnung mit ihren beiden Söhnen und den wohl emotional berührendsten – mit ihrem Flötenspiel von „Somewhere over the Rainbow“. Philipp Reinheimer baut seine Figur allmählich auf bis zu seiner Entlarvung der Familie und ihrem Lügengeflecht, intensiv und eindrucksvoll. Und Henning Bäcker spielt einen gleichgültigen und verantwortungslosen jungen Mann . Das macht er gut.

Dies alles geschieht auf einer durch einen verschwommenen Vorhang zweigeteilten und mit einem Tisch und Stühlen sowie den beiden Koffern spärlich ausgestatteten Bühne. Das ist ein genialer Einfall von Stengele und der Ausstatterin Marianne Hollenstein, um neben der realen Handlung auf der Vorderbühne im Hintergrund zu zeigen, was sich im Unterbewussten des Willi Norman abspielt. Alle, die vorn nicht spielen, sitzen im Hintergrund und machen sich bemerkbar. Das sind alle hier nicht Genannten, die zu der sehenswerten Aufführung des modernen Klassikers mit hohem Aktualitätswert beigetragen haben.

Das Publikum dankt mit starkem Beifall.

Nächste Termine: Sonnabend 7.11. / 19:30 Uhr, Großes Haus Altenburg, Sonntag 22.11. / 18 Uhr, Großes Haus Altenburg

Von Manfred Hainich

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