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Umjubelte „Sunset Boulevard“-Premiere mit Angelika Milster

Landestheater Altenburg Umjubelte „Sunset Boulevard“-Premiere mit Angelika Milster

Das hat man so im Altenburger Landestheater noch nie oder in längst vergangenen Zeiten gesehen: Als der letzte Akkord verklungen ist, reißt es alle Zuschauer sofort von den Sitzen. Es gibt nicht enden wollende stehende Ovationen für die Musical-Inszenierung „Sunset Boulevard“, die trotz der Starbesetzung mit Angelika Milster keine One-Woman-Show wurde.

Paraderolle: Musicalstar Angelika Milster als Norma Desmond, hier mit Mitgliedern des Opernchors.

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. Die Inszenierung des Musicals „Sunset Boulevard“ von Andrew Lloyd Webber ist ein großes Theaterereignis und vielleicht schon ein zeitig vorweggenommener Höhepunkt der Spielzeit. Das hat die Premiere am Sonntagabend im restlos ausverkauften Altenburger Landestheater überaus eindrucksvoll bewiesen. Dazu trägt natürlich die Besetzung der Hauptpartie mit Angelika Milster bei. Es war ein echter Coup, sie für diese Inszenierung zu gewinnen. Der fast grenzenlose Jubel am Ende galt aber nicht ihr allein, sondern dem grandiosen Theaterereignis insgesamt, an dem jeder Beteiligte seinen Anteil hatte.

Die Geschichte der alternden Hollywood-Diva Norma Desmond ist legendär, seit diese Billy Wilder 1950 verfilmte, damit Oscars abräumte und Andrew Lloyd Webber sie 1993 in ein Musical transformierte. Das ergibt ein Drama mit großer menschlicher Tragik: Die Diva verschanzt sich mit ihrem Butler in einer Villa mit verschlissener Eleganz, die einem Mausoleum gleicht, und wartet auf eine Rückkehr auf die Bühne.

Die scheint möglich zu werden, als sich eines Tages der arbeitslose Drehbuchautor Joe Gillis auf ihr Anwesen verirrt. Norma engagiert ihn, damit er ihr gerade fertig gestelltes Drehbuch zu einem Film überarbeitet, mit dem sie ihre Rückkehr auf die Leinwand plant. Joe lässt sich aus materieller Notlage darauf ein, wird ihr Liebhaber. Doch er trifft zugleich auf die junge Kollegin Betty Schaefer, und verliebt sich in sie. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Hintergrund der gesamten Handlung ist der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm, was für viele Stummfilmstars das Ende ihrer Filmlaufbahn wurde.

Andrew Lloyd Webbers Musical wurde anfangs nicht nur kritiklos bejubelt. Was aber Regisseur Michael Wallner und sein Team mit Thomas Wicklein (musikalische Leitung, Till Kuhnert (Bühne), Lillian Stillwell (Choreografie), Hilke Förster (Kostüme), Holger Kraus (Choreinstudierung, Felix Eckerle (Dramaturgie) sowie die Interpreten in Altenburg daraus gemacht haben, kann sich sehen und hören lassen. Sie konnten dem Stück eine besondere glänzende Politur verpassen und eine sich ständig steigernde Spannung erzeugen. Das Bühnenbild ist kein Mausoleum, sondern vollkommen aus der Handlungszeit gelöst und futuristisch modern mit Stangen, Stricken und Seilen um einen Block gelegt, der von der Seite wie eine Sprungschanze wirkt und als Showtreppe den Haupthandlungsplatz der Norma Desmond darstellt. Eine raffinierte Licht- und Projektionsregie schafft beeindruckende Bilder und Effekte, die ein und ums andere Mal das Publikum zum Staunen bringen und mit dem langen glutroten Teppich die Schicksalsfarbe der Handlung vorgibt.

Zwei Handlungsebenen bestimmen den Ablauf: Die Hollywood-Filmstudios Paramount voller Aktionen mit den gut durchkomponierten Szenen des Chores und einer Ballettgruppe und das Haus der Norma Desmond mit der großen Treppe für die vier Protagonisten.

