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Warum tut sie uns das an?

Warum tut sie uns das an?

Richter Berndt Neidhardt führt seine Verhandlungen in aller Regel ruhig, er lächelt oft, wirkt freundlich, bleibt auch im Streit gelassen. Gestern allerdings erlebte man einen völlig anderen Mann.

Mit Zornesröte im Gesicht erhob er seine Stimme. Allerdings nur ein Mal.

 

Vor ihm im Zeugenstand saß die Mutti eines Mädchens aus Altenburg, das zwischen September 2009 bis Oktober 2012 in 117 Fällen sexuell missbraucht worden sein soll, vom Freund der Mutter. Der Prozess gegen den 48-Jährigen wurde am 14. Mai eröffnet (OVZ berichtete) und gestern fortgesetzt - in einem Saal, dessen Besucherstühle fast vollständig besetzt waren.

 

Das zu den Tatzeiten zwischen fünf und acht Jahre alte Kind hatte im Sommer 2012 seiner Mutter offenbar nur in wenigen Worten von den Übergriffen berichtet, war dabei jedoch auf Ungläubigkeit sowie Unverständnis gestoßen. Und damit auf eine wichtige Bezugsperson, die den mutmaßlichen Peiniger auch noch in Schutz nahm. "Ich glaube das auch heute nicht", wiederholte die 45-Jährige, wie sie ihr Kind vor einem Jahr dazu brachte, ihr gegenüber die Vorfälle nie wieder zu erwähnen.

 

"Es kann vielleicht sein, dass sie gemerkt hat, dass ich ihr nicht glaube", nannte die Zeugin gestern vor Gericht selbst den Grund dafür. "Ich schließe aus, dass es stimmt", sagte die Mutter, die in der Verhandlungspause jenem Mann auf der Anklagebank Handküsse zuwarf, der sich an ihrer Tochter vergangen haben soll. "Ich weiß nicht, warum sie uns das antut?", fragte die Frau in den Saal hinein.

 

Das genau war die Stelle, an der dem Richter der Kragen platzte. "Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass Ihre Tochter Sie anlügt?", schrie Neidhardt. Wie könne sie dazu beitragen, dass ihr neunjähriges Kind deswegen in den Zeugenstand müsse?, fragte er fassungslos.

 

Das aber ist nicht alles. Seit die Vorwürfe bekannt sind, wohnt das Opfer bei seinem Vater in Bad Lausick und besuchte die Familie in Altenburg nur hin und wieder. Dabei sollen Mutter und Bruder Einfluss auf sie genommen haben, ihre Vorwürfe zu überdenken. So zumindest gab der Vater die Worte seiner Tochter ihm gegenüber wieder. "Du hast die ganze Familie zerstört", soll der 19-jährige Bruder dem Mädchens zugesetzt haben. "Wenn Mama sich was antut, bist du daran Schuld."

 

Neben den sich widersprechenden Aussagen des Opfers, des Angeklagten, der die Taten abstreitet, und der Mutter, die ihrem Freund die Tat nicht zutraut, gibt es allerdings auch Fakten. So erklärten sowohl die Mutter als auch der Vater, dass ihr Kind im Tatzeitraum im Intimbereich oft wund und entzündet war. Sie machte ins Bett. Das führte die Frau auf eine Blasenentzündung zurück; die wunden Stellen habe sie immer ordentlich eingecremt. Die Frage eines Gutachters, ob ihr Kind dazu neige, Geschichten zu erfinden, beantwortete die Frau mit Nein.

 

Ein Verdacht steht nach der gestrigen Gerichtsverhandlung zumindest auf wackeligen Beinen. Die Verteidigung hatte in der ersten Verhandlung einen zweiten Mann ins Spiel gebracht, der für den Missbrauch ebenso verdächtigt werden könne, weil ihn das Opfer mit dem Angeklagten verwechselt habe: Jens T. aus Bad Lausick. Er stritt dies gestern vor Gericht vehement ab. Der 43-Jährige gab allerdings zu, dem Kind Briefe geschrieben zu haben mit Formulierungen wie: "Ich habe dich ganz toll lieb."

 

Das Gericht ging dem nicht weiter nach. Die Verhandlung vor dem Landgericht Gera wird am 30. Mai fortgesetzt. Jens Rosenkranz

Jens Rosenkranz

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