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Altenburg Ursula Jobst wird 90
Region Altenburg Ursula Jobst wird 90
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14:13 16.03.2019
Zeugnisse eines arbeitsreichen Lebens – einige wenige ihrer geliebten Aquarelle konnte Ursula Jobst ins Seniorenheim mitnehmen. In der Hand hält sie ein Bild, das Blumen und Gräser im Garten ihres Elternhauses zeigt. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Gut möglich, dass Ursula Jobst diese Zeitungsseite nicht sonderlich gefällt. Denn sie mag es eigentlich nicht, in der Öffentlichkeit zu stehen. Doch Jutta Penndorf – Freundin, Vertraute, Seelenverwandte und einige Jahre auch Chefin – konnte sie davon überzeugen, die Zurückhaltung ausnahmsweise mal abzulegen. Denn die ehemalige Direktorin des Altenburger Lindenau-Museums weiß am besten: Ursula Jobst hat als Künstlerin sowie Mitbegründerin und langjährige Leiterin des Studios Bildende Kunst dieses Museums erstens jede Menge zu erzählen, und zweitens einen Anlass dafür: Die Altenburgerin wird am Montag 90 Jahre alt.

Skeptisch bleibt die alte Dame dennoch. „Wie groß soll die Sache über mich denn werden?“, will sie angesichts meines umfangreichen Fragenkatalogs zu ihrer Lebensgeschichte und ihrem eigenen künstlerischen Schaffen wissen. Letzteres, bedauert die Jubilarin, könne sie mir allenfalls noch in Ausstellungskatalogen und auf Fotos zeigen. Denn Ursula Jobst wohnt seit gut einem Jahr im Alten- und Pflegeheim am Hospitalplatz. Viel konnte sie in das kleine Zimmer nicht mitnehmen. Aber auch wenn es nur gut eine Handvoll Bilder, einige Mini-Keramiken und eine schöne große Applikation sind – Ursula Jobst dürfte wohl das am künstlerischsten gestaltete Zimmer im Heim ihr eigen nennen.

Rente heißt nicht zwangsläufig Ruhestand – diese farbenfrohe Collage entstand 1997. Quelle: Mario Jahn

Die unzähligen Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder, Keramiken und Applikationen, die im Laufe ihres langen Lebens entstanden, hingegen lagern wohlverpackt in ihrer alten Wirkungsstätte oder anderen Depots. Manches allerdings ist verschwunden und vieles hat sie verschenkt. Wie etwa die wohl umfangreichste Sammlung ihres Schaffens: Rund 400 Scherenschnitte haben seit vier Jahren im einzigen deutschen Scherenschnitt-Museum Vreden im Münsterland ihr neues Zuhause. Einen „Nachlass“, den die Künstlerin nun in guten Händen weiß, für den sich in ihrer Heimatstadt leider niemand ernsthaft interessiert hatte.

1929 in der Skatstadt geboren, entdeckte Ursula Jobst schon früh ihr Interesse für die Kunst und ihre Begabung. Ihre gemalten Geburtstagsgrüße und Tischkarten fanden in der Familie großen Beifall. Ihr Wunsch, Modezeichnerin zu werden oder ein Kunststudium zu beginnen, jedoch nicht. Die Existenzangst im kleinbürgerlichen Elternhaus verbot einen solchen Berufswunsch. Sie wurde Kindergärtnerin, besuchte aber in ihrer Freizeit schon kurz nach dem Krieg die Malschule im Lindenau-Museum, später einen Volkshochschulkurs von Gerhard Vontra. 1957 beteiligte sie sich erstmals mit einem Scherenschnitt an einer großen DDR-Ausstellung zum künstlerischen Volksschaffen. „Als ich zur Eröffnung kam, sagte man mir, dass ich den ersten Preis gewonnen habe“, erzählt Ursula Jobst. Ein bisschen Stolz schwingt da heute noch mit.

In dieser Zeit betreute sie schon Malzirkel, beispielsweise einen für Kinder und Jugendliche im Altenburger Schloss. Es waren keine einfachen Zeiten damals. Wenn sie mit dem Zug vom Kindergarten in Lehndorf kam, ist sie nicht gleich nach Hause gegangen, sondern musste erst die Räume im Schloss heizen.