Hier agiert die Milster nuancenreich in der Rolle einer vergessenen, gealterten Hollywood-Diva, die das Verblassen ihres Ruhmes nicht ertragen kann. Gesanglich gibt es keine Einschränkungen. Mit ihrer lyrisch klangschönen Stimme gestaltet sie ihre Lieder zu Hits und erreicht mit dem Titel „Kein Star wird jemals größer sein“ ihr gesanglich-darstellerisches Meisterstück. Hier begeistert sie mit großartiger Emotionalität. Auf der Showtreppe inszeniert sie jeden ihrer Auftritte dramatisch als Reminiszenz an ihr früheres Selbst. Sie geht in dieser Partie vollkommen auf und changiert hervorragend zwischen ausladender Mimik und Gestik eines Stummfilmstars und bewegenden Gefühlen einer zerbrochenen Frau.

Kai Wefer als Joe Gillis und Claudia Müller als Betty Schaefer mit Tänzern des Thüringer Staatsballetts und Sängern vom Opernchor

Kai Wefer als Joe Gillis und Claudia Müller als Betty Schaefer mit Tänzern des Thüringer Staatsballetts und Sängern vom Opernchor.

Quelle: Sabina Sabovic

Dass der Abend dennoch nicht zu einer One-Woman-Show wird, ist den anderen drei Hauptakteuren zu verdanken. Kai Wefer als Joe Gills ist ebenfalls eine Idealbesetzung und der Milster ein gleichrangiger Partner. Erstaunlich, wie er vom seriösen Opernsänger zum profilierten Musicalsänger „mutiert“ ist. Natürlich, er hat schon immer gern musikalische Ausflüge in den erweiterten Jazzbereich unternommen. Das kommt ihm hier zugute. Er steht vor der nicht einfachen Aufgabe, einerseits den Erzähler Joe zu geben, der die ganze Geschichte in Rückblicken preisgibt, und andererseits die Figur Joe zu spielen, der mit einer gehörigen Portion Kalkül ums Überleben kämpft und sich letztendlich doch nicht ganz den Reizen Normas und ihrer Verletzlichkeit entziehen kann. Mit großer Stimme gibt er seiner Rolle Profil, vor allem in der mehrmaliger Reprise des Titelsongs „Sunset Boulevard“.

Katrin Müller gestaltet die Partie der Betty Schaefer mit jugendlichem Charme und erfreulich frischen Gesang. Sie ist mit jeder Musicalpartie über Jahre hinweg zu einer immer besseren Sängerin in diesem Fach geworden. Wie Wefer und Müller sich während der Arbeit am gemeinsamen Drehbuch näherkommen, wird von beiden eindringlich und überzeugend gespielt.

Einen starken Eindruck macht Johannes Beck mit der Gestaltung des Butlers Max, des ehemaligen Ehemanns und Managers der Norma Desmond. Alles, was er zu singen hat, kommt überzeugend. Beck legt den Butler Max etwas unnahbar an und gibt die Geheimnisse seiner Vergangenheit erst nach und nach preis.

Die anderen in kleineren Rollen und im Besonderen auch die Chorsolisten ergänzen ohne Ausnahmen das hohe musikalische Niveau. Musikalisch ist die Entscheidung für die sinfonische Version ein großer Gewinn, zumal das Orchester unter Leitung von Thomas Wicklein den Solisten ein sicherer Begleiter ist, sie selten übertönt und in den reinen Orchesterpassagen den Musical-Glanz gewohnt schön aufleuchten lässt. In dieser Aufführung beweist sich Wicklein als ein wahrer Musical-Spezialist.

Nach knapp drei Stunden großen Theaters war kein Halten mehr auf den Stühlen: Das Publikum feierte eine wunderbare, grandiose Aufführung des Musicals „Sunset Boulevard“ mit Standing Ovations, die es in dieser Länge in diesem Haus wohl noch nicht gab. Es war ein Abend für die Theatergeschichte.

Die weiteren sechs Aufführungen bis zum Jahresende am Landestheater sind bis auf vereinzelte Restkarten in zwei Vorstellungen bereits ausverkauft. Man kann nur auf nicht abgeholte Bestellungen hoffen.

Von Manfred Hainich

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