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Tod nach Nackenmassage

Tod nach Nackenmassage

Eigentlich fühlte sich Anja S. gesund. Seit sie ihren neuen Freund kennengelernt hatte, rauchte sie nicht mehr und ging mit ihm ins Fitnessstudio. Auch beruflich lief es gut, seit die CNC-Dreherin einen Job bei einem Schmöllner Automobilzulieferer gefunden hatte.

Doch seit mehreren Tagen klagte sie über starke Kopfschmerzen, die über den Hals bis zur Schulter strahlten.

 

Hilfe suchte die Altenburgerin deshalb bei einer Ärztin in der Skatstadt. Die Medizinerin verschrieb zunächst Reizstrombehandlungen, und weil diese nicht anschlugen, sechs Massagen. Die erste davon bekam die damals 30-Jährige am 8. November 2011 in einer Altenburger Praxis für Physiotherapie. Danach, so schilderte sie ihrem Lebensgefährten, fühlte sie sich wie aufgewühlt, aber die Kopfschmerzen waren weg. Ihr Freund war erleichtert. Die nächste Behandlung folgte am 9. November. Doch einen Tag später war die Mutter eines damals zwölfjährigen Jungen tot.

 

Verantwortlich dafür soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die Massage von Steffi H. gewesen sein, die sich seit gestern wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Altenburg verantworten muss. Die Anklage wirft der 43-jährigen Mutter zweier Kinder vor, die physiotherapeutische Behandlung in der Altenburger Praxis nicht fachgerecht vorgenommen zu haben. Wegen zu starker kombinierter Zug- und Drehbewegungen im Bereich der Halswirbelsäule sollen zwei wichtige Blutgefäße eingerissen worden sein. Die Folge war eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff und am nächsten Tag schließlich der Hirntod, so die Staatsanwaltschaft.

 

Steffi H., die seit 1997 den Abschluss einer staatlich anerkannten Physiotherapeutin besitzt, streitet das ab. Sie habe weder mit zu viel Kraft massiert noch kombinierte Zug- und Drehbewegungen angewendet, sagte sie aus.

 

An jenem verhängnisvollen 9. November vor drei Jahren klagte das Opfer kurz nach der Behandlung über einen Schwindelanfall, bekam Krämpfe, verdrehte die Augen und wurde schweißnass. Ein sich in der Nähe befindlicher, sofort hinzugerufener Arzt stabilisierte den Kreislauf der Frau und erhöhte den zu niedrigen Blutzuckerspiegel, ehe der von der Angeklagten alarmierte Notarzt eintraf. Der ließ die Patientin in die Notaufnahme des Klinikums Altenburger Land bringen, wo sie gründlich untersucht wurde. Doch selbst eine mehrstündige Operation und der Transport in die Uni-Klinik Leipzig, wo eine Gehirn-OP erfolgen sollte, halfen nicht mehr. Am 10. November verstarb Anja S.

 

Ihr Tod wirft Fragen auf, die auch gestern vor Gericht nicht geklärt werden konnten. Eine davon ist, womit das stark benommene Opfer von der physiotherapeutischen Praxis zum Krankenwagen transportiert wurde. Fünf Zeugen sagten gestern einhellig aus, dass dies unangeschnallt in einem Rollstuhl geschah, obwohl eine fahrbare Liege vorhanden war. Einige Zeugen konnten es deswegen auch nicht fassen, wie die hilflose Patientin beinahe seitlich aus dem fahrbaren Untersatz herauszufallen drohte. Hinzu kam, dass der Rollstuhl mit einer Glasschiebetür zusammenprallte.

 

Der vorgeladene Notarzt wiederum erinnerte sich, dass seine Patientin angeschnallt in einer Liege transportiert wurde. Ein Transport in einem Rollstuhl sei für ihren Zustand nicht geeignet gewesen. Auch die Oberärztin in der Notaufnahme will Anja S. ebenso auf einer Liege ankommend gesehen haben.

 

Für den rechtsmedizinischen Gutachter, der das Opfer in Leipzig obduzierte, haben die Art und Weise des Transports aber keinen Einfluss auf die Todesursache. Die Verletzungen, die zum Tod von Anja S. führten, seien im Rahmen der physiotherapeutischen Behandlung entstanden, sagte der Gerichtsmediziner. Ein zweiter Sachverständiger fügte hinzu, dass es bei 30 Prozent der angewendeten Behandlungsmethode ohnehin Komplikationen gebe, eine Dunkelziffer gehe sogar von 50 Prozent aus.

 

Unter den Zuhörern im Saal des Amtsgerichts lösten die Aussagen der beiden Gutachter Bestürzung aus. Denn die meisten der Anwesenden waren ebenfalls Physiotherapeuten, die die von den Ärzten auf Rezept ausgestellten Behandlungen seit Jahren anwenden.

 

Die Angeklagte hat wegen der Last der Vorwürfe ihren Job in der Praxis im Juni 2012 gekündigt. Der Todesfall der jungen Mutter habe sie schwer getroffen, sagte sie. Aber auch die Schuldzuweisungen durch die Anklage machte es unmöglich, weiter in der Praxis zu arbeiten.

 

Ein Urteil wird am 24. Juni erwartet.

Jens Rosenkranz

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