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Verrückt geglückt

Verrückt geglückt

Verrückt oder nicht verrückt - das ist hier die Frage. Zumindest die, die sich Victor Grünfeld in der Pension Wohlstädt unaufhörlich stellen muss.

Altenburg.

Denn im Stück "Willkommen bei den Wohlstädts" - einer freien Adaption des Lustspiels "Pension Schöller" - quartiert sich die Hauptfigur in eine Irrenanstalt ein. Das glaubt sie zumindest. Gekonnt greift Regisseur Ronny Ristok das Spiel der Perspektiven auf und bewegt so auch die Laiendarsteller dazu, über ihre eigene Situation nachzudenken. Als das Stück kürzlich Premiere im Altenburger Landestheater im Theater unterm Dach hatte, standen nämlich vor allem psychisch Kranke und Suchtkranke aus den Einrichtungen des Psychosozialen Diakoniezentrums Altenburger Land "Horizonte" auf der Bühne.

 

 

 

In der Pension der Wohlstädts wimmelt es nur so von exzentrischen Figuren. Da sind zum Beispiel die von Schreibhemmung geplagte Schriftstellerin, der ängstliche Schauspieler und der grummelige General von Seckendorff. Sie alle bilden den Grundstock des lustigen Treibens und sind zugleich der Grund dafür, dass die Hauptfigur sich wahrhaftig in einer Irrenanstalt wähnt. Natürlich bleibt diese Lüge von Agnes Wohlstädt nicht ohne Folgen und der Zuschauer kann allerhand Irrungen und Wirrungen mitverfolgen.

 

Dass man dabei auch kleine Texthänger und Unzulänglichkeiten verzeiht, ist vor allem Ronny Ristok zu verdanken. Als Regisseur ist es dem 1989 geborenen Schmöllner gelungen, mit jedem Darsteller die Rolle zu erarbeiten, die ihm liegt und seinen Fähigkeiten entspricht. So macht es nichts, wenn die Figur Olga Schwan einen Blick ins Textbuch werfen muss - immerhin ist sie Schriftstellerin, die Buch und Notizheft stets zur Hand hat. Oder Prinz Frederik von Unter-Lippe, dessen Diener ihm stets die Worte vorab zurechtlegt - auch hier geht Ristok mit einer Schwäche bewusst um und verwandelt sie humoristisch zu einer Stärke.

 

Überhaupt der Humor - das ist die eigentliche Stärke des Stücks. Ganz feinsinnig inszeniert der Medienkunst-Student Situationskomik. So, wenn sich der Prinz beim Schauspielabend ausgerechnet den einen Platz aussucht, der bereits belegt ist. Oder wenn der grummelige General von Seckendorff mit der tiefen Stimme plötzlich ganz lieblich-hoch ruft "Ich bin verliebt!". Und ganz witzig wird es, wenn die Schauspieler darüber debattieren, wie sie sich das Publikum nackt vorstellen. Oder sich zuflüstern, welche Krankheiten der eine und andere Zuschauer hat. Denn dabei wird die grundsätzliche Frage, wer hier verrückt ist, auf eine zweite Ebene gehoben.

 

Das kommt nicht von ungefähr. Ristok hat das Stück absichtlich für diese Laienspielgruppe ausgewählt, damit sich die Bewohner der Horizonte-Einrichtungen ganz bewusst, aber spielerisch mit dem Sujet Verrücktsein auseinandersetzen. "Wenn man mit psychisch Kranken arbeitet, kann man dieser Thematik nicht aus dem Weg gehen", sagt Ristok. "Die Leute sollten etwas aus ihrer Persönlichkeit in die Rollen einbringen, aber nicht sich selbst spielen." Wie gut dies funktioniert, merkt man während der 60-minütigen Inszenierung. Und wie stark es die Menschen verändern kann, spürt man, wenn man mit den Darstellern spricht. Einer erzählt zum Beispiel, wie toll er es findet, dass jeder Verantwortung für das Stück hat. Und ein anderer sagt, dass er durch die Theaterarbeit offener, selbstbewusster und glücklicher geworden ist. Das ist auch deshalb so, weil "Willkommen bei den Wohlstädts" dabei hilft, über psychische Erkrankungen lachen zu können, ohne sich lustig zu machen. Das jedenfalls zeigt ein Scherz der Darsteller beim nicht enden wollenden Applaus zur Premiere: "Wenn Sie weiter klatschen, werden Sie eingeliefert." Tja, wer ist schon normal?

 

Übrigens: Das Stück soll keine einmalige Sache bleiben. Während Ronny Ristok jetzt für ein halbes Jahr im Ausland studiert, gibt es eine Vertretung für die Theatergruppe. Und anschließend ist geplant, die Komödie auch in anderen Orten zu zeigen.

Jenifer Hochhaus

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