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Vorlesestadt Nummer eins

Vorlesestadt Nummer eins

Die Thüringer Heinrich-Böll-Stiftung, die seit 2000 jährlich in allen größeren Städten des Freistaates Heinrich-Böll-Tage veranstaltet, hat nun herausgefunden, dass ganz im Osten ein weißer Fleck geblieben ist.

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Vier Vorleserinnen: Gabriela Pradel, Tina Jung, Katharina Stiwi und Patricia Findeisen (v.l.).

Quelle: Jens Paul Taubert

Den galt es zu tilgen und so kamen die Heinrich-Böll-Tage 2014 mit einem attraktiven Programm nach Altenburg. Dazu gehörte auch eine Lesemeile, zu der am Sonntag eingeladen wurde - mit einem Publikumsinteresse weit über den Erwartungen.

 

 

 

Ein großer Schriftsteller äußerte schon vor langer Zeit, dass er und seine Kollegen weniger gelobt und mehr gelesen sein wollten. Heinrich Böll widerfährt nun solches in Altenburg, wobei hier das Lob nicht fehlt und aus dem Lesen das Vorlesen wurde. Das nun ist die älteste und immer noch effektivste Methode, gute Literatur zu genießen: Einer liest vor und viele hören zu.

 

Die Verantwortlichen der Stiftung waren sich nicht ganz sicher, ob sich in der Thüringer Provinz weitab vom klassischen Zentrum in Mittelthüringen genügend Vorlesungswillige finden würden und beorderten den einen und anderen Vorleser aus Jena und Gera für den Sonntagabend in die Skatstadt. Sie hatten sich offenbar nicht genügend kundig gemacht, sonst hätten sie erfahren, dass Vorlesen dank des Theaters hier Konjunktur hat und Altenburg dadurch zur Vorlesestadt Nummer 1 in Thüringen geworden ist.

 

Auch die Angst um genügend Zuhörwillige war umsonst. In der ersten Lesemeilen-Station, dem Lindenau-Museum, hatten sich über 40 Literaturfreunde eingefunden. Als Vorleserinnen fungierten mit Tina Jung, Katharina Stiwi und Patricia Findeisen drei Schülerinnen des Friedrichgymnasiums, sowie die Altenburger Ärztin Gabriela Pradel. Angekündigt war eigentlich ihr Mann, doch der hatte seiner Frau das Amt bereitwillig überlassen. "Wir haben während der Vorbereitung festgestellt, dass meine Frau das sehr viel besser kann als ich", sagte Henrik Pradel und nahm statt im Podium im Publikum Platz. Alle vier Damen erfreuten die Zuhörer mit klaren und ausdrucksstarken Vorlesungen und zeigten mit den Texten - darunter der wunderbar ironische "Nicht nur zur Weihnachtszeit" - die Vielseitigkeit des Schriftstellers.

 

Die Schnuphase'sche Buchhandlung war Station Nummer zwei und hatte ausnahmsweise einmal Sonntagabend ihre Türen geöffnet. Hier waren die auswärtigen Vorleser aktiv: zuerst Peter Przetak, der Leiter der Theaterfabrik in Gera, der das Publikum unter anderem mit dem ehemals politisch brisanten Text "Du fährst zu oft nach Heidelberg" bekannt machte. Hintergrund der Geschichte sind die Notstandsgesetze in den 1970er-Jahren der Bundesrepublik. Martin Stiebert, ein passionierter Vorleser aus Jena, wollte nach dem politischen Böll mehr den artifiziellen Böll als Künstler zeigen. Er tat dies mit "Ankunft 2" aus dem "Irischen Tagebuch" und mit einem Auszug aus "Gruppenbild mit Dame". Ganz erfreulich war der Vortrag dreier Gedichte des Schriftstellers, der ja kein Lyriker war, durch die Schauspielerin des Altenburg-Geraer Theaters, Johanna Paliege.

 

Durch argen Zeitverzug kamen die Teilnehmer, die alle drei Stationen besuchten - und das waren immerhin ein Dutzend - verspätet ins Paul-Gustavus-Haus, was aber nicht unbedingt störte, denn hier herrschte die Atmosphäre eines lockeren Happenings. Mit den Gästen von der Buchhandlung war der große Raum fast überfüllt, und es gab so viele Vorleser, dass nicht alle vorbereiteten Texte zu Gehör gebracht werden konnten. Das war ein gutes Zeichen. Der Kabarettist Carsten Heyn, der Schüler Felix Reichenbach vom Spalatin-Gymnasium, die Linken-Politikerin Birgit Klaubert, die Hausfrau Konstanze Böhme und der Pensionär Peter Gzik saßen abwechselnd in der gut eingerichteten Vorleseecke und verlängerten den Abend hier mit ihren selbst ausgewählten Böll-Texten bis Richtung Mitternacht.

 

Man ehrt einen Dichter am besten mit seinen eigenen Worten. Dass dies auch in Altenburg möglich ist, beweist diese Lesemeile, die sich mit anderer Thematik durchaus wiederholen ließe.

 

© Kommentar Seite 11

Manfred Hainich

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