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Überall Stolperfallen

Überall Stolperfallen

Klack, klack, klack. Das sonore Geräusch begleitet Hartmut Herold permanent. Es entsteht durch seinen Blindenlangstock, den der 1,90 Meter große, schlanke Mann unentwegt über den Asphalt bewegt.

Tippen oder über den Boden schleifen lassen und damit Stufen ertasten. Seit 17 Jahren hat er den Stock immer dabei. "Ohne das Ding könnte ich nicht aus dem Haus gehen", sagt er. "Das wäre, als wenn ich nichts anhätte."

 

Hartmut Herold leidet an einer Augenkrankheit. Retinitis Pigmentosa heißt sie, zu deutsch Gesichtsfeldausfall. Während gesunde Menschen, wenn sie geradeaus schauen und den Kopf nicht bewegen, 180 Grad erfassen, sind es bei Herold vielleicht noch ein oder zwei Grad. Die Welt besteht für ihn aus hellen und dunklen Flecken. Er sieht keine Farben und fast keine Formen. Schuld ist ein Gendefekt, medizinisch sei daran nichts zu ändern, erklärt er. Sicher ist nur: Sein Sehvermögen verschlechtert sich stetig.

 

Wenn Hartmut Herold von seinem Heimatdorf Bocka mit dem Bus nach Altenburg fährt, setzt er sich eine orangefarbene Sonnenbrille auf. Sie schützt gegen die Helligkeit. Selbst mit dem Langstock kann er sich allein nur an Orten bewegen, die er schon kennt. Zum Glück verfügt er über einen ausgeprägten Orientierungssinn. Immerhin hat er in der Skatstadt 13 Jahre lang als Orthopädie-Schuhmacher gearbeitet. Damals waren seine Augen noch besser. Seit er 1990 in Frührente gegangen ist, fährt Herold aber immer seltener in die Stadt. "Im Alter wird man unsicher."

 

Fakt ist: In Altenburgs Innenstadt treffen sehbehinderte Menschen auf viele Hindernisse. Da sind die Aufsteller von Geschäften, die plötzlich im Weg stehen und Poller, die Autofahrern den Weg versperren. "Für mich sind das alles Stolperfallen", sagt Herold. Als gefährlich beurteilt er auch den Altenburger Busbahnhof - wegen der Stufen, die von der Fabrikstraße auf den Weg dorthin vor einigen Jahren angelegt wurden. "Wenn Treppen gebaut werden, wo nie welche waren - sowas ist problematisch", erklärt er. Da sich Blinde auf ihr Erinnerungsvermögen verlassen, rechnen sie oft nicht damit, dass sich ihre Umgebung verändert hat.

 

Wenn er sich etwas wünschen könnte, wäre es ein flächendeckendes Blindenleitsystem. Solche geriffelten Flächen, die mit dem Stock gut zu ertasten sind, gibt es derzeit nur im Altenburger Bahnhof. Zumindest von den Buslinien zum neuen Bahnhofcenter sollte das System reichen, findet der Bockaer.

 

Über das Kopfsteinpflaster gleitet sein Stock zügig dahin, aber immer wieder kommt es zu Beinahezusammenstößen mit Passanten. Nicht jeder bemerkt, dass der sehbehinderte Mann nicht ausweichen kann. An Markttagen würde sich Herold nicht in die Stadt wagen. Zu groß wäre das Risiko, dass er mit einem unaufmerksamen Fußgänger kollidiert. Übertriebene Hilfsbereitschaft nervt ihn übrigens genauso. Es kam schon vor, dass ihn jemand ungefragt auf die andere Straßenseite schieben wollte.

 

Im Alltag verlässt sich Herold auf seine anderen Sinne. Er lauscht, ob sich ein Auto nähert, riecht, dass er gerade an einer Parfümerie vorbei läuft. "Ich habe eine sehr empfindliche Nase", sagt er. Zigarettenrauch störe ihn extrem. Doch an der Ampel in der Wallstraße helfen ihm auch diese Sinne nicht. Obwohl sie für Sehbehinderte konzipiert wurde, ist das langsame Klackern nicht zu hören. Schließlich schafft es Herold, den Signalknopf zu drücken. Die Ampel wird grün, springt jedoch nach wenigen Sekunden wieder auf rot um. Da ist er gerade mitten auf der Fahrbahn - keine Chance für Blinde oder ältere Menschen.

 

Wer Hartmut Herold eine Weile begleitet, merkt schnell: Trotz aller Hürden meistert er den Alltag erstaunlich gut. Zwischenstopp in einem Fischgeschäft. "Drei Backfischbrötchen und zwei Matjes" ruft er der Verkäuferin entgegen und zückt gleichzeitig einen 20-Euro-Schein. Das Bargeld trägt er vorsortiert in einer Bauchtasche. Außerdem hat er ein Gerät dabei, das erkennt, welchen Schein er in der Hand hält. Solche technischen Gimmicks liebt Herold.

 

Unerlässlich ist für ihn auch der Farberkenner. Wenn er das kleine schwarze Teil an seine Steppjacke hält, sagt eine blecherne Stimme "dunkelblau". Er lächelt. 200 Euro koste das Gerät. Bezahlt hat es die Krankenkasse. Die Vibrationstaschenuhr, mit der er die Zeit ablesen kann, hat er sich dagegen selbst zugelegt. Am Handgelenk trägt er trotzdem noch eine normale Armbanduhr. Erkennen kann er darauf schon lange nichts mehr. "Ich kann mich nicht daran gewöhnen, sie wegzulassen."

 

Der Stock fährt wieder über das Pflaster, und Herold betritt eine kleine Drogerie in der Innenstadt. Ein Herr in weißem Kittel eilt herbei. Zahnpasta, Frottee-Waschlappen, WC-Stein - er legt alles in einen Beutel. In einem Supermarkt will Herold nicht einkaufen. "Man steht da verloren drin. Niemand kümmert sich", hat er festgestellt. In Österreich gebe es Märkte, in denen Blinde über eine Säule Hilfe anfordern können. Hierzulande hat er so etwas noch nicht entdeckt.

 

Probleme hat Herold auch auf der Bank. Am Schalter will er Geld abheben. Doch die Bankangestellte bucht den gewünschten Betrag nur auf seine Karte und schickt ihn anschließend zum Geldautomaten. Allein kommt er dort nicht zurecht: "Ich weiß nicht, wo das Geld herauskommt." Die Mitarbeiterin bietet ihre Hilfe an. Es sind solche Situationen, die für den Sehbehinderten schnell zu unlösbaren Problemen werden.

 

"Auch allein essen gehen, ist ein bisschen stressig", sagt Hartmut Herold. Was er meint, zeigt sich in einem Café am Markt. Erschöpft lässt er sich dort in einen Korbstuhl fallen. Die Kellnerin serviert Wiener Würstchen. Der Senf liegt in einem Plastiktütchen auf dem Teller. Herold sieht nicht, an welcher Stelle er die Verpackung aufreißen muss. Normalerweise lässt er sich vom Kellner sagen, auf wie viel Uhr sich zum Beispiel Fleisch, Erbsen und Kartoffeln befinden. Heute muss er sein Essen ertasten. Das Brötchen liegt auf 12 Uhr.

Gina Apitz

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