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Viel Kraut zum Küssen – Misteln breiten sich wieder aus

Altenburger Land Viel Kraut zum Küssen – Misteln breiten sich wieder aus

Nachdem Misteln Anfang der 1990er-Jahre im Altenburger Land fast verschwunden waren, wächst die Population bei Meuselwitz seit geraumer Zeit wieder an. Der Brauch aus dem englischsprachigen Raum, sich unterm Mistelzweig zu küssen, gewinnt dadurch an ganz neuen Möglichkeiten.

Bei Meuselwitz steigt der Baumbewuchs mit Misteln wieder an.

Quelle: Mario Jahn

Meuselwitz/Altenburg. Küssen unterm Mistelzweig: Speziell zu Weihnachten soll das wahre Wunder wirken. Keiner weiß so recht warum, doch gerade in Großbritannien und den USA schwören viele auf diesen Brauch. Der Mistelzweig soll dabei über der Tür hängen. Der Legende nach bleiben Paare dann ein Leben lang zusammen. Verlockende Aussichten – für die sich nun auch im Altenburger Land wieder ganz neue Möglichkeiten bieten. In den 1980er- und 90er-Jahren war die sagenumwobene Pflanze hierzulande fast verschwunden, mittlerweile sind die immergrünen Sträucher aus der Familie der Sandelholzgewächse wieder auf dem Vormarsch.

Bezeichnet werden diese Pflanzen auch als Hexenkraut, Wintergrün oder Vogelkraut. Zur aktuellen Jahreszeit, wenn Bäume kein Laub tragen, sind sie besonders gut zu erkennen. Eine relativ große Population gedeiht seit einigen Jahren zwischen Meuselwitz und Lucka, wo an den grünen „Bällen“ hoch oben in den Wipfeln jetzt die weißen Beeren reifen. Ein Leckerbissen für Vögel in der kalten Jahreszeit. „Die Beeren sind sehr klebrig. Vögel, die davon fressen, reinigen sich danach gern den Schnabel, in dem sie ihn an anderen Bäumen reiben. Unter anderem so verbreiten sich die Samen der Misteln, die dann einfach kleben bleiben“, erläutert Margitta Pluntke, Botanikerin im Altenburger Naturkundemuseum Mauritianum.

Der Mistel-Klebstoff war im 19. Jahrhundert auch der Rohstoff für den sogenannten Vogelleim, der im Altenburger Land beispielsweise in Lohma an der Leina hergestellt wurde. Im nahen Forst gab es anfangs genug Misteln. Doch bereits 1838 berichten die Quellen von einem deutlichen Rückgang der Leimproduktion, so Pluntke. Der inzwischen verstorbene Experte für die heimische Flora, Klaus Strumpf, notierte noch 1992: Die Misteln sind im Landkreis selten und auf dem Rückzug. 2007 zählte er bereits wieder

in Bünauroda und freute sich darüber, dass sie wieder auf den Vormarsch sind. Heute stehen entlang der Landesstraße zwischen Meuselwitz und Lucka sowie an der Straße Richtung Wintersdorf schätzungsweise zehnmal so viele Bäume, die die Halbschmarotzer durchfüttern.

Denn genau das sind sie. „Halbschmarotzer bedeutet, dass die Misteln den Nährstoffstrom ihrer Wirtsbäume – gern wachsen sie auf Pappeln oder Apfelbäumen – anzapfen. Sie sind aber auch selbst zur Photosynthese fähig“, erklärt Pluntke. Je nach Gehölz, auf dem sich die Weißbeerige Mistel niederlässt, wird diese als Laubholz-, Tannen- oder Kiefernmistel bezeichnet, ergänzt Volker Gebhardt, Thüringen Forst-Vorstand. Die beiden letzteren sind deutlich seltener, weshalb sie unter Naturschutz stehen. Jedoch ist im Altenburger Land auch die Laubholzmistel nach wie vor recht selten. Beispielsweise im Leinawald gebe es von den „geduldeten Plagegeistern“, wie sie Revierförster Jörg Zippel nennt, heute praktisch keine. Kämen sie zurück, wäre das aber auch kein so großes Problem, weil sie in aller Regel ihren Wirtsbäumen wenig schaden.

Auch wenn den Misteln schon zu Zeiten des Römischen Reiches eine mythische Bedeutung zugeschrieben wurde und sie noch heute als Heilpflanzen gelten, konnte bis jetzt der wissenschaftliche Beweis nicht erbracht werden, dass Misteln etwa als Krebsmedikament wirksam sind. Sicher scheint jedoch, dass ein Kuss zu Weihnachten unterm Mistelzweig der Liebe nicht schadet.

Von Jörg Reuter

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