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Über 400 Leute diskutieren mehr als drei Stunden über die Zukunft des Theaters

Über 400 Leute diskutieren mehr als drei Stunden über die Zukunft des Theaters

Ein regelrechter Besucherstrom zieht vorgestern Abend ins Landestheater. Das Große Haus ist bis in den zweiten Rang hinauf gefüllt.

Altenburg.

 

 

 

 

Von Ellen Paul

Den Grund für diese Debatte, deren Resonanz selbst die größten Erwartungen des Veranstalters übertroffen hat, ist inzwischen jedem halbwegs interessierten Zeitgenossen geläufig: Dem Altenburg-Geraer Theater fehlen ab 2013 jährlich 2,1 Millionen Euro. Diese müssen, so die unternehmerische Entscheidung der drei Gesellschafter, entweder mit einem weiteren Gehaltsverzicht der knapp 300 Mitarbeiter oder durch Strukturveränderungen kompensiert werden. Zur Diskussion stehen die Schließung der Sparten Schauspiel und Puppentheater sowie die Reduzierung des Orchesters.

Wie dramatisch die Situation an Thüringens einzigem Fünf-Sparten-Haus bereits heute ist, macht Generalintendant Kay Kuntze mit nur einem Beispiel deutlich: Weil im Musiktheater nur noch acht Sänger fest angestellt sind, muss man sich für Inszenierungen wie Mozarts "Zauberflöte" mit Gästen behelfen. Doch das Honorar-Budget ist drastisch beschnitten. "So können wir die Zauberflöte in Altenburg nicht ein viertes Mal spielen, weil wir es uns nicht leisten können. Selbst wenn die Vorstellung ausverkauft wäre." Insgesamt verfüge man über ein Personal-Budget, das kaum für einen Standort reicht, mit dem aber zwei bedient werden müssen. Der Spielplan ist demzufolge drastisch reduziert, ebenso die Zahl der Produktionen.

Fürs Publikum schmerzlich spürbar, wie eine Dame plastisch schildert. Früher habe sie Freunde und Bekannte aus Leipzig, Chemnitz, Zwickau und anderswo ins Landestheater "geschleppt", um ihnen die tollen Produktionen zu offerieren. Heute sei es umgekehrt und sie sei fast nur noch dort zu Gast, bedauert der Theaterfan. Schlimm sei vor allem, dass samstags die Türen in Altenburg meist verschlossen sind.

Schnell sind sich Theaterleute und Zuschauer in ihrer Forderung an die Politik einig: Es muss mehr Geld her fürs Theater. Wie schwer indes ein solcher Wunsch zu erfüllen ist, lassen Landrat Sieghardt Rydzewski (parteilos) und der Altenburger Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) nicht minder anschaulich wissen. Die von der Landesregierung drastisch beschnittenen kommunalen Haushalte sind so ausgereizt, dass die Erhöhung der Zuschüsse für einen, die Streichung von Mitteln für andere nach sich ziehen würde, erklären beide. "Soll man sagen, dass Schwimmhallen, Bibliotheken, Museen, Sportvereine oder Schulen weniger wichtig sind als das Theater?", fragt Rydzewski und wird deutlich: "Den Letzten beißen wie immer die Hunde, denn das Land bestimmt, wie viel Geld wir haben. Doch wir löffeln hier die Suppe aus und sitzen wie in einem Tribunal."

"Man kann ziehen, wie man will, das Hemd ist zu kurz", pflichtet Wolf bei. Der OB bedauert zudem erneut, dass vor allem die Lobby des Thüringer Landkreistages eine Verteilung der Theaterfinanzierung auf breitere Schultern verhindert habe. So partizipieren auch Greiz und das Umland am Altenburg-Geraer Theater, doch zahlen muss dort niemand dafür. Wolf untermauert zugleich seinen Vorschlag, dass die Stadt Altenburg zu einer Erhöhung des Theaterzuschusses bereit sei, wenn auch die anderen Träger mitziehen. Überraschend schließen daraufhin auch Sieghardt Rydzewski und Theater-Aufsichtsrat Mike Huster, in Vertretung des Geraer OB Norbert Vornehm im Podium sitzend, einen Zuschlag nicht aus. Ohne Lohnverzicht - den übrigens auch die Mitarbeiter des Landratsamtes und der Rathäuser in Altenburg und Gera seit vielen Jahren üben - sowie mittelfristige strukturelle Veränderungen werde es dennoch nicht gehen, sagt der Landrat.

Dies soll nach Meinung von Wolf aber keinesfalls das Aus fürs Schauspiel bedeuten. Der dafür in letzter Zeit mehrfach hart gescholtene Politiker zeigt Rückgrat und bleibt bei seiner Meinung: Er will mit aller Macht für diese Sparte kämpfen, könne mit einer Reduzierung des Orchesters auf 58 Musiker aber durchaus leben. "Denn wenn es in der Mittelverteilung keine Änderung gibt, muss man bei den Ausgaben kürzen."

Oder Eigeninitiative zeigen und zusätzlich Sponsoren finden, schlagen einige Zuschauer vor, während andere gerade das rigoros ablehnen. "Ich will ein freies, radikales, wildes Theater, das nicht von irgendwelchen Lobbyisten abhängt", sagt ein Zuschauer. Der Landrat bringt sogar einen Theaterfonds ins Spiel, in den jeder Bürger einzahlt.

Die Linken-Politikerin Birgit Klaubert setzt auf eine andere Karte: "Wenn das Mehrsparten-Theater stirbt, stirbt das ganze Haus. Wer das verhindern will, muss etwas tun. Also wehrt Euch", ruft sie dem Publikum zu.

 

-Kommentar Seite 11

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