Die Liebe zu Kunst und Kindern vereint – Ursula Jobst im Keramikkurs mit Schülern des Studios Bildende Kunst 1986. Quelle: Mario Jahn

1960 dann endlich konnte sie ihr Hobby zum Beruf machen, wurde Leiterin verschiedener Kindermal-Zirkel und arbeitete im Kreiskabinett für Kulturarbeit, bevor sie von 1971 bis zur Rente 1989 den ihr wichtigsten Job übernahm – die Leitung des Studios Bildende Kunst im Lindenau-Museum. Dem damaligen Direktor Dieter Gleisberg war es gemeinsam mit ihr und dem Künstler Günter Rackwitz gelungen, die Lindenausche Idee der Förderung von künstlerisch begabten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in einer Kunstschule wieder aufleben zu lassen.

Ursula Jobst selbst betreute die Gruppe der Acht- bis Zehnjährigen. „Liebevoll, umsichtig, herzlich. Sie war mit Leib und Seele dabei, einfach eine Perle“, erinnert sich Dieter Gleisberg überaus gern an die Zusammenarbeit. Denn sie war im Studio weit mehr als nur die Chefin, sie war die gute Seele. „Sie konnte wunderbar mit Kindern umgehen. Weil Ursula keine eigenen hat, nahm sie sich mit besonderer Liebe den Sprösslingen der Museumsmitarbeiter an“, zeigt sich Jutta Penndorf, ab 1981 Nachfolgerin von Gleisberg auf dem Direktorenstuhl, dankbar. „Bei uns gehört sie noch heute zur Familie, sie hat unsere Kinder quasi mit großgezogen.“

Ihre Scherenschnittsammlung verschenkte Ursula Jobst 2015 ans Scherenschnittmuseum Vreden – hier mit Museumschef Gebing. Quelle: Mario Jahn

Auch wenn der Beruf sie forderte, in der Freizeit ging die eigene künstlerische Betätigung weiter und das bei weitem nicht nur mit Scherenschnitten. So waren beispielsweise Stillleben in freundlichen, hellen Farben die bevorzugten Themen ihrer Aquarelle. Ende der 1970er-Jahre entdeckte Ursula Jobst den Materialdruck für sich, fand später außerordentliches Gefallen an der Applikation. Mit Stoffresten, Tüll, Tüchern sowie Nadel und Faden hatte sie schon im Elternhaus experimentiert, schließlich war der Vater Schneider und die Mutter Putzmacherin. Außerdem hinterließen sie und viele Lehrkräfte sowie Schüler des Studios Bildende Kunst ihre Handschrift in ganz Altenburg: beispielsweise ein Wandteppich für das Standesamt, Sonnensegel, ein eingebautes Kasperle-Theater oder sechs große Keramiktiere für verschiedene Kitas, ein Brunnen für das Kinderheim „Sonnenland“. Vieles davon ist in den Nachwendewirren leider verloren gegangen.

Den größten Teil ihres Lebens verbrachte Ursula Jobst nach dem Verkauf des Elternhauses in Altenburg-Nord. Mehrere Umzüge musste sie bewältigen, doch der letzte ins Seniorenheim war der schwierigste. „Einzusehen, dass es ohne fremde Hilfe nicht mehr geht, hat mehr geschmerzt als die Knie.“ Trotzdem verfällt sie nicht ins Jammern. „Höchstens mal, wenn ich allein bin“, gesteht sie. Größere Arbeiten wie Applikationen scheitern am fehlenden Platz, doch Scherenschnitte, die kleinen filigranen Werke in Schwarz-Weiß, gestaltet sie immer noch. Zu sehen sind darauf Szenen, die sie aus dem Fenstern ihres Zimmers mit Blick auf den Hospitalplatz beobachtet: Fußball spielende Kinder, eine Schneeballschlacht, eine Joggerin, eine Mutter mit Kinderwagen.

„Für Altenburg ist Ursula Jobst eine Persönlichkeit, die man nicht missen möchte in der jüngsten Kulturlandschaft der Stadt“, sagt Dieter Gleisberg. Er wird ihr wie viele andere Weggefährten selbstverständlich am Montag persönlich gratulieren.

Von Ellen Paul

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